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Vom Gärtnerlümmel zum Gartenarchitekten

Andrea Hilber (links), Bianca Pötschke und Leander Neuhaus gehören zu den sechs Master-Studenten, die die Hintergrundgeschichte zu den gefundenen Gartenarchitektur-Zeichnungen recherchiert haben. Foto: Heiko Weckbrodt

Andrea Hilber (links), Bianca Pötschke und Leander Neuhaus von der TU dresden gehören zu den sechs Master-Studenten, die die Hintergrundgeschichte zu den gefundenen Gartenarchitektur-Zeichnungen recherchiert haben. Foto: Heiko Weckbrodt

Ausstellung in DrePunct-Bibliothek veranschaulicht die mühselige Emanzipation der Landschaftsarchitektur als eigene Wissenschaft

Dresden, 15. Februar 2016. „Toll!“, exklamiert Professor Thomas Bürger, als er die in Glas gefasste Zeichnung zwischen den Bücherregalen mustert. „So eine Villa hätte ich auch gern.“ Ein paar Studenten, die an den Lesetischen unterm „DrePunct“ sitzen, schauen kurz auf, vertiefen sich dann schnell wieder in ihre Lektüre, während Bürger durch die Ausstellung „Land schafft Architektur“ streift. Der Generaldirektor der Sächsischen Landes- und Uni-Bibliothek SLUB ist offensichtlich angetan von dem Gartengrundstück, das ein Student namens Georg Schulze vor 127 Jahren an der Technischen Hochschule Dresden als Studienarbeit niedergepinselt hat. An Computer-Entwurfsprogramme wie heute war in der Kaiserzeit natürlich noch nicht zu denken: Schulze hat 1889 jeden Baum, jeden Busch und jedes Uferdetail des Villa-Teichs einzeln mit Feder und Aquarellfarben zeichnen müssen. Obzwar „nur“ eine studentische Arbeit, sieht das Ergebnis doch so aus, wie es Prof. Bürger spontan umrissen hat: Wohnenswert wirkt dieses Ensemble aus Villa, Park und Wasseranlagen auf jeden Fall.

Grundriss einer Gartenanlage, Georg Schulze, 1889/90, Repro: Heiko Weckbrodt

Grundriss einer Gartenanlage, Georg Schulze, 1889/90, Repro: Heiko Weckbrodt

Landschaftsarchitektur emanzipierte sich langsam als eigene akademische Disziplin

Heute würden wir von einem angehenden Landschaftsarchitekten sprechen, der da malte. Doch als eigenständiges Fach gab es diese Disziplin damals in Dresden noch nicht. Noch bis ins 18. Jahrhundert hinein waren Gärtner unter Akademikern als abergläubige und unfähige Arbeiter („Gärtnerdummheit“) verschrieen, die eher als „Gesinde“ denn als Zunft-Handwerker galten. Erst nach und nach sickerte Gartenplanung in die Lehrpläne der Architekten ein. Aber es sollte noch lange dauern, bis Landschaftsarchitektur als eigenständige Kunst und Wissenschaft Anerkennung fand. An der TU Dresden zum Beispiel eröffnete erst 1970 ein richtiges „Institut für Landschaftsarchitektur“, das dann aber auch gleich seinesgleichen in der ganzen DDR suchte. Insofern dokumentieren die Ausstellung „Land schafft Architektur“, die noch bis Ende März in der Bibliothek unterm „DrePunct“ der TU Dresden am Zelleschen Weg zu sehen ist, nicht nur einfach gartenplanerische Seminare aus der Kaiserzeit, sondern vor allem die langsame, allmähliche Genese eines neues Studienfaches in Sachsen.

