News, Wirtschaft
Schreibe einen Kommentar

Wenn das Werbeplakat dich anquatscht…

Einst war er Comic-Zeichner und Maschinenbau-Student, heute Druckerei-Chef: Thomas Pertermann beschäftigt in seinem Unternehmen WDS inzwischen 23 Mitarbeiter. Um sich von den vielen Online-Druckereien abzuheben, setzt er auch auf moderne Technologien wie gedruckte Elektronik. Daneben betätigt er sich auch als Verleger für Kunstkalender aus der Region. Foto: Sabine Mutschke

Einst war er Comic-Zeichner und Maschinenbau-Student, heute ist er Druckerei-Chef: Thomas Pertermann (links) beschäftigt in seinem Unternehmen WDS inzwischen 23 Mitarbeiter, darunter auch den angehenden Drucker-Meister Richard Effenberg (rechts). Um sich von den vielen Online-Druckereien abzuheben, setzt der Unternehmer auf den Einsatz moderner Technologien wie gedruckter Elektronik. Daneben betätigt er sich als Verleger für Kunstkalender aus der Region. Foto: Sabine Mutschke

Gedruckte Elektronik wird zum Massenprodukt

Dresden, 25. November 2015. Herr K. schlendert an einer lockenden Blondine vorbei, die sich auf einem Reklameplakat am Straßenrand räkelt. Sie wirbt für Reisen in die Südsee. Doch Herr K. hat weder Zeit noch Geld für Urlaub und will schon weitereilen. Da fängt sein Handy an zu summen. Eine Südseemelodie. K. näselt das Telefon aus der Tasche, starrt auf den Bildschirm: Die Blondine hat drei Bikini-Schönheiten mitgebracht, die vor K.s Augen am Strand umhertanzen. „Komm zu uns, lieber K., bei uns ist es immer schön warm“, säuseln sie – und im nächsten Moment hat er auch schon eine SMS mit den Buchungsdetails auf dem Schirm…

Porsche & Co. lassen sich von Dresdner Druckerei WDS ihre Reklame mit hauchdünnen Chips veredeln

Möglich werden solche Sirenengesänge der Werbe-Fuzzis durch recht einfache gestrickte, sehr flache und meist biegsame Computerchips, die auf Folien gedruckt und dann unsichtbar auf Werbeplakate oder Image-Broschüren laminiert werden. Und diese gedruckte Elektronik wird im Werbedruck-Markt zu einem Massenprodukt: Sie bringt Visitenkarten zum Reden, startet Videos auf Smartphones und ermöglicht andere nette Spielereien. Dies entwickele sich immer zu einem Trend, schätzt der Dresdner Druckerei-Unternehmer Thomas Pertermann ein: „Wer sich von der Konkurrenz abheben will, muss auch mal was Neues ausprobieren“, sagt der 53-jährige Druckerei-Chef, der solch eine Technologie seit einiger Zeit anbietet – und damit namhafte Kunden wie Porsche, die Sparkasse und die Wirtschaftsförderung Sachsen gewonnen hat. Weltweit rechnen auch Marktanalyse-Unternehmen wie IDTechEx für die nahe Zukunft mit stark wachsender Nachfrage für gedruckte Elektronik.

QR-Pixelcodes sind technologiebewussten Kunden inzwischen zu schnöde

Denn vor allem Unternehmen, die sehr auf ihren Ruf als Technologie-Pioniere bedacht sind, wollen nach Pertermanns Erfahrungen heutzutage keine pixligen QR-Codes mehr auf ihre Image-Broschüren drucken, sondern eben hauchdünne Elektronik, die Interaktionen mit der Zielgruppe ermöglichen. Zum einen würden viele Kunden die bekannten Pixel-QR-Codes einfach zu hässlich finden. „Außerdem können die Chips auch ganze Befehlsketten auslösen, was QR-Codes eben nicht schaffen.“ Nähert sich ein Passant wie unser Herr K. beispielsweise einem Werbeplakat mit einlaminierten Chips, fängt das Poster möglicherweise an zu sprechen, setzt SMS-Nachrichten ab und spult Filme ab.

