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DVD „Alles andere zeigt die Zeit“: 25 Jahre Leben und Sterben

Sven heute. Abb.: Absolut Medien / aus: Andreas Voigt: Alles andere zeigt die Zeit

Sven heute. Abb.: Absolut Medien / aus: Andreas Voigt: Alles andere zeigt die Zeit

Berührende Doku von Andreas Voigt auf DVD erschienen

1989 stromert Isabel als Gruftie-Mädchen mit ihrer Clique durch die Abbruchhäuser von Leipzig. Idealistisch und antikapitalistisch gestimmt, malt das junge Mädchen „Nazis Raus“ auf Kohleanhänger, lächelt schüchtern dabei. Und sie ärgert sich über die Skinheads, die ihr ständig die Robert-Smith-Frisur abzuschneiden versuchen. 25 Jahre später lebt Isabel allein mit einer Vogelspinne in einer abgeleckten Lifestyle-Wohnung. Das Gothic-Girl von einst fährt einem teuren Audi-Cabrio durch Schwaben und begleitet als Insolvenz-Anwältin Firmen und Menschen in den Untergang.

Isabel als Gruftie-Mädchen 1990 in Leipzig. Abb.: Absolut Medien / aus: Andreas Voigt: Alles andere zeigt die Zeit

Isabel als Gruftie-Mädchen 1990 in Leipzig.
Abb.: Absolut Medien / aus: Andreas Voigt: Alles andere zeigt die Zeit

Neuer Streifen einer Leipzig-Filme-Reihe

Isabels Transformation ist nur einer von vielen Lebenswegen, die der Filmemacher Andreas Voigt seit der Wende im Osten mit der Kamera begleitet und zu einer ganzen Serie von Leipzig-Streifen verarbeitet hat. Zusammengeschnitten hat er diese zweieinhalb Jahrzehnte Leben und Sterben zwischen Sachsen, NRW und Schwaben nun in der bewegenden Dokumentation „Alles andere zeigt die Zeit – Leipzig und anderswo 1989-2015“.

Isabel heute. Abb.: Absolut Medien / aus: Andreas Voigt: Alles andere zeigt die Zeit

Isabel heute. Abb.: Absolut Medien / aus: Andreas Voigt: Alles andere zeigt die Zeit

Job und Liebe vergeigt

Was diesen Film so packend macht, liegt einerseits natürlich im enormen zeitlichen Aufwand, die der Filmemacher da investiert hat. Aber auch daran, dass Andreas Voigt die Menschen, die er so lange begleitet hat, zwar fordert, aber nicht verurteilt. Nicht Renate, die sich mit der Stasi einließ und schließlich an den seismischen Folgewellen dieser Entscheidung nach der Wende zerbrach. Auch nicht Sven, der jahrelang zwischen extrem links und extrem rechts hin und her pendelt, der erst seine Lehre und dann seine große Liebe vergeigt und völlig abstürzt. Der ein glänzendes Zeugnis von der Bundeswehr bekommt, dessen Bund mit Diana zu Filmbeginn unzerstörbar erscheint – und der heute um Jobs bettelt, sein Esse bei der Armentafel holt und sich „Furor Teutonicus“ in den Leib tätowieren lässt.

Sven und Diana 1996. Ihr Liebe schien unzerstörbar. Abb.: Absolut Medien / aus: Andreas Voigt: Alles andere zeigt die Zeit

Sven und Diana 1996. Ihr Liebe schien unzerstörbar.
Abb.: Absolut Medien / aus: Andreas Voigt: Alles andere zeigt die Zeit

Ganz dicht dran

Die vorurteilsfreie Innen- und Außensicht all dieser Lebenswege, auf anderthalb Stunden verdichtet, bringt uns ganz nahe an Sven, Renate und Isabel. So dicht, dass dem Zuschauer manchmal der Atem stockt, wenn er spürt, wie da der Frager einen ganz wunden biografischen Punkt angetippt hat. Wie er zu erkennen beginnt, wo die Selbstdarstellung eines Menschen nach außen endet und der Wesenskern hervor blitzt.

Fazit: Fesselnd

Eine der packendsten Langzeit-Biografiedokus überhaupt. Fesselnd und atemberaubend vor allem für all jene, die den Bruch durch die Wende selbst kennen. Autor: Heiko Weckbrodt

„Alles andere zeigt die Zeit – Leipzig und anderswo 1989-2015“, Regie: Andreas Voigt, 95 Minuten, Farbe und Schwarzweiß, Verlag: Absolut Medien, Bonus-Material: Infomaterial auf PDF zu den Leipzig-Filmen, Bonus-Doku „INVISIBLE – illegal in Europa“, DVD: 15 Euro

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