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Dekadenter Abfall

Der provokative Habitus und der anarchistische Gestus der Punker (hier eine spätere, undatiertre Aufnahme einer Punkerin) galt vielen Stasi-Offizieren als einzige Provokation. Foto: Gegenalles, Jay Neill, Wikipedia, CC2-Lizenz

Der provokative Habitus und der anarchistische Gestus der DDR-Punker (hier eine spätere, undatierte Aufnahme) galt vielen Stasi-Offizieren als einzige Provokation. Foto: Gegenalles, Jay Neill, Wikipedia, CC2-Lizenz

Die Stasi wollte den Punk in der DDR zersetzen – und scheiterte letztlich

Dresden, 18. Februar 2016. „Auf der Wiese steht die Kuh“, grölt die Punker-Stimme von der Orwo-Kassette. Immer und immer wieder. „Auf der Wiese steht die Kuh.“ Ein anderer Punk-Musikus schreit sich in tiefstem Sächsisch Frust und Lust über „Scheiße, Dreck und Schmutz“ und „totes stumpfes Menschenmeer“ in Leipzig heraus. Nein, so einen „dekadent-feindlichen“ „Abfall“ (so die Einstufungen in den MfS-Akten) wollten die Stasi-Offiziere nicht hören und schon gar nicht der ostdeutschen Jugend zumuten: Wo immer sich in den 1980er Jahren in der DDR Punk-Bands gründeten und gegen Nazis, Staatsmacht und Umweltzerstörung und für die Anarchie sangen, setzte der ostdeutsche Geheimdienst alle Hebel in Bewegung, um diese Unmusik auszumerzen und die Gruppen zu „zersetzen“.

Stasi agierte als Hardliner, während Kulturapparat gen Liberalisierung schielte

Und dabei tat sich das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) oft als eher isolierter kulturpolitischer Hardliner hervor, schätzte der Hamburger Musikwissenschaftler Florian Lipp heute in einem Vortrag im Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT) der TU Dresden ein. Denn bereits früh dachten viele DDR-Kulturfunktionäre mehr oder minder laut über eine liberalere Haltung zur aufrührerischen Jugendbewegung der Punker nach. „Im staatlichen Kulturapparat gab es schon ab 1982 Diskussionen, ob man sich punknahen Musikbewegungen wie der New Wave vielleicht öffnen sollte“, sagt Doktorand Florian Lipp. Denn da war vielen Kulturfunktionäre und Zensoren längst klar geworden, dass die endlos-langatmigen Instrumentalstücke der etablierten DDR-Bands die Jugend kaum (noch) interessierten. Womöglich machte sich die Erkenntnis breit, dass die ostdeutsche Musikszene frisches Blut brauchte.

Der Hamburger Musikwissenschaftler Florian Lipp promoviert über Punk in der DDR. Im Hannah-Arendt-Institut Dresden stellte er vorab erste Befunde vor. Foto: Heiko Weckbrodt

Der Hamburger Musikwissenschaftler Florian Lipp promoviert über Punk in der DDR. Im Hannah-Arendt-Institut Dresden stellte er vorab erste Befunde vor. Foto: Heiko Weckbrodt

Radiomoderatoren wie Lutz Schramm von DT64 begannen ab Mitte der 1980er in Sendungen wie dem „Parocktikum“, Lieder dieser punkigen ostdeutschen Schmuddelkinder spielen. Ab 1988 veröffentlichte auch das Staats-Label „Amiga“ Punk-Schallplatten. Im selben Jahr erschien der DEFA-Dok-Film „flüstern & SCHREIEN“ über die alternative Musikszene der DDR. Spätestens ab diesem Punkt verlor Punk de facto den Ruch des Verbotenen.

Ab dem Defa-Kinofilm "flüstern & SCHREIEN" galt Punk als (mehr oder minder) salonfähig in der DDR. Repro: Heiko Weckbrodt

Ab dem Defa-Kinofilm „flüstern & SCHREIEN“ (1988) galt Punk als kultupolitisch (mehr oder minder) salonfähig in der DDR. Repro: Heiko Weckbrodt

Minister-Befehl: „Samthandschuhe ausziehen!“

Ganz anders die Stasi-Führung: Im August 1983 befahl Staatssicherheits-Minister Erich Mielke (SED) persönlich, „die Samthandschuhe auszuziehen“ und mit „Härte gegen Punk“ vorzugehen. Was folgte, waren mehrere Repressions-Wellen gegen die noch junge Punk-Szene der DDR, die bis dahin vor allem versteckt in Hinterhöfen und unter dem Schutz einiger liberaler kirchlicher Jugendarbeiter gewachsen war: Ständige Ausweiskontrollen waren noch das mildeste Mittel, mit dem Volkspolizei & Co. gegen die schwarz zerlumpten Punks mit ihren Piercings und Irokesenschnitten vorgingen. „Einige wurden verhaftet, andere zur Armee eingezogen. Und wenn so ein Bandmitglied nach dem anderen verschwand, blieb von der Gruppe irgendwann nichts mehr übrig“, erzählt Florian Lipp.