Gedruckte NFC-Elektronik in einer
Postkarte (Video: animatedPrint):
 

Dresdner setzen auf passive NFC-Funkchips

Die Dresdner setzen für ihre gedruckte Elektronik speziell auf sogenannte „passive NFC-Chips“. Konzerne wie Philips und Nokia hatten diesen drahtlosen Nahfeld-Datenfunk („Near Field Communication“ = NFC) vor etwa zehn Jahren entwickelt, um einen bequemen Datenaustausch zwischen Handys und vor allem auch bargeldloses Bezahlen mit Smartphones zu ermöglichen. Diese Bezahlfunktion mit aktiven NFC-Chips ist vor allem in Asien schon ziemlich beliebt und wird dort auch in vielen Handys eingebaut. In Europa hingegen steckt das bargeldlose Bezahlen mit NFC-Handys noch in den Kinderschuhen. Die passiven NFC-Chips für den Werbedruck wiederum, wie sie Pertermanns Druckerei WDS verwendet, erlauben keine Geldtransfers. Sie können aber in entsprechend ausgerüsteten Handys Aktionen auslösen – zum Beispiel multimediale Zusatzinfos zu einem gedruckten Bild abspulen.

Unternehmer Thomas Pertermann zeigt einen Erinnerungsbrief mit unsichtbar einlaminierten Chips. Hält er das NFC-fähige Smartphone an das Bild, liest es laut die Namen der Partner, denen der Brief gewidmet ist. Foto: Sabine Mutschke

Thomas Pertermann zeigt einen Erinnerungsbrief mit unsichtbar einlaminierten Chips. Hält er das NFC-fähige Smartphone an die Urkunde, liest es laut die Namen der Partner vor, denen der Brief gewidmet ist. Foto: Sabine Mutschke

Schaltkreis-Druck selbst ausprobiert – doch Zukauf aus China war billiger

„Anfangs haben wir die Schaltkreise selbst gedruckt“, erzählt Pertermann. Aber: „Gedruckte Chips machen Werbeartikel um etwa 30 Cent bis einen Euro pro Stück teurer“, sagt er. Diesen Aufpreis würden image-bewusste Unternehmen auch durchaus zahlen – aber damit sei die Schmerzgrenze für die Kunden erreicht. Und aus diesen Kostengründen kauft Pertermann die NFC-Schaltkreise inzwischen doch lieber aus China zu.

Vom Comiczeichner und Maschinenbauer zum Druckerei-Chef

Das Interesse an neuesten Technologien mag man auch aus der Biografie des Druckerei-Chefs heraus verstehen: Zu DDR-Zeiten studierte er erst Kunst, dann an der TU Dresden Maschinenbau, er arbeitete als Illustrator und Comic-Zeichner, gründete 1990 die Agentur WDS, die sich zu einer Druckerei weiterentwickelte. „Für innovative Technik habe ich mich dabei immer interessiert“, sagt Pertermann. 25 Jahre nach dem Start beschäftigt das Unternehmen an der Görlitzer Straße nun 23 Mitarbeiter, kam im vergangenen Jahr auf 2,3 Millionen Euro (15 % mehr als im Jahr 2013), hat fast 1000 Kunden in ganz Deutschland und setzt auch weiter auf Innovationen.

Pertermann neueste Masche sind übrigens 3D-Selfies: dreidimensionale Abbilder von Frischverheirateten oder Jubilaren. Und wer weiß, vielleicht werden die ja demnächst auch mit NFC-Elektronik gespickt und fangen auf dem Kaminsims noch an zu reden… Autor: Heiko Weckbrodt

Zum Weiterlesen:

Gedruckte Elektronik lässt Plakate singen

Fast 10 Milliarden Dollar für gedruckte und organische Elektronik erwartet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.