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Pegida kokettiert mit Muster „Wir gegen das System“

Prof. Hans Vorländer. Foto: Heiko Weckbrodt

Prof. Hans Vorländer. Foto: Heiko Weckbrodt

TU-Studie: „Rechtspopulistische Empörungsbewegung“ konnte in der selbstverliebten Ikonen-Stadt Dresden besonders gut gedeihen

Dresden, 20. Januar 2016. Pegida hat sich in Dresden zu einer rechtspopulistischen Empörungs-Bewegung entwickelt, die weitverbreitete Vorbehalte gegen Fremde und speziell Muslime, gegen politische und mediale Eliten westdeutscher Prägung artikuliert. Das haben die Politologen Prof. Hans Vorländer, Dr. Steven Schäller und Maik Herold von der TU Dresden in ihrer nun veröffentlichten Studie „Pegida – Entwicklung, Zusammensetzung und Deutung einer Empörungsbewegung“ eingeschätzt, die sie heute in der Landeszentrale für politische Bildung vorgestellt haben.

Bündnisversuche mit internationaler Rechter bisher wenig erfolgreich

Die Pegida-Führer versuchen nach Meinung der Autoren seit geraumer Zeit den Schulterschluss mit anderen völkischen und rechten Bewegungen und Parteien weltweit – bisher aber nur wenig erfolgreich. Dagegen sei nur eine Minderheit der Pegida-Anhänger rechtsextrem orientiert, betonte Professor Vorländer. Auch die Ausländerfeindlichkeit von Pegida liege im üblichen ostdeutschen Rahmen, sagte er. Was die Pegidisten verbinde, sei ein eher „vulgärdemokratisches Politikverständnis“, das mit dem Muster „Wir gegen das System, gegen die Eliten“ kokettiere. Ähnliche Konzepte könne man auch bei anderen populistischen Bewegungen bis ins linksradikale Lager hinein sehen.

Vor allem seit dem Spätsommer 2015 und der sogenannten Flüchtlingskrise spüre Pegida neuen Rückenwind und habe sich inzwischen allerdings auch deutlich radikalisiert – teils bis hin zu „offenem Rassismus und Systemumsturz“.

Frank Richter (Mitte) von der Landeszentrale für politische Bildung im gespräch mit den Studien-Autoren. Foto: Heiko Weckbrodt

Frank Richter (Mitte) von der Landeszentrale für politische Bildung im Gespräch mit Prof. Hans Vorländer (r.) und Steven Schäller (links). Foto: Heiko Weckbrodt

Die Quellen der Studie

Für ihre Untersuchung hatten Hans Vorländer und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter eigene Beobachtungen und Mitschriften von Pegida-Demonstrationen ausgewertet, zudem Dialog-Veranstaltungen mit Pegidisten zum Beispiel in der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Hinzu kamen als Quellen Eigenaussagen des Pegida-Orga-Teams, mehrere (eigene und fremde) Befragungen von Pegida-Demo-Teilnehmern, außerdem Zuschriften sowie E-Mails, die zum Thema direkt an die TU Dresden gesandt worden waren, und mehrere Studien von anderen Unis, die zum Beispiel die ost-west-deutschen Befindlichkeiten, Ausländerfeindlichkeit in Ost und West und verwandte Themen bereits untersucht hatten.

Warum Pegida in Dresden? „Sächsischer Chauvinismus“ und alte Ost-West-Konflikte bereiteten Nährboden

In ihrer Studie hatten sich die TU-Politologen auch der oft gestellten Frage gewidmet, warum Pegida ausgerechnet in Dresden entstehen und so stark wachsen konnte, während die Ableger in anderen Städten kaum mehr als eine – oft extremistische – Kleinveranstaltung blieben. Aus ihrer Sicht gibt es darauf mehrere Antworten:

