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IS-Terror zielt auf Exodus der Muslime aus Europa

Martin Zabel und Khaldun Al Saadi im HAIT Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Martin Zabel und Khaldun Al Saadi im HAIT Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Arabisten: Anschläge zielen indirekt auf Glaubensbrüder

Dresden, 12. Oktober 2016. Mit ihren Anschlägen in Europa spielen totalitäre islamistische Terror-Gruppen wie der selbst ernannte „Islamische Staat“ (IS) eher indirekt „über Bande“: Besonders dogmatische religiöse Täter wollen gar nicht so sehr Schrecken unter Deutschen, Franzosen und anderen angeblichen „Kreuzfahrern“ säen, sondern einen Massen-Exodus der Muslime aus dem Westen ins „gelobte Land des Friedens“ auslösen, sprich: ins IS-besetzte „Kalifat“. Das haben die Arabisten Khaldun Al Saadi und Martin Zabel in einem Vortrag im Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT) in Dresden eingeschätzt.

Beim Bomben-Syrer von Sachsen ging Plan nicht auf

Während der jüngsten Terrorbedrohung durch einen 22-jährigen Syrer in Sachsen sei dieser Plan allerdings gründlich schief gegangen, betonte Khaldun Al Saadi: Statt den Bombenleger in spe zu unterstützen, lieferten ihn syrische Flüchtlinge der Polizei aus. Damit hätten in diesem Fall die gemäßigten Kräfte innerhalb der Exil-Syrer die Oberhand gegen die radikalen Elemente behalten – ganz anders,  als sich die IS-Planer dies vorgestellt hatten.

Drahtzieher spekulieren auf Radikalisierung

In ihrer „Betrachtung totalitärer Entwicklungen im islamistischen Kontext“ zeigten sich Al Saadi und Zabel überzeugt, dass es dem totalitären Flügel innerhalb der radikalislamistischen Szene nur in zweiter Linie darum geht, sich an den von ihnen so genannten „Kreuzfahrer-Staaten“ zu rächen, dort Angst  zu verbreiten und „Ungläubige“ aller Couleur zu meucheln. In erster Linie spekulieren sie auf die Reaktion der westlichen Gesellschaften: Wenn Franzosen, Deutsche und andere anfangen, allen Muslimen zu misstrauen, ihre Rechte zu beschneiden und sie zu unterdrücken, könnten die sich radikalisieren und sich entscheiden auszuwandern.

„Burkini-Debatte kam IS nur recht“

„Die Burkini-Debatte kam dem IS nur recht“, sagte Zabel. In Hochglanz-Magazinen für Exil-Muslime schlachten die IS-Propagandisten nämlich diese Diskussionen genüsslich aus und kommentieren sie etwa so: „Seht, wie eure Rechte in den Kreuzfahrerstaaten mit Füßen getreten werden. Deshalb kommt zu uns ins ideale Land“.

Salafisten interpretieren „Quellcode des Islams“ dualistisch

Zudem habe der IS aus muslimischen Strömungen wie dem saudi-arabischen Wahabismus und dessen „Export-Variante“, dem Salafismus, eine enorm populäre „totalitäre Trägerideologie“ entwickelt, erklärte Khaldun Al Saadi. Schon der im 18. Jahrhundert entstandene Salafismus hatte die im Koran in verschiedenen Suren empfohlene Liebe zu Glaubensbrüdern und Schwestern (Walāʾ) und die Ablehnung von Vielgötterei und Götzendienern (Barā) zum dualen Prinzip „Al-Walāʾ wa-l-barāʾ“ zusammengezogen. Anfangs bezog sich diese Abwendung der Muslime nicht auf andere monotheistische Religionen. Der radikale Flügel der Salafisten interpretierte „Al-Walāʾ wa-l-barāʾ“ dann als Rat, alle Menschen zu hassen, die nicht der salafistischen Ideologie folgen mochten. „Der Quellcode des Islams besteht für diese Salafisten darin, die Welt zweizuteilen: in rechtgläubige Muslime, die sie lieben, und in Ungläubige beziehungsweise fehlgläubige Muslime, die sie hassen.“

Totalitäre Ideologie entstanden

Dieses schlichte dichotome Weltbild übe gerade auf radikalisierte junge Muslime eine große Anziehungskraft aus. Und diese totalitäre Ideologie legitimiere selbst solche Strafen und Gewaltexzesse, die fast alle muslimischen Rechtsgelehrten als völlig unislamisch einstufen.

Autor: Heiko Weckbrodt

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