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Industrie 4.0 wird über die Software entschieden

Xenon Dresden: Monteur Clemence Jost (vorn) und Elektriker Thomas Thieme justieren eine Prüfanlage für Auto-Radarsensoren. Foto: Heiko Weckbrodt

Xenon Dresden: Monteur Clemence Jost (vorn) und Elektriker Thomas Thieme justieren eine Prüfanlage für Auto-Radarsensoren. Foto: Heiko Weckbrodt

Xenon Dresden wächst kräftig: die Dresdner Anlagenbauer haben den Trend zur Vollautomatisierung beizeiten erkannt

Dresden, 15. September 2016. Die nahende „Industrie 4.0“ kündigt sich durch Investitionswellen in den Wertschöpfungsketten der deutschen Wirtschaft an. Und hochspezialisierte Werk-Ausrüster wie die Xenon Automatisierungstechnik Dresden wirken da wie Seismografen für den neuen Trend hin zur vollautomatischen, digital vernetzten Fabrik: „Unser Umsatz hat sich seit 2013 verdoppelt“, berichtet Hartmut Freitag, der das Anlagenbau-Unternehmen gemeinsam mit Tobias Reißmann leitet. Beide rechnen mit weiterem Wachstum. Heute weihen sie deshalb mit der Belegschaft ihre jüngste Fabrikerweiterung ein.

Xenon Dresden: Der Neubau an der Stuttgarter Straße entstand wegen der großen Nachfrage vor allem nach großen Xenon-Maschinen. Foto: Heiko Weckbrodt

Xenon Dresden: Der Neubau an der Stuttgarter Straße entstand wegen der großen Nachfrage vor allem nach großen Xenon-Maschinen. Foto: Heiko Weckbrodt

Pläne für nächste Erweiterung schon in der Schublade

Im Eiltempo haben sie an der Stuttgarter Straße binnen sieben Monaten eine neue Montagehalle hochgezogen, damit sie die Kunden-Wünsche nach Automaten-Taktstraßen „Made in Saxony“ erfüllen können. Drei Millionen Euro hat die Fabrik-Erweiterung inklusive Ausrüstung gekostet. Pläne für die nächsten Ausbaustufen liegen bereits „in der Schublade“, verrät Freitag.

Xenon Dresden: Die Geschäftsführer Tobias Reißmann (l.) und Hartmut Freitag in der Montagehalle - sie freuen sich über die gute Auftragslage. Foto: Heiko Weckbrodt

Xenon Dresden: Die Geschäftsführer Tobias Reißmann (l.) und Hartmut Freitag in der Montagehalle – sie freuen sich über die gute Auftragslage. Foto: Heiko Weckbrodt

Wettlauf um Roboterautos sorgt für Aufträge

Die Nachfrage kommt vor allem von führenden Automobil-Zulieferern wie Bosch und Conti, die nach und nach ihre Fabriken rund um den Erdball mit Xenon-Maschinen ausrüsten, aber auch aus der Solarbranche und Medizintechnik. Selbst namhafte Konsumgüter-Hersteller sind unter den Kunden der Dresdner: „Wenn Sie jetzt irgendwo eine Logitech-Computermaus mit Einsteck-Receiver kaufen, dann wurde dieses Modul höchstwahrscheinlich auf einer Xenon-Maschine gefertigt“, erzählt Geschäftsführer Tobias Reißmann mit sichtlichem Stolz.

Weil viele Autohersteller ihre Fahrzeuge mit immer mehr Kameras spicken - hier BMW-Testfahrer Dr. Nico Kämpchen beim Forschungsprojekt "Hochautomatisiertes Fahren" auf der Autobahn - steigt die Nachfrage für hochintegrierte Bild-Sensoren. Foto: BMW

Weil viele Autohersteller ihre Fahrzeuge mit immer mehr Kameras spicken – hier BMW-Testfahrer Dr. Nico Kämpchen beim Forschungsprojekt „Hochautomatisiertes Fahren“ auf der Autobahn – steigt die Nachfrage für hochintegrierte Bild-Sensoren. Foto: BMW

Umsatz verdoppelt

Diese und andere Aufträge haben dem Unternehmen in den Jahren nach der jüngsten Weltwirtschaftskrise zu einem bemerkenswerten Wachstum verholfen: 2013 kam Xenon auf rund 21 Millionen Euro Umsatz, davon waren 20 Prozent Auslandsaufträge. Inzwischen ist die Exportquote auf 50 Prozent gestiegen und für 2016 erwarten Reißmann und Freitag über 40 Millionen Euro Umsatz. Auch die Belegschaft ist binnen Jahresfrist um 30 auf nun 214 Mitarbeiter gewachsen. „So einen starken Anstieg hatten wir noch nie“, sagte Reißmann.

Starke Schübe kommen vor allem aus zwei Richtungen: Einerseits sind viele Manager der globalen Automobilindustrie zur Meinung gelangt, dass fahrerlose Roboterautos nur noch eine Frage der Zeit sind, und dass der Weg dahin über immer mehr Fahrerassistenz-Systeme à la Einparkhilfe, Radarsensorik und Spurhalte-Assistent führt. Und deren mechatronische Komponenten sind auf sehr präzise und hochautomatische Montage-Technologien angewiesen, wie sie Xenon entwickelt hat. „Wir segeln da in einem Megatrend“, ist Freitag überzeugt.

