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„Hardcore“ im Kino: ein Film als Egoshooter

Alles aus der Ich-Perspektive: Anderthalb "Hardcore"-Stunden lang sehen wir durch Henrys Augen, wie der sich durch Moskau schießt und brennt. Abb.: Capelight

Ein Film ganz aus der Ich-Perspektive: Anderthalb „Hardcore“-Stunden lang sehen wir wie in einem Egoshooter durch Henrys Augen, wie der sich durch Moskau schießt und brennt. Abb.: Capelight

90 Minuten Gewaltexzess in Moskau aus der Ich-Perspektive

Seine Action-Orgie „Hardcore“, die heute in den Kinos angelaufen ist, hat Regisseur Ilya Naishuller nicht nur nach dem gemeinhin höchsten Schwierigkeitsgrad in Computerspielen benannt, sondern sie auch visuell ganz und gar wie einen Ego-Shooter inszeniert. Sprich: Wir sehen den rasant-gewalttätigen Rache- und Befreiungsfeldzug eines kybernetisch aufgemotzten Soldaten durch Moskau und Umgebung 90 Filmminuten lang durch die Augen des Hauptdarstellers Henry. Das ist gewöhnungsbedürftig und kann selbst hartgesottene Spielernaturen schnell seekrank machen.

Werbevideo (Capelight):

Die Story: Henry hetzt Entführern von Estelle nach

Ab dem ersten Licht auf der Leinwand sieht der Zuschauer alles aus der Ich-Perspektive von Henry. Der war wohl mal ein Mensch, hatte anscheinend einen Unfall und wurde im Koma von Ärzten in eine kybernetisch aufgerüstete Kampfmaschinen umgewandelt. Der Film setzt damit ein, dass er die Augen aufschlägt. Als erstes sieht er eine schöne junge Frau, die ihm erklärt, dass sie Estelle, seine Freundin, sei und sie sich schnell aus diesem Hightech-Labor befreien müssten. Kaum gesagt, dringt schon ein Söldnertrupp ein, trennt beide, entführt Estelle. Die restlichen anderthalb Stunden verbringt Henry damit, halb Moskau und dessen Umgebung dazu in Schutt und Asche zu legen, sich durch Bordelle zu kämpfen und geheime Labore zu finden, um seine Ische zu befreien. Dass er in all dem nur wie ein Bauer im großen Schachspiel manipuliert wurde, erkennt er erst zum Schluss.

Als Henry in "Hardcore" aufwacht, ist er kybernetisch verändert. Estelle (Haley Bennett) erklärt dem Verwirrten, er habe das Gedächtnis verloren. Sie sei seine Freundin und werde ihm helfen. Abb.: Capelight

Als Henry in „Hardcore“ aufwacht, ist er kybernetisch verändert. Estelle (Haley Bennett) erklärt dem Verwirrten, er habe das Gedächtnis verloren. Sie sei seine Freundin und werde ihm helfen. Abb.: Capelight

Stilistik: Visuelle Mittel aus der Spielebranche

Hauptdarsteller Henry bekommen wir nur mal kurz indirekt zu Gesicht, dafür viel Wackelkamera-Ich-Perspektiven. Um der Egoshooter-Gemeinde entgegenzukommen setzt Regisseur Naishuller die typischen inszenatorischen Mittel von Action-Videospielen wie Amoklauf und finaler Gewaltexzess ein, die auf der Leinwand doch etwas uncineastisch und völlig übertrieben wirken. Selbst wer schon seit Jahren Egoshooter zockt, wird angesichts der exzessiv eingesetzten Ego-Wackelkamera ganz schnell Anwandlungen von Übelkeit verspüren: Es ist eben doch zweierlei, wilde Bildwechsel im Videospiel selbst zu steuern, oder auf der der Leinwand passiv durchgeführt zu werden.

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Fazit: Mehr Spiel als Film

Obwohl egoshooter-geschult, habe ich gelegentlich weggeguckt, weil mir das Gewackel auf der Leinwand zu extrem war. Zweiter Punkt: „Hardcore“ ist eben doch mehr Spiel als Film geworden. Und wie schon der Slo-Mo-Vorspann und der Titel erahnen lassen: „Hardcore“ ist extrem gewalttätig inszeniert, ja entmenschlicht in jeder Hinsicht. Aber das erwartet man wohl auch, wenn man in solch einen Film geht.

Anzumerken ist aber auch, dass gerade die subjektive Egoshooter-Perspektive gepaart mit teils extrem rasanten Actionszenen wirklich das damit wohl bezweckte Ziel gelegentlich erreicht: Adrenalin-Ausstoß beim Zuschauer. Auch streut Regisseur Ilya Naishuller gelegentlich ironische Brechungen ein, die jeder selbst entdecken mag.

Autor: Heiko Weckbrodt

„Hardcore“ (Capelight/ Wild Bunch), Russland/USA 2016, Regie: Ilya Naishuller, mit Haley Bennett, Sharlto Copley („Elysium“), Danila Kozlovsky, Tim Roth („Planet der Affen“), 90 Minuten, FSK 18

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