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Schwedische Groteske „Eine Taube sitzt auf einem Zweig…“ auf DVD

Jonathan (Holger Andersson) und Sam (Nils Westblom) agieren wenig glücklich als Scherzartikel-Vertreter. Foto: Neue Visionen

Jonathan (Holger Andersson) und Sam (Nils Westblom) agieren wenig glücklich als Scherzartikel-Vertreter. Foto: Neue Visionen

Lachbeutel von der Heulsuse und dem Grimmigen

Würden Sie einen Lachsack von zwei schwarzgekleideten Männern kaufen, von denen der eine flennt und der andere höchst düster dreinglotzt? „Wir wollen den Menschen helfen, Spaß zu haben“, wimmert der eine. „Die müssen ihn entschuldigen. Er ist eine Heulsuse“, versucht der Finstere die Situation zu retten. Vergebens: Die zwei Anti-Helden der schwedischen Groteske „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ sind und bleiben extrem erfolglos als Verkaufsvertreter für Scherzartikel: Keiner will ihre Vampir-Zähne, Lachsäcke oder Gevatter-Einsam-Masken haben und langsam steht Sam (Nisse Westblom) und Jonathan (Holger Andersson) das Wasser bis zum Halse.

Arme Wüstchen stolpern erfolglos durchs Leben

Dabei sind die beiden schon so ziemlich arme Schweine: Eine Wohnung können sie sich nicht leisten und leben deshalb in einem Arbeiterheim, wo Krach und Lachen verpönt sind. Mit dem Scherzartikel-Verkauf wollten sich die gealterten Verlierer einen finanziellen Ausweg aus ihrer Lebens-Misere schlagen. Doch die titelgebende Taube bleibt auf ihrem Ast sitzen und selbst der Spatz will nicht in die Hand fliegen: In diesem Land lacht niemand, wie es scheint. Weder der pedantische Flaggoffizier, der in der Stadt auf der Suche nach dem Vortrag „Die Kunst des Rückzugs“ umherirrt, noch der ernste Kneipenwirt oder die Erbschleicher, die sich um Omas Schmucktasche reißen.

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Reduktion auf den banalen Kern

Vorstellen sollte man sich die „Taube auf dem Zweig“ aber nicht als Spielfilm im klassischen Sinne, sondern eher wie einen lakonischen Kaurismäki-Episodenfilm. Als Abfolge absurd-makabrer Szenen, die durch unsere glücklosen Scherzartikel-Vertreter lose verknüpft werden. Um jedes „Overacting“ zu verhindern, lässt Regisseur Roy Andersson seine Schauspieler immer stocksteif dastehen, Dialogzeilen stetig wiederholen. Jeder Perspektivwechsel ist für den Kamera-Mann untersagt, die meisten Szenen werden ohne jeden Schnitt präsentiert. Auch vor anachronistischen Brüchen schreckt Andersson nicht zurück, lässt eben mal den schwulen König Karl XII. (1682-1718) mit seiner anfangs 100.000 Mann starken Armee durch unsere Gegenwart gen Russland reiten und dabei Rast in einer Kneipe machen, in die sich auch Sam und Jonathan verirrt haben.

Regisseur: „Schwer zu sagen, worum es geht“

Das ist lustig und anstrengend gleichermaßen, zieht seinen grotesken Witz aus der Reduktion menschlicher Handlung auf den banalen Kern. „Es ist schwer zu sagen, worum es in diesem Film geht“, räumt Regisseur Andersson bei einem Interview in der Bonussektion der nun erschienenen DVD ein. „Vielleicht um das Leben im Kondensat, in seiner puren Form.“

Fazit: absurd, komisch, pessimistisch

Der Zuschauer sollte sich auf die Kategorie „Heute machen wir mal Kunst“ einstellen: „Eine Taube…“ ist grotesk, teils makaber, dann wieder absurd-lustig, manchmal auch nervenstrapazierend, und kann selbst genetisch festverdrahtete Optimisten am Leben zweifeln lassen. Autor: Heiko Weckbrodt

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„Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ (Neue Visionen/Good!movies), Groteske, Schweden 2014, Regie: Roy Andersson, 96 Minuten, FSK 16, DVD 18 Euro