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Industriemuseum Chemnitz zwischen Dampfhammer und Rennwagen

Schwerstarbeit war an diesem Dampfhammer zu leisten. Foto: Peter Weckbrodt

Schwerstarbeit war an diesem Dampfhammer zu leisten – heute ist er ein Exponat im Industriemuseum in Chemnitz. Foto: Peter Weckbrodt

Oigers Wochenend-Tipp: Über 200 Jahre sächsische Industriegeschichte in einer Gießerei

Chemnitz, 29. Januar 2016. Zu einer faszinierenden Zeitreise durch über zwei Jahrhunderte Industriegeschichte lädt eine ehemalige Gießerei in Chemnitz ein: In der alten Werkhalle schlägt das Sächsische Industriemuseum Chemnitz den Bogen von den frühen dampfgetriebenen Manufakturen und Webmaschinenstuben der 1. Industriellen Revolution über die Autoschmieden und die Rechenmaschinen-Fabriken der Kaiserzeit bis hin zur industriellen Renaissance im Sachsen der Gegenwart. Ein schöner Einstieg und Anlass für einen Besuch: Am Sonntag, dem 31. Januar, führt das Museum seine originale Einzylinder-Gegendruck-Dampfmaschine vor und eröffnet damit das Jahresprogramm 2016.

Am 31. Januar kann diese 200-PS-Dampfmaschine in Aktion erlebt werden. Foto: Peter Weckbrodt

Am 31. Januar 2016 kann diese 200-PS-Dampfmaschine in Aktion erlebt werden. Foto: Peter Weckbrodt

Diese Dampfmaschine wird in diesem Jahr 120 Jahre alt, ihre Wiege stand bei der Maschinenfabrik Germania. Sie leistet bemerkenswerte 200 PS und konnte ganze Fertigungslinien über die seinerzeit unverzichtbaren Transmissionen antreiben. Wir werden uns später im Museum am Beispiel einer mehrstufigen Werkstoffbearbeitung am Wirbeln der Räder, dem Schnurren der ledernen Transmissionsgurte, aber auch an der Präzision der Fertigung erfreuen.

Video: Industriemuseum Chemnitz (hw):

Das Silberne Band der automobilen Inszenierung

Bereits erwartungsvoll gestimmt, überrascht uns doch beim Betreten der Museumshalle, einst Teil einer großen Gießereihalle, das aus Edelstahl gefertigte „Silberne Band“, was vom Entwurfsplaner zweifellos dem Laufsteg für schöne Models nachempfunden wurde. Und da stehen sie schon, die einstigen Wunder der Fahrzeugtechnik, die aus den Hallen der sächsischen Automobilfabrikanten, allen voran natürlich DKW kamen. Folgerichtig nannte sie der Volksmund seinerzeit auch „Das Kleine Wunder“.

An zeitloser Eleganz kaum zu überbieten war dieses DKW-Cabriolet aus den !930er Jahren. Foto: Peter Weckbrodt

An zeitloser Eleganz kaum zu überbieten war dieses DKW-Cabriolet aus den 1930er Jahren. Foto: Peter Weckbrodt

Gleich turmförmig hoch über drei Etagen werden uns die bildschönen Limousinen und Cabriolets präsentiert. Doch mit auf dem Silbernen Band wird auch das Fortbewegungsmittel für den Kleinen Mann, die schmalere Geldbörse, eben das Fahrrad. vorgestellt. Wir feiern ein Wiedersehen mit dem in DDR-Zeiten bestens bekannten unverwüstlichen Diamant-Sportrad. Auf Diamant fuhren Stars wie Schur, Hagen und Ampler auf Friedensfahrt- und auf Weltmeisterschaftskurs. Aber auch Uromas gute alte Nähmaschine vom Dresdner Hersteller „Seidel & Naumann“, Baujahr 1930, entdecken wir gleich neben der großen Chemnitzer Textilmaschine.

Zu DDR-Zeiten war der Trabi mit dem Dachzelt von Gerhard Müller aus Limbach-Oberfrohna, ein Renner. Das zelt ließ sich in drei Minuten aufbauen. Foto: Peter Weckbrodt

Zu DDR-Zeiten war der Trabi mit dem Dachzelt von Gerhard Müller aus Limbach-Oberfrohna ein Renner. Das Zelt ließ sich in drei Minuten aufbauen. Foto: Peter Weckbrodt

Werfen wir zwischendurch mal einen Blick in der Halle nach oben, wird schnell klar, wie genial die Altvorderen es schafften, durch eine Schrägstellung der Dachfenster das Tageslicht bis an jeden Arbeitsplatz zu bringen. Auch das ist Industriegeschichte!

Archimedes-Rechenmaschine aus Glashütte. Foto: Heiko Weckbrodt

Archimedes-Rechenmaschine aus Glashütte. Foto: Heiko Weckbrodt

Schreibmaschinen nur für den Export

Natürlich fehlen auch nicht die uns noch gut bekannten Schreibmaschinen, beispielsweise aus Dresdner Produktion. Für den Normalverbraucher waren sie, weil im Export unverzichtbar, einst kaum erreichbar.