Mit diesen Zeichen- und Malutensilien arbeiteten Ende des 19. Jahrhunderts die Architekturstundenten in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Mit diesen Zeichen- und Malutensilien arbeiteten Ende des 19. Jahrhunderts die Architekturstundenten in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Alte Kurs-Mappe zufällig in Schublade gefunden

Dabei waren die alten Zeichnungen, die der Exposition zugrunde liegen, ein Zufallsfund: „Wir haben sie in einer Schublade bei uns im Institut für Landschaftsarchitektur im Hülsse-Bau entdeckt“, berichtet Professor Marcus Köhler. In der sichtlich abgenutzten brauen Mappe fanden sich insgesamt 21 Zeichnungen, sieben Pergament-Pausen, fünf Musterpläne und das Buch „Die Garten-Anlagen bei der städtischen Villa“ von Ernst Levy – alles nur mager beschriftet. Sie entstanden mutmaßlich zwischen 1878 und 1901 im Rahmen des Faches „Geodätisches Zeichnen“, das damals Dr. Fuhrmann an der Technischen Hochschule Dresden (der Vorgängerin der heutigen TU) unterrichtete. Die Geschichten hinter diesen Plänen gruben dann sechs Master-Studenten der Landschaftsarchitektur in mühevoller Kleinarbeit aus: Andrea Hilber, Christin Kuhl, Leander Neuhaus, Bianca Pötschke, Nadine Sommer und Filip Staszkiewicz.

Blick in die Ausstellung „Land schafft Architektur“ in der DrePunct-Bibliothek. Foto: Heiko Weckbrodt

Blick in die Ausstellung „Land schafft Architektur“ in der DrePunct-Bibliothek. Foto: Heiko Weckbrodt

„Die Aufgabe ist immer mehr gewachsen“, erzählt Leander Neuhaus. Anfangs habe die Gruppe nur die Zeichnungen und Pläne landschaftsarchitektonisch beschreiben und einordnen sollen. Angespornt von Professor Köhler und vom eigenen Ehrgeiz gruben sich die Studenten dann immer tiefer in die Hintergründe hinein. Um zum Beispiel etwas über die Studenten und Dozenten von damals herauszufinden, recherchierten die Kommilitonen im Dresdner Universitäts-Archiv, im Stadtarchiv Leipzig und taten weitere Quellen auf, erzählt Bianca Pötschke. „Das war eine sehr interessante und spannende Arbeit“, meint sie. Faszinierend sei es auch gewesen, sich bewusst zu machen, mit welch einfachen technischen Hilfsmitteln die Gartenentwerfer von damals gearbeitet hatten, sagt Andrea Hilber. „Vieles von dem ist für uns heute am PC ganz schnell gemacht, war damals aber sehr mühselig.“

Ein paar weiße Flecken bleiben zwar, nicht zu allen Studenten und Dozenten von damals konnten die jungen Rechercheure die gesamte Biografie rekonstruieren. Aber was sie zusammentrugen, konnte sich sehen lassen – und das fand auch Professor Köhler: Er ermunterte das Sextett, eine öffentliche Ausstellung über ihr Vertiefungsprojekt zu organisieren. Außerdem entstand eine Dokumentation als begleitender Ausstellungskatalog, den Generaldirektor Thomas Bürger nun auch digital in die SLUB-Bestände einpflegen will.

34 Mark Gebühr für Abschlussprüfung

Der knapp 200 Seiten umfassende Band zeigt beispielsweise die Studenten-Zeichnungen von damals im Vergleich zu Gartenplan-Vorlagen aus der damaligen Literatur, die Biografien der Lernenden und Lehrenden von damals, außerdem Essays über die Geschichte und Genese der Landschaftsarchitektur als eigenständige akademische Disziplin. Dort erfahren wir übrigens auch, wie es mit Georg Schulze, dem Autor des eingangs erwähnten Villen-Gartenplans, weiterging: Nach Militärdienst und einem Intermezzo in München legte Schulze schließlich am 30. März 1895 seine Diplom-Abschlussprüfung als Architekt der „Königlich Sächsischen Technischen Hochschule“ ab. Die Prüfungsgebühr betrug 34 Mark. „Er bestand mit einem guten Ergebnis“, schließt Bianca Pötschke die Kurzbiografie. „Über den weiteren Werdegang ist nichts bekannt.“

Autor: Heiko Weckbrodt

-> Ausstellung „Land schafft Architektur“ in der Bereichs-Bibliothek DrePunct, Zellescher Weg 17, jeweils Montag bis Sonnabend 9-20 Uhr, bis Ende März 2016, im Anschluss übergeben die Landschaftsarchitekten die aufgefundene Mappe mit den Originalzeichnungen an Matthias Lienert vom Universitäts-Archiv.

-> Dieser Beitrag ist ursprünglich im Universitätsjournal der TU Dresden erschienen.

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