Er liebte uns alle: Erich Mielke, von 1957 bis 1989 Stasi-Minister. Abb.: R. Mittelstädt, BA, Wikipedia

Hielt nichts vom Punk: Erich Mielke, von 1957 bis 1989 Stasi-Minister. Abb.: R. Mittelstädt, BA, Wikipedia

Auch warben die Schlapphüte zahlreiche Spitzel in der Punk-Szene an. Ob diese „Inoffiziellen Mitarbeiter“ (IM) in ihrer praktischen Wirkung der DDR-Punkbewegung letztlich mehr geschadet oder genutzt haben, bleibt bis heute eine heiß umstrittene Frage.

Bis zum Neonazi-Überfall 1987 differenzierte Stasi kaum zwischen Punks und Skinheads

Ohnehin wuchs die Kluft aus Kontrollanspruch und tatsächlicher Kontrolle der Stasi immer mehr. Denn so sehr sich die Geheimdienstler auch als Hüter einer „sauberen“ sozialistischen Kultur gegen den Punk-„Abfall“ bei anderen staatlichen Organen aufspielten: In der Praxis agierten die Schnüffler oft glücklos, teilweise sogar desinformiert und desorientiert bis hin zur Lächerlichkeit. Zum Beispiel hielten viele MfS-Offiziere die Punks für Faschisten. Sie unterschieden die Punks lange nicht von den rechtsradikalen Skinheads, die sich in den 80ern ebenfalls in der DDR ausbreiteten. Wie aus anderen, SED-internen Einschätzungen hervorgeht, wurden die Skinheads wegen ihrer „Ordnungsliebe“ und „Pünktlichkeit“ bei den Kommunisten intern teils als geringeres Problem eingestuft als die Punks. Dies änderte sich erst, als die Konflikte zwischen den linken Punks und den rechten Skins in einem Neonazi-Überfall 1987 auf ein Punk-Konzert in der Zionskirche in Berlin offen eskalierten.

Kulturfunktionäre lassen Stasi mit deren Verbotswünschen abperlen

Zudem konnten sich die Stasi-Offiziere mit ihren Verbotswünschen für Punk-Musik und Punk-nahe Musik immer seltener durchsetzen. So versuchte das MfS beispielsweise 1986/87 auf Biegen und Brechen, eine offizielle Spielerlaubnis für die 1983 gegründete Berliner Band „Der Demokratische Konsum“ zu verhindern, Strömungen wie Noise, Dada und No Wave nahestand. Erst torpedierten die Geheimdienstler einen Vorspieltermin vor der staatlichen Einstufungskommission in Berlin, ohne deren Okay keine einheimische Rockband öffentlich spielen durfte. Das Vorspiel kam im zweiten Anlauf aber doch zustande. Zwar kritisierte die Kommission danach das mangelhafte handwerkliche Geschick der Punker deutlich, nörgelte über „kleinerlei Textverständlichkeit“ und „Expressivität um jeden Preis“.

Aber im Bewertungsbericht ist bereits der kulturpolitische Wandel in der Beurteilung der Punk-Musik durch die DDR-Eliten erkennbar, der etwa Mitte der 1980er einsetzte: Die Kommissionsmitglieder hatten möglicherweise begriffen, dass im Punk nicht Virtuosität zählt, sondern Dilettantismus als Protest gegen Normen offen zelebriert wird, dass Druck und Wut hier schöne Sangesweisen ersetzen. Und so bekam „Der Demokratische Konsum“ tatsächlich zumindest eine Einstufung als Band.

MfS tobte noch, als sich Band längst aufgelöst hatte

Das wiederum veranlasste die Stasi zu wütenden (aber letztlich erfolglosen) Protesten bei anderen staatlichen und Partei-Stellen über solch eine „politische Sorglosigkeit“ der Kommission. Anfang 1987 beschwerte sich das MfS sogar beim Berliner SED-Bezirkschef Günter Schabowski. Doch das war eine peinliche Geschichte für die angeblich so wohlinformierten Schnüffler: Die Band hatte sich – unbemerkt vom MfS – zu dem Zeitpunkt bereits aufgelöst: Mehrere Musiker waren in den Westen ausgereist, der Sänger fand zum Glauben und damit hatte sich „Der Demokratische Konsum“ wenige Monate nach der offiziellen Zulassung von selbst erledigt. „Zum letzten Mal taucht die Band im Mai 1987 in den Akten auf“, erzählt Florian Lipp. „Da wundern sich die Stasi-Leute, warum der Demokratische Konsum seine Spielerlaubnis immer noch nicht abgeholt hat.“ Das MfS war dem Missverständnis aufgesessen, die Band hätte eine staatliche Spielerlaubnis erhalten, was aber nicht der Fall war, so Florian Lipp.

Autor: Heiko Weckbrodt

 

Über Florian Lipp:

Geboren 1980 im schwäbischen Füssen, studierte Florian Lipp von 2005 bis 2011 Musikwissenschaften an der Uni Hamburg. Dort promoviert er nun über Punk, New Wave und die Folgen im letzten Jahrzehnt der DDR. Akteure – Konfliktfelder – musikalische Praxis“. Dabei stützt er sich u.a. auf Stasi-Akten und Zeitzeugen-Interviews. Seine Doktorarbeit soll 2017 fertig sein. Im HAIT Dresden stellte er heute erste Befunde daraus in einem öffentlichen Vortrag vor.

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