4-Meter-Dampfhammer war bis zur Wende im Einsatz

Die Spannweite reicht weiter hin zu den robusten Exponaten der Bergbaugeschichte und der Gießereitechnik. Da imponiert der wenigstens vier Meter hohe Dampfhammer der Chemnitzer Firma Hartmann. Er war noch bis kurz nach der Wende in Sachsen in Aktion. Unvorstellbares an körperlichem Einsatz wurde beim Betrieb des Hammers von den Männern abverlangt. Zu zweit mussten sie mit einer zirka 50 Kilogramm schweren Zange den ähnlich schweren Stahlrohling auf die Hammerplatte setzen und dort ebenso geschickt wie schnell zwecks richtiger Formgebung drehen und richten. Und das alles über einen Arbeitstag hinweg, der zu der Sachsenkönige (un-)seligen Zeiten von Montag bis Sonnabend eher 13 als 8 Stunden betrug!

Das Industriemuseum schlägt auch den Bogen zu den hochautomatisierten Roboterfabriken der Gegenwart und Zukunft. Foto: Heiko Weckbrodt

Das Industriemuseum schlägt auch den Bogen zu den hochautomatisierten Roboterfabriken der Gegenwart und Zukunft. Foto: Heiko Weckbrodt

Dampflok steht auch für den Uran-Bergbau

Wie der Dampfhammer, so entstand bei Richard Hartmann auch die wunderschöne Dampflokomotive der Reichsbahn-Baureihe 98, die im Industriemuseum Chemnitz seit 2002 ihre wohl unwiderruflich letzte Dienststelle gefunden hat. Sie steht stellvertretend für die Geschichte des sächsischen Steinkohlen- und Uranerzbergbaus, der bis fast in die Gegenwart hinein das Geschehen nicht nur im Erzgebirge, sondern bis vor die Tore von Dresden, dominierte. Mit den Vierzylinder-Dampflokomotiven dieses Typs wurden einst auf der von Freital-Birkigt über Dresden-Gittersee nach Possendorf führenden Windbergbahn die zahlreichen Schachtanlagen zunächst des Steinkohlen- später des Uranbergbaus bedient.

Spannung und Stromstärke immer fest im Blick. Foto: Heiko Weckbrodt

Spannung und Stromstärke immer fest im Blick. Foto: Heiko Weckbrodt

Nicht nur Wunder der Technik werden uns präsentiert, sondern auch Erzeugnisse der feinen Art: Porzellane, Keramiken, Uhren und das beliebte Holzsortiment von Wendt & Kühn aus Grünhainichen.

Schwarzer Raum zeigt soziale Spaltung

Auf unserem Streifzug durch 220 Jahre sächsische Industriegeschichte werden wir auch mit den sozialen Folgen der Industrialisierung konfrontiert. In einem schwarzen Raum wird dem Besucher der Glanz der Reichen, also der Profiteure, aber auch das Elend der den Reichtum Schaffenden gezeigt.

In Betrieben mit feuergefährlichen Gütern wurde diese Dampfspeicherlok eingesetzt. Foto: Peter Weckbrodt

In Betrieben mit feuergefährlichen Gütern wurde diese Dampfspeicherlok eingesetzt. Foto: Peter Weckbrodt

Dampfspeicherlok für gefährliche Betriebe

Beim Verlassen der Museumshalle erfasst unser Blick noch die etwas wie verloren abgestellte grüne Dampfspeicherlok. Das Bemerkenswerte an ihr ist der großdimensionierte Kessel. Er musste jede Menge Dampf von einem ortsfesten Dampferzeuger aufnehmen und eben speichern. Die Lok selbst war feuerlos, brauchte folglich auch keinen Heizer. Das war ein Vorzug. Der entscheidende war jedoch, dass sie feuerlos und damit funkenfrei operierte, eine unerlässliche Voraussetzung für das Rangieren mit Waggons in Industrieanlagen, wo feuer- und explosionsgefährlichen Stoffen gearbeitet wurde. Das waren nicht wenige und oft auch recht große Anlagen. Ein solcher Einsatzort war einst das Industriegelände im Dresdner Norden. Die ausgestellte Lok wurde 1988 im Dampflokwerk Meiningen gebaut. Autor: Peter Weckbrodt

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Besucherinformationen:

Sächsisches Industriemuseum Chemnitz, 09112 Chemnitz, Zwickauer Straße 119, Tel.: 0371-3676 140/110; Geöffnet: Di-Fr.: 9 bis 17 Uhr, Sa, So u. Feiertag. 10 bis 17 Uhr;

Eintritt: Erwachsene 7 Euro, Kinder u. Jugendliche bis 18 Jahre frei, Ermäßigte 4 Euro

Vortrag am 31. Januar 2016, 10.30 Uhr: „Arbeiter und Maschinen in der westsächsischen Textilindustrie im 19. Jahrhundert“; Referent ist Privatdozent Dr. Manuel Schramm, Chemnitz

Weitere Informationen im Internet: www.saechsisches-industriemuseum.de

Anreise (Google Maps):

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[caption id="attachment_67607" align="alignleft" width="117"]Peter Weckbrodt. Foto: IW Peter Weckbrodt. Foto: IW[/caption]Peter Weckbrodt hat ursprünglich Verkehrswissenschaften studiert, wohnt in Dresden und ist seit dem Rentenantritt journalistisch als freier Mitarbeiter für den Oiger und die Dresdner Neuesten Nachrichten tätig.

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