  • 1. hatten die späteren Pegida-Führer ohnehin schon ein Netzwerk im Raum Dresden geknüpft, noch bevor die ersten „Spaziergänge“ im Spätherbst 2014 begannen.
  • 2. ist „Dresden eine schöne Bühne, um mediale Aufmerksamkeit zu erringen“ so Vorländer: Pegida habe es immer wieder geschafft, sich ikonografisch vor Semperoper und Hofkirche zu inszenieren.
  • 3. boten „sächsischer Chauvinismus und Ethnozentrismus“ für Pegida einen guten Nährboden, meint der Professor: Die Sachsen und vor allem die Dresdner im Speziellen seien selbstverliebt und neigen laut Vorländer dazu, sich selbst zu überhöhen, für etwas besseres zu halten, Vorrechte für die „eingeborenen Dresdner“ zu behaupten und Fremde bzw. Eindringlinge abzuwerten.
  • 4. schwelen hier alte Ost-West-Konflikte weiter, finden Ressentiments gegen zugezogene westdeutsche Eliten, Politiker und Journalisten, die den Ostdeutschen ihre Werte überstülpen, auch in Sachsen viel Nahrung.
  • 5. sei Dresden eine „sehr sehr konservative Stadt“, schätzt der Politologe Vorländer ein: „Dresden ist mehr Mythos als Stadt und lebt stark von den Narrativen der Vergangenheit“.

Ursachen für den Pegida-Zuspruch: Kollektives Gefühl der Entfremdung und kulturellen Enteignung

Die Studien-Autoren sehen in den „kollektiven Entfremdungsgefühlen“ und einem so empfundenen „Verlust der Deutungshohheit über das eigene Leben“ vieler Ostdeutscher auch tiefere biografische Wurzeln für den vergleichsweise breiten Zuspruch, den Pegida hier erfahren hat. Viele in der DDR sozialisierte Menschen würden die Erfahrungen der Nachwende-Zeit als „kulturell-kommunikative Enteignung durch eine neue Meinungs- und Politikerelite erfahren“. Die daraus erwachsenden Aversionen würden durch Pegida aggressiv formuliert. Hier zeigt sich nach Ansicht von Vorländer, Herold und Schäller ein „Ausdruck unbewältigter Transformationserfahrungen in der sogenannten Nachwende-Zeit“.

Antifa-Demos helfen wenig gegen Pegida-Wurzeln

Angesichts all dieser tiefen und weitverzweigten Wurzeln halten Prof. Hans Vorländer und seine Kollegen bloße Antinazi-Demonstrationen gegen Pegida für wenig zielführend, um diese Bewegung „verschwinden“ zu lassen oder die dahinter steckenden Grundprobleme in der ostdeutschen Gesellschaft zu beseitigen. Aber: Ganz praktisch gesehen könne „weniger mediale Aufmerksamkeit“ den Selbstinszenierern in der Pegida-Führung schon einen Dämpfer versetzen, meinen sie. Auch könne die Stadtverwaltung versuchen, Pegida-Kundgebungen an die Peripherie von Dresden zu verlegen, um den pegidistischen Hegemonial-Ansprüchen im öffentlichen Raum zu begegnen. „Andere Städte haben das versammlungsrechtlich auch geschafft“, sagte Vorländer.

Die Pegida-Demo wird von starker Polizei-Präsenz begleitet. Foto: pw

Die Pegida-Demos werden von starker Polizei-Präsenz begleitet. Foto: pw

Vorschlag: Weiter auf mühseligen Dialog setzen

Viel wichtiger sei es aber, den Dialog mit der Pegida-Anhängerschaft zu suchen und vor allem die stillen Sympathisanten innerhalb der Dresdner Bürgerschaft in der Mitte der Gesellschaft zu halten, schätzte Prof. Vorländer ein – und wusste sich in diesem Punkt einig mit Frank Richter, dem Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, der bereits viele solcher Dialogveranstaltungen organisiert hatte. „Pegida mag eine bittere Lektion für die ostdeutsche Gesellschaft sein, aber birgt auch eine Chance: zu beweisen, dass Demokratie auch imstande ist, Lösungen zu schaffen“, sagte Richter.

Autor: Heiko Weckbrodt

Hans Vorländer, Maik Herold, Steven Schäller: „Pegida – Entwicklung, Zusammensetzung und Deutung einer Empörungsbewegung“, mit zahlreichen Tabellen, Grafiken und Umfrageergebnissen, Literaturverzeichnis und Anmerkungs-Apparat, Springer VS, Wiesbaden 2016, 172 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-658-10981-3 (eBook: ISBN 978-658-10982-0)

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