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Apokalypse vor 3200 Jahren

Die titelgebende Schlacht im Jahr 1177 v. u. Z., in der Pharao Ramses III. die Seevölker-Invasion stoppte. Die Darstellung ist eine Abzeichnung vom Totentempels Ramses’ III. in Medinet Habu, Ägypten. Autor unbekannt, Repro: Wikipedia, gemeinfrei

Die titelgebende Schlacht im Jahr 1177 v. u. Z., in der Pharao Ramses III. die Seevölker-Invasion stoppte. Die Darstellung ist eine Abzeichnung vom Totentempels Ramses’ III. in Medinet Habu, Ägypten. Autor unbekannt, Repro (bearbeitet): Wikipedia, gemeinfrei

In „1177 v. Chr.: Der Erste Untergang der Zivilisation“ analysiert Eric Cline, wie die Bronze-Hochkulturen in die erste dunkle Zeit hineinschlitterten

Die Hochkulturen der späten Bronzezeit im östlichen Mittelmeeraum sind nicht durch eine großangelegte Invasion, sondern durch einen kollektiven Systemkollaps zusammengebrochen. Das geht aus einer Analyse des US-Archäologen Eric H. Cline in seinem neuen Buch „1177 v. Chr.: Der erste Untergang der Zivilisation“ hervor. Dabei wirkte seiner Meinung nach das, was wir heute „Murphys Law“ nennen: Wenn etwas schief geht, dann geht gleich alles schief.

Eric Cline. Foto: Jonish

Eric Cline. Foto: Jonish

Eric H. Cline: „Mehr als 300 Jahre lang – von der Herrschaft der Hatschepsut 1500 v. Chr. bis zum Zusammenbruch nach 1200 v. Chr. –war das Mittelmeer Schauplatz einer komplexen internationalen Welt, in der Minoer, Mykener, Hethiter, Assyrer, Babylonier, Mitanni, Kanaaniter, Zyprer und Ägypter miteinander interagierten. Es war eine kosmopolitische und globalisierte Welt, wie es sie in der Geschichte der Menschheit bis heute nur selten gegeben hat. Vielleicht war es genau dieser Internationalismus, der zu einer geradezu apokalyptischen Katastrophe führte, mit der die Bronzezeit zu Ende ging.“

 

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Erdbeben, Klimawandel, Piraten und Invasoren brachten Paläste zu Fall

Laut Cline schaukelten sich binnen weniger Jahrzehnte mehrere Probleme gegenseitig auf und destabilisierten die hochzentralisierten Palastkulturen auf Kreta, Zypern, in Kleinasien, im Nahen Osten und in Ägypten: Zum einen zerstörte eine Serie von Erdbeben damals viele Wohnhäuser und Paläste in den noch jungen Städten. Außerdem löste ein frühantiker Klimawandel Dürren, Missernten und Hungersnöte aus und die wiederum Aufstände in den Städten. Derweil unterbrachen Piraten und/oder Invasoren den damals bereits hochgradig verflochtenen Handel im östlichen Mittelmeer. Weil die Zentralverwaltungswirtschaften der Palastkulturen aber bereits im Altertum von den Warenströmen zwischen den Reichen abhängig waren – Cline spricht von der ersten Globalisierung der Menschheitsgeschichte –, hatte dies katastrophale Folgen für die zu stark zentralisierten Volkswirtschaften, die sehr auf das Palastzentrum ausgerichtet waren. Jedes einzelne dieser Probleme wäre für die mächtigen Bronzezeit-Reiche eigentlich meisterbar gewesen, aber eben nicht alle zusammen in kurzer zeitlicher Abfolge, argumentiert Cline.

Zudem fochten derweil trotz der Krise die Großkönige weiter ihre Revierkämpfe aus, banden damit viele Ressourcen. Dadurch waren die Großmächte vor 3200 Jahren so geschwächt, dass die anrückenden Seevölker ein leichtes Spiel hatten, als sie in den einst so glorreichen Großreiche einmarschierten bzw. -ruderten.

