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Franz Marc: Blaureitender Prophet der Moderne

Franz Marcs Meisterwerk "Der Turm der Blauen Pferde", 1913, 2 mal 1,3 Meter (Original verschollen), Repro: York-Projekt, Lizenz: gemeinfrei

Franz Marcs Meisterwerk „Der Turm der Blauen Pferde“, 1913, 2 mal 1,3 Meter (Original verschollen), Repro: York-Projekt, Lizenz: gemeinfrei

Biografie setzt dem viel zu jung gestorbenen Expressionisten facettenreiches Denkmal

Franz Marc (1880-1916) mag vielen Menschen nur als „der mit den Blauen Pferden“ in Erinnerung sein, durch die unzähligen Repro-Poster von Marcs Werken. Der Bayer prägte aber die moderne Malerei in Europa in viel größerem Maße mit, als wohl den meisten Deutschen bewusst ist. Der Bremer Kunsthistoriker Wilfried F. Schoeller hat dem Ausnahme-Künstler nun mit der gleichermaßen empathischen wie kritischen Biografie „Franz Marc“ ein facettenreiches Denkmal gesetzt.

Langer Weg vom Illusionsmaler in die Abstraktion

Franz Marc ging in seinem kurzen Leben einen ganz eigenen, steinigen Weg vom Naturabbildner zur abstrakten Malerei, vom einsamen Wolf zum beispielgebenden Netzwerker. Vom Vorstellungs-Kosmos seines Vaters, des Münchner Landschaftsmalers Wilhelm Marc, musste sich der Sohn erst lösen. Während der Vater zeitlebens den Kunst-Konventionen des 19. Jahrhunderts verhaftet blieb und den künstlerischen Pfad des Sohnes nie recht verstand, ebnete Franz gemeinsam mit Wassily Kandinsky, August Macke und anderen Freunden einer ganzen Künstler-Generation den Weg ins 20. Jahrhundert.

Franz Marc im Jahr 1910. Fotoautor unbekannt, Herausgeber Ernst Jünger, Wikipedia, Lizenz: Gemeinfrei

Franz Marc im Jahr 1910. Fotoautor unbekannt, Herausgeber Ernst Jünger, Repro: Wikipedia, Lizenz: Gemeinfrei

Marc und Kandinsky initiierten den „Blauen Reiter“

Er gab gemeinsam mit Kandinsky den bahnbrechenden Almanach „Der Blaue Reiter“ heraus, inszenierte sich als Prophet der Moderne. Und er starb jung: Den I. Weltkrieg begrüßte er zunächst als „heilsamen wenn auch grausamen Durchgang“ zu einer „Reinigung“ Europas – und kam in eben dieser Reinigung um. Im März 1916 fiel Franz Marc, gerade erst 36 Jahre alt, und folgte damit seinem Malerfreund August Macke, der schon 1915 getötet wurde.

In "Tierschicksale" aus dem Jahr 1913 hat sich Marc schon weit in die Abstraktion begeben. Der gegenständnliche Kern des Bildes bleibt aber sichtbar. Repro: Wikipedia, gemeinfrei

In „Tierschicksale“ aus dem Jahr 1913 hat sich Marc schon weit in die Abstraktion begeben. Der gegenständliche Kern des Bildes bleibt aber unverkennbar. Repro: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei

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Stetiges Ringen um neue Formsprache

Interessant, aber hypothetisch bleibt die Frage, welch Oevre Marc noch vollbracht hätte, wäre er nicht so früh gestorben. Mit einiger Sicherheit aber hätte ihn sein Weg wohl weiter hinein in die Abstraktion geführt – obgleich ihm das breite Publikum auf diesem Pfad immer weniger folgen mochte. Aber der Mensch und Künstler, den Schoeller biografisch skizziert, war keiner, der stehen blieb, der besinnungslos Moden nachrannte oder sich selbst nur noch kopierte. Inspirieren ließ sich Marc von vielen Einflüssen: Van Gogh und Cezanne verehrte er, genauso verarbeitete er aber auch Eingeborenen-Kunst und die Wilden um Matisse, saugte Schönbergs innovative Zwölfton-Musik und Picassos Kubismus auf, suchte die Grenzen zwischen Malerei, Theater, Musik, Religion und Wissenschaft zu überwinden. Und kopierte all diese Konzepte nicht einfach, sondern verinnerlichte sie, um dann umso ernsthafter an der eigenen Formsprache zu ringen.

Auf dem Bucheinband ist ein Selbstproträt von Franz Marc mit der unvermeidlichen Fellmütze zu sehen. Abb.: Hanser-Verlag

Auf dem Bucheinband ist ein Selbstporträt von Franz Marc mit der unvermeidlichen Fellmütze zu sehen. Abb.: Hanser-Verlag

Meisterwerk seit Kriegsende verschollen

Anders als für seinen Freund Kandinsky blieb für Marc jedoch selbst in der Abstraktion ein gegenständlicher Kern. Dieser Prozess lässt sich der schön anhand der 63 Farb-Reproduktionen im Buch nachvollziehen. Sichtbar wird hier, wie sich Marc immer mehr von reiner Illusions-Malerei löste, die Landschaften und Tierkörper vereinfachte, auf ihren Wesenskern zu reduzieren suchte. Auch eine Repro seines Meisterwerks ist hier zu sehen: Der „Turm der Blauen Pferde“ gilt leider seit dem Ende des II. Weltkrieges als verschollen. Zuletzt befand es sich vermutlich im Besitz von NS-Luftmarschall Hermann Göring. Der hatte anscheinend Gefallen an Marcs Werk gefunden, obwohl die Nazis dessen Malerei offiziell als „entartete Kunst“ beschimpften. Der Eindruck, den das zwei Meter hohe Gemälde auf Zeitgenossen machte, soll jedenfalls immens gewesen sein, ob man nun Fan der Expressionisten war oder nicht.

Werbung: Hier kann man die Marc-Biografie kaufen

Winfried Schoeller. Abb.: Hanser-Verlag

Winfried Schoeller. Abb.: Hanser-Verlag

All diese faszinierenden Facetten und Entwicklungsstränge untersucht Schoeller in seiner neuen Biografie sehr kenntnisreich, sehr einfühlsam. Er verliert dabei aber nicht die nötige kritische Distanz, arbeitet auch präzise Marcs Schwächen und Irrungen sowie die Legenden um dessen Person heraus. Eine faszinierende Lektüre, die den Leser fortwährend zur eigenen Reflexion herausfordert. Autor: Heiko Weckbrodt

Wilfried F. Schoeller: „Franz Marc – eine Biografie“, Hanser-Verlag, 2016, 400 Seiten, 63 Farbrepros und zahlreiche SW-Abbildungen, 26 Euro, ISBN 978-3-446-25069-7

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