In der hochautomatisierten, vernetzten Fabrik der Zukunft (Industrie 4.0) handeln Maschinen, Roboter und Werkstücke die Fertigungsabläufe selbstständnig untereinander aus. Abb.: Silicon Germany AG

In der hochautomatisierten, vernetzten Fabrik der Zukunft (Industrie 4.0) handeln Maschinen, Roboter und Werkstücke die Fertigungsabläufe selbstständnig untereinander aus. Abb.: Silicon Germany AG

Industrie 4.0 gilt als deutsche Domäne

Der zweite große Wachstumstreiber ist die „Industrie 4.0“. Diese Metamorphose der Industrie hin zu hochautomatisierten, vernetzten und produktiveren Fabriken wurde zunächst vor allem in Deutschland beschworen. Inzwischen sind auch Konzernbosse und Wirtschaftspolitiker in den USA, Italien und anderen Ländern auf den Trichter gekommen und schauen neugierig auf diese deutschen Konzepte.

Kaum eine Alternative zur Volldigitalisierung

„Viele Industriezweige werden um die totale Digitalisierung aller Betriebsprozesse gar nicht herumkommen, wenn sie die Performance ihrer Fabriken noch steigern wollen“, ist Tobias Reißmann überzeugt. „Zur Vernetzung und Digitalisierung gibt es kaum eine Alternative.“ Und wie man das anstellt, darin sei „Deutschland führend und diese Führungsrolle sollten wir auf keinen Fall aus der Hand geben“.

Ein Arbeiter im VW-Werk Wolfsburg identifiziert mit der Datenbrille rasch eine Scheibe. Foto: VW

Ein Arbeiter im VW-Werk Wolfsburg identifiziert mit der Datenbrille rasch eine Scheibe. Foto: VW

Xenon arbeitet an „Augmented Reality“-Wartung

Wichtige Mosaiksteinchen der „Industrie 4.0“ beherrschen die Xenon-Ingenieure bereits, andere entwickeln sie derzeit gemeinsam mit der TU und der HTW Dresden. Dazu gehören „Augmented Reality“-Konzepte (AR), die zum Beispiel bei Aufbau, Wartung und Reparaturen an der Maschine unterstützen, indem sie computergenerierte Schemata, elektronische Handbücher und anderen Hilfen vor Ort auf die Smartphones, Tablets oder Datenbrillen der Monteure und Servicetechniker einblenden.

Immer mehr Software-Experten im Maschinenbau gefragt

Aber auch der Anteil der Programmierer wächst in der Belegschaft des Anlagenbau-Unternehmens immer mehr. „Die Industrie 4.0 wird sich ganz stark auf der Software-Ebene abspielen“, meint Reißmann. Denn Maschinen mit Greifarmen, Robotern, Sensoren aufzurüsten und per Datenkabel oder Funk zu vernetzen, ist zwar schon eine Kunst für sich. Die Automaten aber auch dazu zu bringen, sich untereinander abzustimmen, Staus selbst zu beheben, auf Fehler im Prozess schlau zu reagieren – das wird vor allem eine Frage raffinierter Computerprogramme und fähiger Entwickler sein.

Das Maskottchen von Xenon ist eine Roboterin. Zwar arbeitet das Dresdner Unternehmen nicht wirklich mit humanoiden Robotern, rechnet aber damit, das solche künstlichen Arbeitskollegen in vielen Fabriken Einzug halten werden. Visualisierung: Xenon

Das Maskottchen von Xenon ist eine Roboterin. Zwar arbeitet das Dresdner Unternehmen nicht wirklich mit humanoiden Robotern, rechnet aber damit, das solche künstlichen Arbeitskollegen in vielen Fabriken Einzug halten werden. Visualisierung: Xenon

Gute Lehrlinge zu finden wird schwerer

Allerdings spürt das Unternehmen auch schon erste Engpässe: Vor allem gute Lehrlinge und Nachwuchs-Facharbeiter für Montage und Service zu gewinnen, sei kompliziert geworden, sagen Freitag und Reißmann unisono. Dabei seien die Facharbeiter-Jobs von heute viel interessanter und breiter angelegt als früher.

Expansion nach China und Mexiko

Und gute Leute wird Xenon demnächst noch mehr brauchen. Denn das Unternehmen ist international auf Wachstumskurs: Die vor drei Jahren gegründete Tochtergesellschaft in China macht inzwischen drei Millionen Euro Umsatz und beschäftigt 35 Mitarbeiter, hat sogar eine eigene Entwicklungsabteilung aufgebaut.

„Und diese Erfolgsstory wollen wir jetzt in Amerika wiederholen“, kündigte Tobias Reißmann an: Zunächst nur als Service-Standort für die erste Anlage, die die Dresdner im November nach Mexiko liefern, soll die neue mexikanische Xenon-Tochter in den nächsten fünf bis sieben Jahren ebenfalls zu einer Komplettfabrik mit eigener Entwicklung und Produktion wachsen. „Derzeit tätigen die großen Automarken aus den USA und Japan wie GM, Ford, Chrysler und Toyota ganz enorme Investitionen in Mexiko, um von dort aus den ganzen NAFTA-Wirtschaftsraum zu bedienen“, sagt Reißmann. „Da wollen wir mitmischen.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Zahlen & Fakten:

Firma:

Xenon Automatisierungstechnik GmbH

Sitz:

Dresden-Gittersee

Gegründet:

1990

Geschäftsfelder:

Bau von Sondermaschinen und hochautomatisierten Taktstraßen

Umsatz (2015):

34 Millionen Euro ( 42 %)

Belegschaft:

214 Mitarbeiter

Mehr Infos im Netz:

xenon-automation.com

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