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Abschied vom Großen Winterberg

Der Große Winterberg auf einer Ansichtskarte vor dem 1. Weltkrieg. Repro: Peter Weckbrodt

Der Große Winterberg auf einer Ansichtskarte vor dem 1. Weltkrieg. Repro: Peter Weckbrodt

Gaststätte, Hotel und Turm schließen Ende Oktober endgültig

Schmilka, 19. August 2016. Schon unsere Ur- Urgroßeltern scheuten den doch etwas anstrengenden Aufstieg auf den mit 556 Meter zweithöchsten Berg der Sächsischen Schweiz nicht. Oben angekommen, machte der Genuss eines frischen Bieres oder eines duftenden Kaffees, die Stärkung mit einer ordentlichen Mahlzeit dies allemal wett. Dann lockte ja noch der fantastische Blick vom Aussichtsturm, der auch bis weit ins Böhmische hinein reichte. Dieses schöne Erlebnis wollen wir uns mit diesem Wochenendausflug ein allerletztes Mal verschaffen, es wird kein Weiteres Mal geben: Die Gaststätte, das Hotel und der Turm werden zum Saisonende am 31. Oktober geschlossen und im Frühjahr 2017 nicht wieder geöffnet. Das bestätigte Marc Henkenjohann, der Erbpächter und Betreiber dieser Einrichtungen auf entsprechende Anfrage dem Oiger.

Wirt: Abgaben machen Betrieb unrentabel

Die Erträge reichen nicht, um dieses Objekt rentabel zu bewirtschaften, resümiert er im Gespräch. Die Rahmenbedingungen für den Betrieb gastronomischer Einrichtungen machten dies derzeit einfach unmöglich. Die Belastung mit Steuern, Gebühren und Abgaben seien zu hoch. Henkenjohann macht dafür die Politik verantwortlich, er sieht auch die anderen Gastronomen, nicht nur in der Region, vor einem ähnlichen Schicksal.

Hotel, Gaststätte und Turm auf dem Großen Winterberg. Foto: Peter Weckbrodt

Hotel, Gaststätte und Turm auf dem Großen Winterberg. Foto: Peter Weckbrodt

Fahren verboten

Also machen wir uns vom Parkplatz oder vom Fähranleger in Schmilka auf den Weg hinauf auf den Großen Winterberg. Fast könnte behauptet werden, es führten viele Wege nach oben. Einer von ihnen ist der Malerweg, den könnten wir wählen. Es gibt auch eine schmale Fahrstraße hinauf. Sie ist länger, auf fast sechs Kilometer gestreckt überwindet sie den beachtlichen Höhenunterschied von rund 450 Metern. Laufen dürfen wir auf ihr, fahren ist verboten. Nicht einmal Hotelgäste dürfen sie zur An- und Abreise mit ihrem Pkw benutzen.

Das ist nur eine von diesen Bedingungen, die das Buchen eines Hotelplatzes auf dem Berg nicht sonderlich attraktiv machen. Das Frischwasser muss auch von Schmilka hinauf. Dafür erwarb der Hotelier in den vergangenen beiden Jahren zwei Spezialpumpen, Kostenpunkt jeweils gut 10.000 Euro. Jede der Pumpen schafft 250 Meter Höhenunterschied. Dafür sind 25 Bar Pumpendruck erforderlich. Zum Vergleich: Selbst die stärksten deutsche Dampflokomotiven haben „nur“ 16 Bar Kesseldruck!

Künftig nur noch kleiner Imbiss

Ja, das geht heute wenig gelehrt zu auf unserer Tour. Aber wir wollen auch begreifen, wie es dazu kommen kann, dass uns auf dem Großen Winterberg künftig lediglich eine einfache Imbissversorgung erwartet. Und dies auch nur Ostern, Pfingsten und Himmelfahrt, aber immerhin durchgängig dann ab Juli bis Ende Oktober.

Die bisher für die auf dem Berg für alle Abwässer genutzte Klärgrube vorhandene Ausnahmegenehmigung läuft ohne Wenn und Aber am 31. Oktober 2016 aus. Eine alternative, eben auch langfristige Lösung hat Henkenjohann nicht. Kein eigenes Geld und Objekte in dieser Branche auch für keine Bank kreditwürdig.

Ein Blick in den Festsaal. Hier feierten und tanzten Generationen. Foto: Peter Weckbrodt

Ein Blick in den Festsaal. Hier feierten und tanzten Generationen. Foto: Peter Weckbrodt

Tanzsaal für Generationen

Wir sind inzwischen, so nach einer guten Stunde, richtig schön durchgeschwitzt oben angekommen. Dort erwartet uns dann aber tatsächlich eine richtig tolle Speisekarte und ein sehr schönes Ambiente. Wenn irgend möglich, sollten wir einen Blick in den Saal werfen. Der strahlt eine sehr schöne Atmosphäre aus. Hier haben tatsächlich Generationen gefeiert und getanzt.

Goethe junior: „Das Bier, der Rum, etc. sind gut“

Immerhin wurde auf dem Gipfel des Großen Winterbergs bereits 1819 durch den Forstfiskus ein erstes Unterkunftshaus errichtet. Goethes Sohn August weilte oben und berichtete: „Es befindet sich hier ein kleines Häusgen, wo man gut bewirtet wird, das Bier, der Rum, etc. sind gut.“ Das heute noch stehende Hotel im Schweizerstil entstand zwischen 1840 und 1846. Es steht unter Denkmalschutz. Mit Carl Prätorius begann 1898 eine Familientradition auf dem Berg, die bis 1964 (!) durchgängig anhielt. Dann folgte die Nutzung als Ferienobjekt durch das Dresdner Verkehrs- und Tiefbaukombinat. Zwischen 1990 und 1994 stand das Haus leer.

Eigentümer ist der Freistaat

Im Frühjahr 1994 entdeckte der gerademal 18-jährige Marc Henkenjohann das Objekt. Kurzerhand pachtete er es. 1998 schloss er mit dem Sächsischen Immobilien- und Baumanagement (SIB), der das Haus für den Eigentümer, den Freistaat Sachsen verwaltet, einen Erbpachtvertrag ab. Beim Erbpachtvertag bleibe es, er wolle am Berg bleiben, das versichert Henkenjohann. Wenn die Rahmenbedingungen sich verbessern sollten –und darauf hofft er –, dann könnte sich auch die Türen der Gaststätte wieder öffnen. Da ist wohl viel Optimismus gefragt!

Wir sind gestärkt. Nun haben wir die Qual der Wahl: gleicher Weg zurück nach Schmilka oder den sehr lohnenden Abstieg hinunter zum Zeughaus wählen. Da lockt die einmalige Goldsteigaussicht mit ihrem bis zu siebenfachen Echo. Fünfmal bekommen Sie bei Windstille bestimmt hin. Die Richtung zu den Schrammsteigaussichten ist was für gut Konditionierte.

Wie auch immer, Jeder kommt auf seine Kosten, wird aber auch etwas traurig sein, der Abschied vom großen Winterberg fällt uns diesmal schwer.

Wanderkarte:

Rolf Böhms „Große Wanderkarte der Sächsischen Schweiz“ 1: 30.000

Anfahrt:

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[caption id="attachment_67607" align="alignleft" width="117"]Peter Weckbrodt. Foto: IW Peter Weckbrodt. Foto: IW[/caption]Peter Weckbrodt hat ursprünglich Verkehrswissenschaften studiert, wohnt in Dresden und ist seit dem Rentenantritt journalistisch als freier Mitarbeiter für den Oiger und die Dresdner Neuesten Nachrichten tätig.

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