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Vietnamesen pflegen kranke Sachsen

Tien Phucc Long (links) und Nguyen Le Thien Y mögen ihre Arbeit in Deutschland. Sie wollen hier als Krankenpfleger blieben. Foto: Heiko Weckbrodt

Tien Phucc Long (links) und Nguyen Le Thien Y mögen ihre Arbeit in Deutschland. Sie wollen hier als Krankenpfleger bleiben. Foto: Heiko Weckbrodt

„Fleißig, freundlich, integriert“: Von 16 jungen Vietnamesen, die nach Sachsen zogen, um Pfleger zu werden

Dresden/Bischofswerda, 7. Juli 2016. 16 junge Vietnamesen sind vor einem Jahr nach Sachsen gekommen, um sich hier zum Krankenpfleger nach deutschem Standard ausbilden zu lassen. In Dresden pauken sie die Theorie, in Umland-Kliniken lernen sie die Praxis kennen. Die Sachsen spekulieren darauf, mit solchen Projekten den wachsenden Fachkräfte-Mangel in der Pflege zu mindern. Die Vietnamen selbst hoffen auf gute Jobs, ihre Chefs daheim auf einen Know-how-Transfer in die Heimat. Aus dem Pilotprojekt soll nun etwas Langfristiges werden.

Eine fremde Welt aus Eierschecke, Fußball und Schwarzbrot

Tien Phucc Long ist 25 Jahre jung. Er spielt gerne Fußball. Er mag den Kuchen, den die Sachsen backen. Sogar an das Schwarzbrot, das seine deutschen Kollegen ständig essen, hat er sich gewöhnt. Und er ist weit, weit weg von zu Hause: Fast 12.000 Kilometer trennen Dresden und Ho-Chi-Minh-Stadt. Jeden Tag nach der Arbeit im Krankenhaus Bautzen setzt sich der junge Mann in seinem neuen Zuhause in Bischofswerda an den Computer und videotelefoniert per Internet mit seiner Mutter im fernen Vietnam. Er lebt sparsam in der großen WG, die er mit seinen Altersgenossen und Landsleuten teilt – damit er auch etwas Geld zu seiner Familie senden kann, die ihm die Ausbildung in Deutschland erst ermöglicht hat.

Gemeinsam kochen hilft Vorbehalte zu überwinden. In der Helios-Klinik waren die vietnamesischen Azubis auch mal Lehrer, wenn es um asiatische Kochkunst geht. Foto: DPFA

Gemeinsam kochen hilft Barrieren zu überwinden. In der Helios-Klinik waren die vietnamesischen Azubis auch mal Lehrer, wenn es um asiatische Kochkunst geht. Foto: DPFA

Fernost-Azubis sparen, um Geld nach Hause senden zu können

Klar habe er manchmal Heimweh, sagt er. Trotzdem will er hier in Sachsen bleiben, wenn er die Prüfung zum Krankenpfleger bestanden hat. „Ich werde hier arbeiten und jedes Jahr wenigstens einmal nach Vietnam fliegen“, hat er sich schon überlegt. Und mit dem Lohn, den er dann für die Arbeit im Krankenhaus bekommt, könne er auch mehr Geld nach Hause zur Familie schicken.

Dirk Bachmann. Foto: Outlaw

Dirk Bachmann. Foto: Outlaw

Deutscher Abschluss zählt in Ho-Chi-Minh-Stadt viel

Tien Phucc Long ist einer von 16 jungen Frauen und Männern, die vor einem Jahr den weiten Weg von Vietnam nach Sachsen geflogen sind, um sich hier nach deutschen Standards zu Krankenpflegern ausbilden zu lassen. Denn ein deutscher Abschluss zählt in Vietnam viel, erzählt der ehemalige Dresdner Jobcenter-Chef Dirk Bachmann, der das sächsisch-vietnamesische Bildungsprojekt zusammen mit einem sozial veranlagten Privatkrankenhaus-Chef in Ho-Chi-Minh-Stadt eingefädelt hatte. Mit dem deutschen Zeugnis in der Tasche bekommen die junge Vietnamesen plötzlich ganz andere Karriere-Chancen in beiden Ländern – und lindern ganz nebenbei auch den Fachkräfte-Mangel in den deutschen Pflegeberufen.

Die jungen Vietnamesen auf dem zentralen Marktplatz in Bischofswerda. Foto: Heiko Weckbrodt

Die jungen Vietnamesen auf dem zentralen Marktplatz in Bischofswerda. Foto: Heiko Weckbrodt

Junge Pfleger bekommen nur schwer Jobs

„Ich habe schon in Vietnam als Krankenpflegerin gearbeitet“, erzählt die 28-jährige Nguyen Le Thien Y. „Aber dort ist es für Jüngere schwer, einen Arbeitsplatz zu finden.“ Als sie dann daheim im Fernsehen hörte, dass die Oberlausitz-Kliniken Krankenpfleger suchen und die DPFA-Akademie in Dresden die Qualifikation übernimmt, stand ihr Entschluss bald fest: „Ich will im Ausland lernen und arbeiten“, sagt sie. „Ich hatte zwar erst auch etwas Angst, so weit weg zu gehen. Aber auch meine Mutter hat mir zugeredet, das zu machen.“

