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Im Zug des Lebens

In "Achtung Aufnahme Band läuft" spannt die Autorin und Journalistin Brigitte Schubert-Oustry den autobiografischen Bogen zwischen dem Kriegsende und der Gegenwart. Abb. (bearb.): Hille-Verlag

In „Achtung Aufnahme Band läuft“ spannt die Autorin und Journalistin Brigitte Schubert-Oustry den autobiografischen Bogen zwischen dem Kriegsende und der Gegenwart. Abb. (bearb.): Hille-Verlag

Journalistin Schubert-Oustry erinnert sich: „Achtung, Aufnahme, Band läuft“

Die Autorin und Journalistin Brigitte Schubert-Oustry ist in Dresden geboren, hat in Berlin studiert und in Paris mehrere Jahrzehnte als Auslandskorrespondentin gearbeitet. Nun ist sie zurückgekommen und stellt am Freitagabend im Lingnerschloss ihr neues Buch „Achtung Aufnahme – Band läuft. Eine Journalistin erinnert sich“ der Öffentlichkeit vor.

Brigitte Schubert-Oustry gehört zu denen, die dabei gewesen sind. Für die der Mythos Realität war. Die Bombardierung Dresdens erlebte die Autorin als Mädchen im zarten Alter von neun Jahren. Sieben Jahrzehnte später zögerte sie nicht lange und packte die Erinnerung in den Prolog ihrer autobiographischen Erzählung. Es geht darin jedoch nicht darum, ein historisches Ereignis zum hundertsten Mal in den Mittelpunkt zu rücken. Nein, Schubert-Oustry schildert dieses Geschehene als Beginn eines Endes. Denn alles was danach kommt, kann sie nicht halten: Die schwierigen Nachkriegsjahre, in denen der Vater als Architekt unter dem Befehl 209 des sowjetischen Marschalls Sokolowski die Bodenreform umzusetzen hatte; die Bespitzelung, die Einengung, die Beklemmung und schließlich das geliebte Musikstudium, das ihr versagt blieb.

Brigitte Schubert-Oustry. Foto: privat

Brigitte Schubert-Oustry. Foto: privat

Flucht nach Westberlin

Bei Nacht und Nebel verlässt die kaum Neunzehnjährige frisch verheiratet ihre Heimatstadt. Unter Vorgabe, in die Flitterwochen zu reisen, steigt sie mit ihrem Mann 1955 in eine S-Bahn gen Westberlin. Nur ein kleiner Koffer begleitet die Flüchtenden, dahingegen große Hoffnungen auf eine erstklassige Ausbildung und ein Leben in Freiheit. Es folgen die ersehnte Aufnahme an der Berliner Hochschule für Musik und vier Lehrjahre im weitesten Sinne des Wortes: Vier Jahre Exil voll künstlerischer und menschlicher Erfahrungen, doch auch harte Entbehrungen und finanzielle Miseren in der mittellosen, nur durch ein karges Flüchtlingsstipendium gestützten Studienzeit. Am größten Tiefpunkt hausen sogar Ratten in dem kärglichen Zimmer des Musikerpaares. Am Ende steht er trotzdem – der Studienabschluss zur Pianistin. Und: die überraschende Entscheidung, Journalistin zu werden. Bereits während ihrer Studienzeit hatte die Pianistin Novellen beim Sender Freies Berlin und in der Berliner Morgenpost veröffentlicht.

Mit Milchkühen zum Erfolg

Riskant – weil vorher ein Erfolg nicht absehbar war – entwickelt sich diese Entscheidung zum großen Glücksfall ihres Lebens. Schubert-Oustry resümiert über ihren Beruf, der ihr Leben war. Sie reflektiert den unbeleckten Start beim Saarländischen Rundfunk, erzählt von freundlichen Technikern, gemolkenen Milchkühen und dem glücklichen Eroberungsfeldzug in die Rundfunkabteilungen Aktuelles, Kultur, Bildung, Frauen- und Landfunk. Fast minutiös schildert die Autorin in amüsanten Anekdoten Erfahrungen und auch Pannen, die sicher schon viele Journalisten einmal erlebt haben.

Liebe in Paris

Mit der Erfüllung kommt die Liebe – ausgerechnet in Paris einfach so des Weges gelaufen.Brigitte Schubert-Oustry geht schließlich in die französische Hauptstadt und arbeitet von dort als Auslandskorrespondentin für zahlreiche Sender in Deutschland, aber auch Österreich und der Schweiz. Die Pariser Revolte der 68er Jahre erlebte sie im französischen Familienkreis, quasi direkt vor der Haustür, unter den Fenstern ihrer Wohnung.Und weil eben alles so war, wie es war, ist der Rückblick auch gleichzeitig eine Reise durch die deutsche und später auch französische Nachkriegszeit: Ganz nebenbei analysiert die Autorin die Entwicklung der kriegsgebeutelten Nachbarländer Deutschland und Frankreich, die Probleme der jungen Europäischen Gemeinschaft aus französischer Sicht sowie den Freiheitskampf der französischen Kolonie Algerien, die in den 60ern um ihre Unabhängigkeit rang.

Gemälde eines restpompösen Frankreich

Schubert-Oustry blickt in ihrem Buch „Achtung Aufnahme, Band läuft“ auf ihr Leben zurück und gibt gleichzeitig Einblicke in die deutsch-französische Zeitgeschichte. In einer lebendigen und poetischen Sprache wandert die Autorin auf 327 Seiten durch die Jahre. Ihr Buch ist Autobiographie, Historien-Reise und Portrait des (Saarländischen) Rundfunks, aber auch das Gemälde eines restpompösen Frankreichs, das zunehmend mit Schwierigkeiten kämpft.

Brigitte Schubert-Oustry lebt heute wieder in Dresden. Sie ist Initiatorin des deutsch-französischen Kulturpreises „Hommage à la France“, der unter der Schirmherrschaft des Instituts Francais jedes Jahr herausragende literarische Arbeiten zum Thema „Frankreich“ kürt. Für den Aufbau der Frauenkirche hat die engagierte Bürgerin mit der Association Frauenkirche in Paris etwa 180 000 Euro gesammelt. Schubert-Oustry erhielt im Jahr 2010 den „Nikolaus Lenau- Preis für Lyrik“ den 3. Literaturpreis für Kurzprosa der Künstlergilde Esslingen. Im Jahr 2012 wurde ihr der 2. Literaturpreis für Kurzprosa der Künstlergilde Esslingen verliehen.

Autorin: Katrin Tominski

Musikalische Lesung im Lingnerschloss

Der literarisch-musikalische Abend im Lingnerschloss (Freitag, 23. Oktober 2015, 19.30 Uhr) wird veranstaltet innerhalb der Reihe „Das Feuilleton VI“. Der Musiker Rolf Schinzel begleitet die Lesung am Flügel. Der Eintritt kostet elf Euro, ermäßigt neun Euro.

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Brigitte Schubert-Oustry „Achtung Aufnahme – Band läuft. Eine Journalistin erinnert sichVerlag Hille, Dresden 2015, 14,50 Euro, ISBN 987-3-939025-35-1

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