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DVD „Kafkas Der Bau“: Kleiner Schritt von Manie zu Mord

Franz sucht nach Stille - in seiner wachsenden Paranoia treibt ihn jedes Geräusch immer weiter in den Wahnsinn. Szenenfoto: Neue Visionen

Franz sucht nach Stille – in seiner wachsenden Paranoia treibt ihn jedes Geräusch immer weiter in den Wahnsinn. Szenenfoto: Neue Visionen

Kafka-Verfilmung thematisiert Angst des Individuums vor Entfremdung und Eindringlingen

Der Andere ist der Feind, die Welt wimmelt vor raffgierigen Eindringlingen. Das Fremde gilt es, um jeden Preis abzuwehren, da kann man gar nicht genug Riegel installieren und Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Diese Weltsicht verficht der Protagonist des absurden Dramas „Der Bau“ bis zur letzten Konsequenz – bis hin zur völligen geistigen Zerrüttung und Weltzerstörung. Erschienen ist diese filmische Kafka-Adaption nun auf DVD fürs Heimkino. Sie wirkt gerade jetzt wie ein Kommentar zur aktuellen Diskussion um Flüchtlinge, Einwanderung, Strafverschärfungen und Integration.

Werbevideo (Neue Visionen):

Transformation vom Familienvater zum Alles-Hasser

In reichlich anderthalb Stunden führt uns Axel Prahl als Banker Franz die tiefe Transformation eines Menschen im Zeitraffer vor Augen: Anfang sehen wir ihn als fröhlichen Familienvater, der mit Frau und Kindern herumalbert, als er in die neue Wohnung im Hochhaus „Der Bau“ einzieht. Doch immer missmutiger und misstrauischer wird dieser ehemals so erfolgreiche und gesellige Mensch, argwöhnt Eindringlinge und Feinde auf Schritt und Tritt. Er erhorcht sich Geräusche im Haus, wo vielleicht gar keine sind. Frau und Kinder verblassen, verschwinden. Franz verliert seinen Job. Übrig bleiben nur noch Paranoia, Hass und Mord – und die wachsende Ungewissheit, wo Realität aufhört und Wahn anfängt.

Bewusst dezenter Einsatz von Farben

Visuell arbeitet Regisseur Jochen Alexander Freydank hier nur sehr zurückhaltend mit Farben. Die Welt dieses Baus und der Stadt um ihn herum ist fast durchweg bläulich-kalt, beinahe schwarz-weiß. Gegen Ende hin, als er Bilder einer zerstörten Welt in Szene setzt, erinnern Optik und Kameraführung gar ein wenig an Andrej Tarkowskis „Stalker“.

Die apokalyptische Sicht auf die Welt, die sich Franz da geschaffen hat, erinnert ein wenig an Tarkowskis "Stalker". Szenenfoto: Neue Visionen

Die apokalyptische Sicht auf die Welt, die sich Franz da geschaffen hat, erinnert ein wenig an Tarkowskis „Stalker“. Szenenfoto: Neue Visionen

Arg monolog-lastig

Leider löst sich Freydank nicht konsequenter von seiner literarischen Vorlage: Franz Kafkas Erzählung „Der Bau“ ist ein Gleichnis auf Sicherheitswahn, auf die Einsamkeit, Gefühlskälte und Entfremdung des Individuums von Welt und Gesellschaft, erzählt als eigentlich unverfilmbarer ewiger Dialog eines Tieres, das seinen Bau immer weiter perfektioniert und an seiner Sicherheitssucht wahnsinnig wird. Lange Sequenzen aus diesen Monologen à la Thomas Bernhard baut Freydank auch in seine Kino-Adaption ein und das bekommt der nicht so besonders: Einerseits ist das wahnhafte Gebrabbel schlichtweg akustisch schlecht zu verstehen, andererseits wirkt das stilistisch „unfilmisch“. Dabei kann man das Axel Prahl noch nicht mal vorwerfen, er macht seine Sache gut – aber das Gedanken-vor-sich-hin-Brabbeln funktioniert nun mal auf dem Bildschirm nicht so gut wie auf der Buchseite.

Fazit: Manchmal anstrengend, aber bemerkenswert

Dennoch ist „Der Bau“ ein bemerkenswerter, dichter Film, manchmal etwas anstrengend, aber gerade im aktuellen politischen Kontext eine interessante Wiederentdeckung einer sonst selten rezipierten kafkaesken Erzählung. Autor: Heiko Weckbrodt

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Kafkas Der Bau“ (Good!movies/Neue Visionen), Literaturadaption nach Kafka, Regie: Jochen Alexander Freydank, mit Axel Prahl, Josef Hader, Kristina Klebe, Roland Wiesnekker, Robert Stadlober, 106 Minuten, FSK 12, Deutschland 2014 (DVD-VÖ: 15.1. 2016)

 

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