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Aghet: 100 Jahre nach Völkermord an Armeniern

Osmanische Soldaten treiben armenische Zivilisten im April 2015 aus Kharpert in ein Gefangenenlager im nahen Mezireh. Die Aufnahme fertigte mutmaßlich ein unbekannter deutscher Reisender an. Fotoautor unbekannt, publiziert vom am. Roten Kreuz, Wikipedia, Public Domain

Osmanische Soldaten treiben armenische Zivilisten im April 1915 aus Kharpert in ein Gefangenenlager in Mezireh. Die Aufnahme fertigte mutmaßlich ein deutscher Reisender an. Fotoautor unbekannt, publiziert vom amerikanischen Roten Kreuz, Wikipedia, Public Domain

Dresdner Sinfoniker wollen mit Konzertprojekt Zeichen der Versöhnung setzen

Dresden/Berlin, 7. November. In einem multinationalen Konzertwerk „Aghet“ (Die Katastrophe) wollen die Dresdner Sinfoniker im November 2015 gemeinsam mit armenischen, türkischen, serbischen, kroatischen, bosnischen und deutschen Musikern an den Völkermord und die Vertreibung des armenischen Volkes vor 100 Jahren in der Türkei erinnern. „Als wichtigster Verbündeter des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg war auch das deutsche Kaiserreich in die Verbrechen verstrickt“, betonen die Musiker um Intendant Markus Rindt. „Die Dresdner Sinfoniker wollen mit ihrem Konzert ein Zeichen der Versöhnung setzen.“ Mit dabei ist der Gitarrist Marc Sinan – seiner armenischen Großmutter Vahide, die die Katastrophe überlebte, wird das Konzert gewidmet sein.

Vahide Akman verlor ihre armenischen Eltern durch die Deportationen nach dem 24. April 1915. Ihr Enkel Marc Sinan gehört nun zu den Initiatoren und Musikern des Konzertprojektes "AGHET". Foto: privat, Marc Sinan

Die Armenierin Vahide Akman verlor ihre Eltern durch die Deportationen nach dem 24. April 1915. Ihr Enkel Marc Sinan gehört nun zu den Initiatoren und Musikern des Konzertprojektes „AGHET“. Foto: privat, Marc Sinan

Vor 100 Jahren erfuhren Armenier Massendeportation und Tod

Hintergrund: In den Jahren vor und während des I. Weltkrieges verloren mehrere Hunderttausend bis 1,5 Millionen Armenier (die Zahlen sind umstritten) im osmanischen Reich ihr Leben: durch Übergriffe von Türken und Kurden, aber auch in Folge von systematischen Deportationen, die die jungtürkische Regierung organisiert hatte. Dies eskalierte ab April 1915 in Massenverhaftungen armenischer Intellektueller in Istanbul und tödlichen Deportationsmärschen. Die deutschen Verbündeten schauten dabei tatenlos zu, einige kaiserliche Soldaten halfen den Jungtürken möglicherweise sogar dabei. Während sich der Rest der Welt darin weitgehend einig ist, dass sich vor 100 Jahren nichts weniger als ein staatlich organisierter Völkermord an den Armeniern abspielte, bestreitet die türkische Regierung dies bis heute vehement. Die Armenier nennen jene Ereignisse meist „Aghet“ (Katastrophe).

Uraufführung in Berlin

100 Jahre danach möchten die Dresdner Sinfoniker jene Ereignisse künstlerisch verarbeiten und mit Aufführungen in Berlin, Dresden, Belgrad, Istanbul und Jerewan dafür sorgen, dass die Katastrophe, die das armenische Volk traf, nicht in Vergessenheit gerät. Musikalische Herzstücke der Konzerte werden zwei Uraufführungen sein und eine deutsche Erstaufführung: Das Streicher-Stück „Notes from the Silent One“ von Zeynep Gedizlioğlu aus der Türkei, das chorbegleitete musikalische Melodram „Massaker, hört ihr MASSAKER!“ von Helmut Oehring aus Deutschland sowie das Instrumentalstück „Surgite Gloriae“ von Vache Sharafyan, Armenien.

Abb.: Dresdner Sinfoniker

Abb.: Dresdner Sinfoniker

Schüler begleiten das Projekt auf ihre Weise

Zuerst führen der internationale Musiker-Zusammenschluss das Konzertprojekt „Aghet“ am 27. und 28. November 2015 im Berliner Kulturzentrum „Radialsystem“ auf. Ab Januar wollen die Sinfoniker dann gemeinsam mit zwei Dresdner Schulen ein begleitendes Vermittlungsprojekt „Die 40 Tage des Musa Dagh“ ausarbeiten. Ende April werden das Schulprojekt sowie „Aghet“ selbst im Festspielhaus Hellerau aufgeführt. 2016 oder 2017 folge dann eine Tournee nach Belgrad, Istanbul und Jerewan, kündigten die Musiker an.

Die Dresdner Sinfoniker hatten bereits in der Vergangenheit mit ungewöhnlichen Konzertformaten auf sich aufmerksam gemacht: Zum theoretischen Zeitende des Maya-Kalenders inszenierten sie zum Beispiel Ende 2012 ein Apokalypse-Konzert in der Sächsischen Landes- und Uni-Bibliothek SLUB. Und im Sommer 2015 erinnerten sie mit einer Manga-Vertonung an den Dresdner Elbwiesen an die nukleare Zerstörung Hiroshimas im August 1945. hw

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