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Schau mir in die Augen, Fahrer!

An den Prüfständen im Keller unterziehen die Dresdner Preh-Ingenieure die neuentwickelten Auto-Radios und -Navis Langzeit-Betriebstests. Foto: Heiko Weckbrodt

An den Prüfständen im Keller unterziehen die Dresdner Preh-Ingenieure die neuentwickelten Auto-Radios und -Navis aufwendigen Langzeit-Betriebstests. Foto: Heiko Weckbrodt

Neuer-alter Dresdner Higtech-Entwickler „Preh Car Connect“ forscht am vernetzten Auto der Zukunft

Dresden, 10. August 2016. Die Ingenieure des Dresdner Autoelektronik-Unternehmens „Preh Car Connect“ (alias Technisat Dresden) wollen Automobilen beibringen, die Gesichter ihrer Besitzer zu erkennen, vor straßenquerenden Pokemon-Spielfiguren zu warnen und chinesische Pseudo-iPhones zu kopieren. Für diese und weitere Forschungsprojekte wollen die neuen chinesischen Eigentümer das ehemalige Technisat-Entwicklungszentrum im Dresdner Westen personell ausbauen. Das hat Technikchef Stefan Gottschlag angekündigt. Der neue Geschäftsführer Ralf Voß sieht einen „Megatrend zum vernetzten Fahrzeug“.

Ralf Voß ist seit Juli Geschäftsführer von "Preh Car Connect". Hier steht er im EMV-Labor im Hauptquartier in Dresden. Hier können Ingenieure die elektromagnetische Verträglichkeit neuer Elektronikprodukte ausmessen. Foto: Heiko Weckbrodt

Ralf Voß ist seit Juli Geschäftsführer von „Preh Car Connect“. Hier steht er im EMV-Labor im Hauptquartier in Dresden. Hier können Ingenieure die elektromagnetische Verträglichkeit (EMV), also letztlich die Abstrahlungswerte neuer Elektronikprodukte ausmessen. Foto: Heiko Weckbrodt

Navi absorbiert das iPhone

So konstruiert „Preh Car Connect“ derzeit Navigationssysteme, die wie ein digitales Gefäß die Inhalte und individuellen Programme von iPhones, Android- und chinesischen Baidu-Smartphones aufnehmen und spiegeln können. Sprich: Autofahrer, die lieber ihre Telefone als Navis verwenden wollen statt eingebauter Lotsen, verbinden sich mit dem Fahrzeug und das tut dann so, als ob es das Smartphone des Fahrers sei. Auch forschen die Ingenieure an Gesichtserkennungs-Systemen, die Auto-Dieben das Handwerk schwer machen. Zudem arbeiten sie an zentimetergenauen Navis für Roboterautos sowie an Projektionssystemen für Windschutzscheiben, die reale und virtuelle Umgebung – ähnlich wie beim Trendspiel „Pokemon Go“ – als „Erweiterte Realität“ verschmelzen.

Christoph Hummel, der Chef der Muttergesellschaft Preh, schaut sich gemeinsam mit Technikchef Stefan Gottschlag die Labore der Tochter Preh Car Connect ab. Foto: Heiko Weckbrodt

Christoph Hummel, der Chef der Muttergesellschaft Preh, schaut sich gemeinsam mit Technikchef Stefan Gottschlag die Labore der Tochter Preh Car Connect ab. Foto: Heiko Weckbrodt

Immer aufwendigere Entwicklungsprojekte

Diese immer anspruchsvolleren Entwicklungsprojekte mit all ihrem Aufwand waren ein Grund, warum das Zentrum im Dresdner Gewerbepark Merbitz im Frühjahr einen neuen Eigentümer bekam. Der frühere Betreiber Technisat habe wohl eher bei Preh mit dessen internationaler Ausrichtung und Rückhalt Chancen gesehen, diese teuren Forschungen erfolgreich fortzuführen, schätzte Preh-Chef Christoph Hummel ein.

Das Preh-Hauptquartier in Dresden, ehemals Technisat. Foto: Preh

Das Preh-Hauptquartier in Dresden, ehemals Technisat. Foto: Preh

Start 1992 als Tuner-Konstrukteur

Ursprünglich hatte das deutsche Konsumelektronik-Unternehmen „Technisat“ das Dresdner Zentrum nach der Wende eingerichtet, um moderne Fernseh- und Autoradio-Empfänger zu konstruieren. Seit 1992 wuchs diese Schar von Ingenieuren stetig, die ehrgeizigen Dresdner Entwickler stürzten sich dann auch auf immer komplexere Navis und andere Autosysteme.

Chinesen schluckten Autosparte

Im Frühjahr 2016 verkaufte Technisat seine Autoelektronik-Sparte an den chinesischen Konzern Joyson (50 Prozent der Anteile) und dessen fränkische Tochtergesellschaft „Preh“ (50 Prozent). Daraus entstand das neue Tochterunternehmen „Preh Car Connect“ mit nun 1320 Mitarbeitern und 392,5 Millionen Euro Jahresumsatz (Stand: 2015). Dazu gehören neben Dresden noch Produktions- und Vertriebs-Standorte in Thüringen, Rheinland-Pfalz, Polen, China und den USA. Hauptsitz und Forschungszentrale wurde das ehemalige Technisat-Zentrum Dresden. Mit dem Deal wechselten auch rund 400 Dresdner Technisat-Mitarbeiter in das neue Unternehmen. Weitere 80 Mitarbeiter, die auf Konsumelektronik spezialisiert sind, bleiben bei Technisat Dresden, das an die Washingtonstraße umzog.

Unternehmen will mehr Software-Ingenieure

Angesichts der ehrgeizigen Ausbaupläne des neuen Eigentümers musste die frischgeschmiedete Preh-Tochter inzwischen bereits zusätzliche Büros für 80 Mitarbeiter in Dresden-Klotzsche anmieten. Insgesamt will Geschäftsführer Voß allein in Dresden in diesem Jahr 120 Ingenieure, Software-Experten und andere Mitarbeiter einstellen, derzeit hat die Belegschaft 520 Köpfe erreicht „Und wenn sich die Auftragslage wunschgemäß entwickelt, werden wir auch in den nächsten Jahren weitere Ingenieure brauchen“, schätzte er ein. Sein Chef Christoph Hummel hält ein Wachstum um etwa 100 neue Jobs pro Jahr in Dresden in naher Zukunft für wünschenswert.

Über Preh

Die „Preh“-Gruppe selbst geht auf einen kleinen Radioelektronik-Hersteller zurück, den Jakob Preh 1919 in einer früheren Gastwirtschaft in Bad Neustadt an der Saale gegründet hatte. Später profilierte sich die Firma als Automobilzulieferer. Ab 2011 übernahm die chinesische Joyson-Gruppe das Unternehmen schrittweise. Heute hat Preh rund 6300 Mitarbeiter und kommt auf einen Jahresumsatz von zirka 1,2 Milliarden Euro. Zu den Schlüsselkunden gehören VW, BMW, Ford, Audi, Mercedes, und Tesla.

Autor: Heiko Weckbrodt

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