Vom stolzen Mykene blieben nur Trümmer: Wie fast zeitgleich überall im östlichen Mittelmeerraum, wurde auch der Palast von Mykene auf der griechischen Halbinsel Peloponnes kurz nach 1200 v. u. Z. zerstört. Ob die Seevölker dies taten, ist umstritten. Foto: Heiko Weckbrodt

Vom stolzen Mykene blieben nur Trümmer: Wie fast zeitgleich überall im östlichen Mittelmeerraum, wurde auch der Palast von Mykene auf der griechischen Halbinsel Peloponnes kurz nach 1200 v. u. Z. zerstört. Ob die Seevölker dies taten, ist umstritten. Foto: Heiko Weckbrodt

Propaganda-Meißelei von Ramses lenkte Schuld auf Seevölker

Allein Pharao Ramses III. kam mit einem blauen Auge davon und wehrte den Ansturm auf Ägypten ab. Mit seiner triumphierenden Propaganda-Inschrift, die er in seinen Totentempel einmeißeln ließ, hat er die Sicht moderner Historiker und Archäologen auf das Ende der Bronzezeit lange stark beeinflusst:

 

Pharao Ramses III. Repro: Wikipedia, gemeinfrei

Pharao Ramses III. Repro: Wikipedia, gemeinfrei

Ramses III.: „Die Fremdländischen verschworen sich auf ihren Inseln. Im Kampfgewühl wurden die Länder auf einen Schlag vernichtet. Kein Land hielt ihren Armeen stand, Hatti, Qadi, Qarkemis, Arzawa und Alasia waren auf einen Schlag entwurzelt.“ Allein er, Ramses, habe die Invasoren stoppen können.

 

Herkunft der „Seevölker“ bis heute umstritten

Doch es war und ist umstritten, welche Rolle diese Invasionen tatsächlich spielten und wer diese Invasoren-Völker, die Ramses da erwähnte, überhaupt waren. Mehr als die Herkunft von „ihren Inseln“ gibt die Inschrift nicht her. Die modernen Forscher hatten bereits die Sizilianer, Sarden und Korsen im „Seevölker“-Verdacht, auch die frühen Griechen (die Achaier aus Homers Schriften) galten und gelten als heiße Kandidaten. Recht sicher ist man nur, dass die in der Bibel erwähnten Philister, die dann im heutigen Palästina und Israel (Kaanan) das Sagen hatten, zu diesen Seevölkern gehörten. Und: Waren die Seevölker vielleicht selbst nur auf der Flucht vor anderen Invasoren? Wir wissen es nicht.

Hethiter-Großmacht für Jahrtausende aus dem Gedächtnis der Menschheit gelöscht

Zudem gibt es schon seit der ersten Übersetzung der Ramses-Inschrift auch ernste Zweifel daran, dass wirklich (allein) eine Seevölker-Invasion am großen Zusammenbruch schuld war: Wie zum Beispiel konnten ein paar dahergelaufende oder dahergeruderte Barbaren eine antike Großmacht wie die Hethiter zu Fall bringen, die Vasallenheere bis zum Abwinken ausheben konnten und bereits in der Bronzezeit die Kunst der Eisenwaffen entwickelten? Und nicht nur zu Fall zu bringen, sondern regelrecht aus dem Gedächtnis der Menschheit zu tilgen? Denn bis ins 19. Jahrhundert unserer Zeit hinein war das riesige Reich ganz in Vergessenheit geraten, hielt man die Hethiter für irgendein unbedeutendes Völkchen in Nahost, weil in der Bibel nur unter „ferner liefen“ erwähnt!

In der Bronzezeit um 1400 v.u.Z. waren die Claims im östlichen Mittelmeerraum aufgeteilt zwischen den Ägyptern, Hethitern, Assyrern und Mykenern. Karte:  Captain Blood, MichaelFrey, Wikipedia, CC3-Lizenz

In der Bronzezeit um 1400 v.u.Z. waren die Claims im östlichen Mittelmeerraum aufgeteilt zwischen den Ägyptern, Hethitern, Assyrern und Mykenern. Karte: Captain Blood, MichaelFrey, Wikipedia, CC3-Lizenz

