Kunst & Kultur

Barfuss durch Hiroshima

Keiji Nakazawa erlebte den Atombomben-Abwurf über Hiroshima als Sechsjähriger - und verarbeitete das Erlebte davor und danach später in der Manga-Serie "Barfuß durch Hiroshima". Abb.: Keiji Nakazawa, Carlsen-Verlag

Keiji Nakazawa erlebte den Atombomben-Abwurf über Hiroshima als Sechsjähriger – und verarbeitete das Erlebte davor und danach später in der Manga-Serie „Barfuß durch Hiroshima“. Abb.: Keiji Nakazawa, Carlsen-Verlag

70 Jahre nach dem Atomschlag improvisieren die Dresdner Sinfoniker am Elbufer zur Videogroßprojektion eines apokalyptischen Mangas

Dresden/Hiroshima, 18. Juli 2015. Unter dem Titel „Barfuß durch Hiroshima“ verwandelt sich genau 70 Jahre nach dem ersten Nuklearschlag gegen Nippon das Japanische Palais am Elbufer in eine Projektionsfläche der Apokalypse: Bei einem kostenlosen Freiluftkonzert musizieren die Dresdner Sinfoniker dort am 6. August 2015 zu einer Videogroßprojektion, in der die japanischen Comics („Mangas“) des Hiroshima-Überlebenden Keiji Nakazawa verarbeitet werden.

Zeichner Keiji Nakazawa verarbeitete im japanischen Manga-Stil Leben und Sterben in Hiroshima

Keiji Nakazawa war sechs Jahre alt, als er zusah, wie eine einzige Bombe, abgeworfen von einem Flugzeug, die Stadt zerstörte, in der er geboren worden war. Die Bombe fraß Keijis Familie und mindestens 70.000 weitere Menschenleben auf einen Schlag. Hunderttausende starben Tage, Wochen, Monate, Jahre später. Nach 20 Jahren tötete der Schatten der Bombe auch seine Mutter – und Keiji Nakazawa begann zu zeichnen. Zu zeichnen und zu zeichnen. Ab 1973 erschien dann „Barfuß durch Hiroshima“. Eine Manga-Serie, die in schwarz-weißen, oft sehr verstörenden Zeichnungen und Sprechblasen über das Leben und Sterben in Hiroshima erzählt – vor und nach der Atombombe vom August 1945.

Großprojektion auf Palais-Fassade und Leinwand – dazu improvisieren acht Musiker die Klänge des Untergangs

Markus Rindt. Foto: privat

Markus Rindt von den Dresdner Sinfonikern. Foto: privat

Diese berührende, kritische und oft auch schonungslose japanische Comic-Buchreihe hat die „Dresdner Sinfoniker“ tief beeindruckt. Auch mit Blick auf die Parallelen zwischen Dresden und Hiroshima, die beide gegen Ende des II. Weltkriegs zerstört wurden. Ein Krieg – und auch das gehört zu dieser Geschichte – Deutsche und Japaner entfesselt hatten. Die Dresdner Musiker taten sich mit dem Videokünstler Oğuz Büyükberber und weiteren Künstlern zusammen und formten aus Keiji Nakazawas Mangas ein multimediales Werk, das nun erstmals beim diesjährigen Palais-Sommer Dresden aufgeführt werden soll.

Am 6. August 2015 geben sie ab 21 Uhr vor dem Japanischen Palais am Dresdner Elbufer das Open-Air-Konzert „Barfuß durch Hiroshima“. Dabei werfen sie auf die Fassade des Palais’ und auf eine XXL-Leinwand eine Video-Großprojektion mit Bildern und Animationen, die auf einem Extrakt von Nakazawas Comic-Serie beruhen – „in einer ganz eigenständigen Ästhetik zwischen Zeichentrickfilm und digitaler Kunst“, wie sie betonen. Dazu werden acht Künstler des Ensembles improvisieren und versuchen, musikalisch herauszuarbeiten, wie die Apokalypse klingt.

"Oh Gott. Das Pferd brennt ja!" - in den Mangas wird das Sterben der Menschen und Tiere gezeigt. Abb.: Keiji Nakazawa, Carlsen-Verlag

„Oh Gott. Das Pferd brennt ja!“ – in den Mangas wird das Sterben der Menschen und Tiere gezeigt. Abb.: Keiji Nakazawa, Carlsen-Verlag

Brennende Pferde und zerfetzte Menschen

„Das sind sehr beeindruckende Mangas, die einen nicht mehr loslassen“; berichtet Projektmanagerin Therese Menzel. „Sie führen uns vor Augen, welches Damoklesschwert doch immer noch durch die Atomwaffen über der Menschheit schwebt.“ Dass man die Veranstaltung erst spät am Abend beginne, sei nicht nur dem Wunsch geschuldet, dass alle Besucher die Videoprojektion in der Dämmerung besser sehen können, sondern auch mit der Schockwirkung vieler Zeichnungen von Keiji Nakazawa: brennende Pferde, die verängstigt durch Ruinen galoppieren, Menschen, denen die Haut in Fetzen abfällt, das zerfetzte Gesicht eines Mädchens, aus dem die Maden kriechen… „Wären das Fotos, wären die Bilder wahrscheinlich gar nicht zu ertragen“, meint die Projektmanagerin. Also nichts für Kinder – und daher startet die Projektion auch erst 21 Uhr.

Sinfoniker sind schon vertraut mit Apokalypsen

Der Zutritt zum Konzert ist gratis und die Sinfoniker sind schon gespannt auf die Reaktionen des Publikums. Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass sie sich an ungewöhnlichen Orten apokalyptischen Themen widmen: Bereits 2012 hatten sie unter dem Titel „Konzert zum Ende der Zeit“ in der Sächsischen Landes- und Uni-Bibliothek SLUB in den angeblich von den Mayas prophezeiten Weltuntergang hineinmusiziert – der dann aber bekanntlich ausblieb.

Schirmherr des ungewöhnlichen Multimedia-Konzerts in diesem Jahr ist übrigens der japanische Botschafter Takeshi Nakane. Zeichner Keiji Nakazawa kann diese Verarbeitung seiner Mangas leider nicht mehr miterleben: Der leukämiekranke Zeichner starb vor drei Jahren an Krebs. Autor: Heiko Weckbrodt