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Im Brückenbau hatte Kriegsministerium den Daumen drauf

Diese Flugabwehrtürme an der Rheinbrücke Remagen mussten die Brückenplaner nachträglich auf druck des Militärs mit einkalkulieren. Repro: hw, aus: Tagungsband „26. Dresdner Brückenbausymposium

Diese Flugabwehrtürme an der Rheinbrücke Remagen (1919) mussten die zivilen Brückenentwerfer nachträglich auf Druck des Militärs mit einplanen. Repro: hw, aus: Tagungsband „26. Dresdner Brückenbausymposium

Deutsches Militär bestand bei zivilen Flussquerungen auf Sprenglagern, Bunkern und später gar Flugabwehr

Dresden, 17. März 2016. Viele Brücken, über die wir bis heute mit der Bahn fahren oder laufen, formte vor über 100 Jahren das preußische und das kaiserliche Militär wesentlich mit. Darauf hat Volker Mende von der Uni Cottbus-Senftenberg in einem Tagungsband-Beitrag für das diesjährige Dresdner Brückenbau-Symposium hingewiesen. Für diese größte Brückenbau-Fachtagung ihrer Art in Deutschland waren rund 1600 Experten zur TU Dresden gekommen.

„Zivilingenieure waren nur noch Ausführende“

Volker Mende. Foto: BTU

Volker Mende. Foto: BTU

„Seit der Planung der ersten Eisenbahnen bis zum Ende des 1. Weltkriegs lassen sich in Deutschland tiefgreifende zivil-militärische Interaktionen verfolgen, welche sich auf die Konstruktion von Eisenbahnbrücken auswirkten“, betonte Volker Mende. „Die Zivilingenieure waren in zunehmenden Maße nur noch Ausführende… Am Vorabend des 1. Weltkriegs hatte das Militär seinen Einfluss auf das deutsche Eisenbahnwesen derart tiefgreifend gefestigt, dass sein Wirken dessen gesamte Struktur durchzog.“

Am liebsten Holzbrücken

Wollten die zivilen Ingenieure Bahnbrücken vor und nach der Reichsgründung bauen, mussten sich auf Geheiß des Kriegsministeriums die Wünsche der Armee einkonstruieren: Zum Beispiel sollten die Brücken im Kriegsfall schnell zerstörbar sein, wenn der Feind anrückte. Deshalb wurden viele Querungen aus Holz gebaut, viele mit Minenlagern für Sprengsätze versehen.

Flugwabwehrtürme bei Remagen nachträglich eingeplant

Hinzu kamen die technologischen Forderungen der immer maschinelleren Kriegsführung: Die Flussquerungen mussten auch die hohen Lasten moderner Geschütze aushalten, vielerorts drangen die Offiziere auf Bunkeranlagen in den Brückenköpfen, später gar auf Flugabwehr-Türme wie etwa an der Rheinbrücke Remagen, die nachträglich eingeplant werden mussten. All dies sorgte für teils „exorbitante Mehrkosten“, wie der Forscher betont. Zudem nutze das Kriegsministerium den zivilen Brückenbau oft auch aus, um dabei zivile Etats gleich noch für Festungs-Modernisierungen anzuzapfen. Und weil die Reichsregierung viele dieser Brücken (mit-)finanzierte, konnte sich das Militär mit seinen Extrawurst-Wünschen gegen die lokalen Akteure auch oft durchsetzen, vor allem in der späten Kaiserzeit.

Die Verteidigungstürme prägen bis heute das architektonische Erscheinungsbild an der Herrenkrug-Brücke Magdeburg. Repro: hw, aus: Tagungsband „26. Dresdner Brückenbausymposium

Die Verteidigungstürme prägen bis heute das architektonische Erscheinungsbild an der Herrenkrug-Brücke Magdeburg. Repro: hw, aus: Tagungsband „26. Dresdner Brückenbausymposium

Lokale Wirtschaftsförderer balgten sich dennoch um Bahn-Brücken

Das Militär saß insofern am längeren Hebel bei Brückenplanungen. Allerdings schafften es auch oft die Kommunen, aus den ständigen zivil-militärischen Aushandlungsprozessen ihre Vorteile zu ziehen: Denn im 19. Jahrhundert waren neue Eisenbahnanschlüsse Top-Wirtschaftsfaktoren. Daher stritten sich die städtischen Wirtschaftsförderer oft genug um heiße Drähte zum Militär, damit die Brücken bei ihnen und nicht in der Nachbarkommune gebaut wurden. „Bestes Beispiel ist der erfolgreiche Kampf des mächtigen Magdeburgs um eine linkselbische Linie nach Wittenberge, welche der preußische Kriegsminister eigentlich gern rechts der Elbe hatte verlaufen lassen wollen“, berichtet Volker Mende aus seinen Archivstudien. „Da schluckten die Handelshäuser und Banken der alten Elbzollstadt gern die Kröte kostenintensiver Fortifikationsbauten* auf der Elbbrücke Wittenberge.“

Volker Mende: Militärischer Einfluss auf Konstruktion und Architektur von Eisenbahnbrücken im deutschen Reich“, in: Tagungsband „26. Dresdner Brückenbausymposium“, Hsg.: Prof. Manfred Curbach, TU Dresden, ISBN 978-3-86780-4677, ca. 20 Euro, erhältlich beim Institut für Massivbau der TU Dresden

* Festungsbauten

Autor: Heiko Weckbrodt

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