Katastrophe und fruchtbarer Neuanfang gleichermaßen

Von daher ist Clines Deutung, dass der „Seevölker-Ansturm“ vielleicht eher ein Einsickern war und den bereits durch eine Kette von Katastrophen geschwächten Bronzezeit-Hochkulturen lediglich den letzten Stoß versetzten, durchaus plausibel –wenngleich er seine Argumentationsketten selbst oft nur auf Plausibilitäts-Erwägungen stützt. Auch seiner Meinung, dass man den Fall von Hattuscha, Kreta & Co. nicht nur als Katastrophe, sondern auch als fruchtbaren Neuanfang sehen sollte, mag man folgen: Zwar erlebte der östliche Mittelmeerraum (mit Ausnahme Ägyptens) in den Jahrzehnten ab 1200 v. u. Z. einen tiefen zivilisatorischen Niedergang. Ganze Landstriche schlitterten in eine „dunkle Zeit“, aus der wir nur wenig schriftliche Überlieferungen haben. Viele Städte wurden zerstört, brannten nieder, verfielen, entvölkerten sich, wurden dauerhaft aufgegeben.

Übergang von Bronze zu Eisen, von Keilen zu Buchstaben

Andere Städte und „Staaten“ hingegen, vor allem im heutigen Palästina, erfuhren aber eben auch neue kulturelle und technische Impulse durch (kriegerische oder friedliche) Zuwanderer. So hüpfte die Menschheit beispielsweise in dieser ach so „Dunklen Zeit“ von der Bronze- in die Eisenzeit. Und die Phönizier entwickelten in dieser Zwischenzeit das Buchstaben-System, das die alten Keilschriften ablöste.

Machtvakuum machte Platz für griechische Poleis

Vor allem aber machte das entstandene Machtvakuum Platz für ganz neue Denkweisen, gesellschaftliche Modelle und Strukturen – insbesondere für die griechischen Stadtstaaten mit ihren Demokratie-Konzepten. In jeder Hinsicht drängt sich hier natürlich die Parallele zur sogenannten „Dunklen Zeit“ in West- und Südeuropa zwischen Antike und Frühmittelalter, dem Fall vom Rom und dem Aufstieg der Frankenreiche auf, die zu ähnlichen „Reset“-Effekten der Zivilisation führte…

„Manchmal“, so argumentiert Cline, „braucht es eben einen Flächenbrand, um das Ökosystem eines alten Waldes zu erneuern und etwas Neues wachsen zu lassen.“

Fazit: Plausible Deutung

Über die Ursachen für den Untergang der Bronze-Zeitreiche werden die Historiker mutmaßlich auch in 100 Jahren noch streiten. Clines Buch spiegelt gut den aktuellen Stand der Forschung und zwar aus einer interdiziplinären Sicht, die Befunde der Historiker, Archäologen, Klimaforscher und anderer Experten zusammenführt. Über weite Strecken in leichtem Plauderton geschrieben, durchdringt Clines Werk doch gleichzeitig mit hohem wissenschaftlichen Anspruch ein Puzzlespiel, dessen fehlende Stücke viele Forscher bis heute immer noch gern mit Spekulationen zu füllen versuchen.

Der kritische Leser mag Cline vielleicht nicht in jedem Argumentationsstrang folgen, denn auch der US-Archäologe stützt sich an manchen Stellen nur auf Vermutungen. So datiert Cline beispielsweise Homers trojanischen Krieg um 200 Jahre vor und hält ihn für eine mykenisch-hethitische Auseinandersetzung – das kann man annehmen, muss man aber nicht. Auch steht seine Annahme, dass der Mittelmeer-Handel der späten Bronzezeit für die beteiligten Reiche überlebensnotwendig war, für meinen Geschmack auf etwas zu wackligen Beweis-Fußen. Aber Clines grundsätzliche Argumentationskette ist von diesen Arabesken nicht zwingend abhängig und wirkt in der Gesamtschau sehr plausibel. Autor: Heiko Weckbrodt

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Eric H. Cline: „1177 v. Chr.: Der erste Untergang der Zivilisation“, am. Original: Princeton 2014, dt. Übersetzung durch Dr. Cornelius Hartz, Darmstadt 2015, Konrad-Theiss-Verlag, ISBN 978-3-8062-3195-3, ca. 30 Euro, eine Leseprobe ist hier zu finden.

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