Wirtschaft

Sachsen vernetzen Privatöfen zu intelligenten Energiespeichern

Statt neue Groß-Energiespeicher (hier ein Blick in die Leitzentrale des Pumpspeicherwerks Dresden-Niederwartha) zu bauen, wollen Forscher und Energieversorger aus Ostsachsen bereits existeierende dezentrale Speicheröfen in Haushalten vernetzen, um Lastspitzen abzufangen. Foto: Heiko Weckbrodt

Statt neue Groß-Energiespeicher (hier ein Blick in die Leitzentrale des Pumpspeicherwerks Dresden-Niederwartha) zu bauen, wollen Forscher und Energieversorger aus Ostsachsen bereits existeierende dezentrale Speicheröfen in Haushalten vernetzen, um Lastspitzen abzufangen. Foto: Heiko Weckbrodt

Pilotprojekt SERVING als Beitrag zur Energiewende in Dresden gestartet

Dresden, 25. September 2015. Um die Last-Schwankungen in den Stromnetzen abzufangen, die seit der Energiewende ein wachsendes Problem geworden sind, wollen Energieversorger und Hochschulen in Sachsen ein dezentrales computergesteuertes Energiespeicher-Netz aufbauen. Dabei sollen vor allem Speicherheizungen in ostsächsischen Privathaushalten umgerüstet und mit Datenleitungen vernetzt werden. Ein Zentralrechner beim Energieversorger ENSO kann dann Hunderte – später Tausende – von angeschlossenen Privat-Energiespeicher so steuern, dass sie ihre elektrischen Heizungen immer dann anwerfen, wenn zum Beispiel gerade zahlreiche Windkraft- und Solaranlagen viel Energie in die Netze drücken und dadurch Strom billig zu haben ist.

Dezentrale Speichernetze sollen Lastspitzen abfangen und Stromkosten sparen

„Unser Ziel ist es, dadurch Lastspitzen zu reduzieren und dass letztlich auch die Kunden sparen“, betonte Thomas Darda von der ENSO AG, der im Projekt für die technische Beschaffung zuständig ist. Denn wenn in den Netzen viele Anbieter Energie einspeisen, sinken auch die Preise an den Strombörsen. Wenn man diese „Kursschwankungen“ im Viertelstunden-Takt richtig ausnutzt, um elektrische Wärmespeicher-Heizungen zu betreiben, sollte auch unterm Strich eine Ersparnis für den Endkunden stehen. Wie hoch die sein wird, könne man aber jetzt noch schwer kalkulieren, so die ENSO.

Projekt mit 2,8 Millionen Euro dotiert

Prof. Peter Schegner. Foto: TU Dresden

Prof. Peter Schegner. Foto: TU Dresden

Das dafür nun gestartete Pilotprojekt „SERVING“ („Serviceplattform Verteilnetz zum integralen Lastmanagement“) wird von der TU Dresden koordiniert. Beteiligt sind außerdem die ENSO Netz, die ENSO AG, die „Drewag Netz“ der Dresdner Stadtwerke sowie die Hochschule Zittau/Görlitz. Das Pilotprojekt ist für die nächsten vier Jahre mit insgesamt 2,8 Millionen Euro dotiert. 1,5 Millionen Euro davon steuert das Bundeswirtschaftsministerium als Förderung bei, den Rest finanzieren die Wirtschaftspartner. „SERVING soll die Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Umweltverträglichkeit der Stromversorgung nachhaltig optimieren“, erklärt Projektkoordinator Prof. Peter Schegner von der TU Dresden.

Bis zu 1/3 Netzlast allein durch elektrische Öfen in Privathaushalten speicherbar

Insgesamt sind in der Stadt Dresden Speicherheizungen mit einer Gesamtleistung von fünf Megawatt installiert, im ostsächsischen Raum ringsum sind es etwa 16.000 Anlagen mit insgesamt rund 370 Megawatt, teilte Netzplaner Martin Große von der ENSO Netz mit. Zum Vergleich: Im ENSO-Stromnetz sind teilweise Lastspitzen von bis zu 1,1 Gigawatt zu bewältigen. Das heißt: Würde es letztlich gelingen, alle in Privathaushalten installierten elektrischen Speicheröfen durch SERVING vernetzen, könnte der Netzbetreiber bis zu ein Drittel der Gesamtlast zeitweise dezentral puffern – ganz ohne Rieseninvestitionen etwa für neue Pumpspeicherwerke.

Pilotnetze in Großenhain und Hirschfelde geplant

Im Rahmen des SERVING-Pilotprojekts werden zunächst bis zum Winter 2018/2019 rund 400 solcher Speicheröfen in Großenhain und in Hirschfelde bei Zittau vernetzt und mit einem Zentralrechner verbunden, kündigte Martin Große an.

Anders als herkämmliche Steuersysteme für Speicheröfen soll das neue Serving-System aktuelle Strom-Preise, Netzlastspitzen und Ökobilanz berücksichtigen, wenn es die Heizungen anwirft. Abb.: ENSO

Anders als herkämmliche Steuersysteme für Speicheröfen soll das neue Serving-System aktuelle Strom-Preise, Netzlastspitzen und Ökobilanz berücksichtigen, wenn es die Heizungen anwirft. Abb.: ENSO

Schamottstein-Öfen und Zentralrechner tauschen Daten über Stromkabel aus

Bei den Speicheröfen selbst handelt es sich meist um feuerfeste Schamottstein-Anlagen mit hohem Wärmespeichervermögen, die elektrisch beheizt werden. Die Projektpartner gehen davon aus, dass diese Öfen relativ leicht und billig so umrüstbar sind, dass sie von außen steuerbar werden. Die Kommunikation zwischen den dezentralen Speichern und dem Zentralrechner in Dresden soll entweder durch Datenverbindungen über die Stromkabel selbst oder durch Lichtleiter-Internetkabel abgewickelt werden.

Perspektivisch wollen die Ingenieure neben solchen Öfen aber auch andere Anlagen als Energiespeicher einspannen: Zum Beispiel die rund 6000 installierten Wärmepumpen im ENSO-Gebiet oder die Hochwasser-Behälter im Dresdner Stadtgebiet, deren Pumpen ebenfalls so gesteuert werden sollen, dass sie möglichst bei hohen Lasten und niedrigen Strombörsen-Kursen angeworfen werden. Autor: Heiko Weckbrodt

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