Gerald Svarovsky von der Dresdner DPFA-Akademie. Foto: Heiko Weckbrodt

Gerald Svarovsky von der Dresdner DPFA-Akademie. Foto: Heiko Weckbrodt

Die Angst, zurückgeschickt zu werden

Die ganze Familie kratzte alles Geld zusammen, nahm einen Kredit auf, um Nguyen Le Thien Y den Flug und die Ausbildung in Sachsen zu finanzieren. Entsprechend groß ist der Druck, der auf den jungen Vietnamesen nun lastet. „Für die jungen Leute ist das unheimlich schwer“, meint Gerald Svarovsky von der Dresdner DPFA-Akademie, die die theoretische Ausbildung, die Praktika in den Krankenhäusern und die Unterbringung der Vietnamesen organisiert hat. „Sie müssen hier bestehen, um ihre Familien nicht zu enttäuschen. Sie haben Angst, dass sie zurück müssen, wenn sie in den Prüfungen versagen.“

Manche mögen uns nicht

Und längst nicht alles lief und läuft wie geschmiert. „Es gibt ein paar Kollegen, die mögen uns nicht“, erzählt Tien Phucc Long nach einigem Zögern und mehreren Rückfragen. Wenn diese Kollegen in einer Schicht mit den Vietnamesen zusammenarbeiten, lassen sie die jungen Ausländer ihre Antipathien auch spüren. „An solchen Tagen ist es kein angenehmes Arbeiten“, sagt Tien Phucc Long. Und die Patienten? „Die mögen uns“, sagt der junge Mann und winkt fröhlich ab. „Die finden uns sehr freundlich und fleißig. Einer war richtig traurig, als er hörte, dass ich bald in einer anderen Abteilung arbeite.“

Sprachbarrieren höher als gedacht

Als noch ernsteres Problem erwies sich indes die Sprachbarriere, die sich weit höher auftürmte als gedacht. „Viele unserer Mitarbeiter sprechen sächsischen Dialekt und verwenden viele Abkürzungen aus dem Krankenhaus-Alltag“, erzählt Carsten Tietze, der Geschäftsführer der Helios-Klinik „Schloss Pulsnitz“, in der ein Teil der vietnamesischen Azubis lernt und arbeitet. „Das ist für Ausländer schwer zu verstehen.“ Auch brauchten die Vietnamesen deutlich länger als gedacht, um die fremde Sprache zu lernen. Das sieht auch Tien Phucc Long so: „Beim Sprachkurs in Vietnam haben wir Hochdeutsch gelernt. Hier sprechen aber viele Kollegen und Patienten einen Dialekt. Es war anfangs sehr schwierig, sie zu verstehen. Jetzt haben wir uns daran gewöhnt.“

Künftig Gastfamilien statt Groß-WG

Für Gerald Svarovsky ist das eine Lehre. So sei das nun einmal bei einem Pilotprojekt, sagt er. Wenn die nächsten Klassen nach Sachsen kommen, werde die Akademie die jungen Vietnamesen lieber bei deutschen Gastfamilien unterbringen statt alle zusammen in einem Haus. „Dann sprechen sie auch nach dem Feierabend Deutsch.“ Denn schon jetzt ist absehbar: Damit sie alle Fachprüfungen auf Deutsch ablegen können, wird die Akademie die Lernphase bis zum Herbst verlängern müssen. Und: Wahrscheinlich werden nicht alle Krankenhäuser weiter mitmachen, bedarf es doch langer Einlauf- und Lernkurven auf beiden Seiten – von deutschen Kollegen wie vietnamesischen Azubis.

Die nächste Gruppe bereitet sich in Vietnam bereits vor

Aber auch das steht schon fest: Haben die ersten 16 die Prüfungen im Herbst bestanden, wollen Deutsche und Vietnamesen das Projekt fortsetzen und ausweiten. Am 1. November fliegt die nächste Gruppe von 16 angehenden Krankenpflegern von Vietnam nach Dresden.

Klinik-Chef: Hier können alle gewinnen

„Ich sehe hier eine Win-Win-Situation“, sagt Klinik-Chef Carsten Tietze. „Wir loten Wege aus, um dem Fachkräftemangel in der Pflege früh zu begegnen. Dabei haben wir uns bewusst für vietnamesische Pfleger entschieden: Sie sind sehr freundlich, fleißig und integriert.“ Die Klinik erwäge angesichts der guten Erfahrungen mit der ersten Gruppe, das Vietnam-Projekt auch auf die Klinik-Gastronomie und andere Bereiche auszudehnen. „Andererseits kann dieses Programm auch zu einem Know-how-Transfer in Richtung Vietnam führen.“

Eingelebt im kühlen Deutschland

Insofern hoffen die vietnamesischen Partner natürlich, dass die jungen Leute irgendwann in die Heimat zurückkehren. Aber die allermeisten werden wohl für einige Jahre in Sachsen bleiben. „Wenn ich die Prüfung bestehe, will ich mich um einen Arbeitsplatz im Krankenhaus Bischofswerda als Krankenpflegerin bewerben“, erzählt Nguyen Le Thien Y. „Mir gefällt es hier in Deutschland. Die Ärzte und Schwestern sind hier alle so nett. Nur an das Wetter hier muss man sich erst mal gewöhnen: In Vietnam ist es viel wärmer.“

Autor: Heiko Weckbrodt

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