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Wenn eins zum anderen kommt: Dominoeffekt frisst sich durch die Gesellschaft

Penelope Lively. Foto: Bertelsmann

Penelope Lively. Foto: Bertelsmann

Britische Autorin Penelope Lively skizziert in ihrem neuen Roman die verästelten Folgen eines Taschendienstahls

Wir kennen das Thema vom Domino-Effekt und richtig populär ist es durch den legendären „Chaos-Schmetterling“ geworden, der angeblich in Südamerika mit dem Flügel schlägt und dadurch letztlich einen Orkan in China auslöst (oder wo auch immer). Im Volksmund kennt man das schon länger in der Redewendung „Kleine Ursache, große Wirkung“. Und diesem Pfad folgt auch die britische Autorin und Historikerin Penelope Lively in ihrem neuen Roman „Wenn eins zum anderen kommt“. In dem exerziert sich durch, wie schnell ein kleiner Auslöser eine unerwartete Kette von Ereignissen auslösen und dem Leben ganz verschiedener Menschen eine neue Richtung gibt.

Sturz auf der Straße löst Fall einer Koryphäe und Scheidungsaffäre aus

Der erste Dominostein, der bei ihr fällt, ist im wörtlichen Sinne die betagte Sprach-Lehrerin Charlotte, die auf der Straße von einem Taschendieb umgestoßen wird und nun ihre Tochter Rose um Hilfe bitten muss. Die aber kann dadurch nicht wie immer zu ihren Arbeitgeber, einem bornierten Ex-Literaten gehen, der daraufhin seine Nichte als Ersatz für eine Vortragsreise anheuern muss. Und die ist nicht vorbereitet, brieft den alten Herrn nicht richtig – und der kommt beim Referat vor der Kulturelite ins Stottern und büßt so einen jahrzehntelang erarbeiteten Ruf als Historiker-Koryphäe ein. Die Nichte wiederum sendet ihrem – mit einer anderen Frau verheirateten – Lover eine unbedachte SMS zu, die von dessen Gattin entdeckt wird, die sofort die Scheidung verlangt – und so frisst sich der kleine Taschendiebstahl auf der Straße immer weiter durch die englische Gesellschaft…

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Der Chaosschmetterling schlägt zu

Penelope Lively baut da eine hübsche Dominokette auf, die sie genüsslich fallen lässt und zweifellos bezieht ihr Buch daraus auch seinen Charme. Zudem merkt man der 1933 in Kairo geborenen Autorin auch ihre Lebenserfahrung an: Sie weiß eben, wie dumm die Dinge manchmal einfach laufen können.

Fazit: reizvoll, aber Tendenz zu allzu langen Selbstbetrachtungen

Penelope Lively. Foto: Bertelsmann

Foto: Bertelsmann

Manchmal allerdings skizziert sie ihre Protagonisten etwas arg plakativ und nicht ganz klischeefrei. Auch hätte der Roman sicher eine straffende Hand gebrauchen können: Allzu oft rutscht Lively in seitenlange Selbstbetrachtungen und ein großes „In sich selbst Hineingehorche“ der Akteure ab, was teils leicht ermüdend wirkt. Und nicht zuletzt ist das Dominoeffekt-Szenario in der Literatur auch schon oft eingesetzt worden, in jüngerer Zeit beispielsweise von Livelys Landsmann David Mitchell, der dieses kunstvolle Verschränken ganzer Leben für meine Begriffe noch etwas virtuoser beherrscht. Dennoch: „Wenn eins zum anderen kommt“ hat seinen Reiz und wirft einen entwaffnenden Blick darauf, wie wir uns im Leben doch manchmal von einem Mix aus eigenen Wünschen und kleinen Fremdeinwirkungen leiten lassen. Autor: Heiko Weckbrodt

Penelope Lively: „Wenn eins zum anderen kommt“, Dominoeffekt-Roman, Bertelsmann/Random House 2015, eBook-Version: ISBN 978-3-641-13785-4, 288 Seiten, 14 Euro (gebundene Ausgabe 18 Euro, Leseprobe hier