Geschichte

DDR oben ohne

Nur 709 Exemplare der Roadster-Ausführung "Wartburg 311/312 300 HT" wurden im Karosseriewerk Dresdenc produziert - heute existieren davon noch etwa 310 - und sind gefragte Sammlerstücke. Foto: Jürgen Haink

Nur 709 Exemplare der Roadster-Ausführung „Wartburg 311/312 300 HT“ wurden im Karosseriewerk Dresdenc produziert – heute existieren davon noch etwa 310 – und sind gefragte Sammlerstücke. Foto: Jürgen Haink

In den 1960ern wurden in Dresden schicke Wartburg-Cabrios hergestellt – am Samstag kehren die Oldtimer in ihre Heimat zurück

Dresden, 15. Juli 2015. Von wegen, die DDR konnte nur veraltete Autos bauen: Wenn die Rede auf den Wartburg kommt, geht Jürgen Haink das Herz auf. „Das ist doch ein ganz wunderbares Erlebnis, diese offene Fahren“, sagt der 60-jährige Bauingenieur aus Hoyerswerda – und spricht dabei aber eben nicht von der Standard-Kasten-Ausführung des DDR-Autos Wartburg 353, sondern einer ganz besonderen Ausführung: vom Wartburg 311/312 300 HT, dem letzten Cabrio beziehungsweise Roadster, der in der DDR gebaut wurde. Diese Sonderausführung hatte nämlich ein „Hardtop“-Dach (daher auch „HT“), das man im Sommer abnehmen konnte und dann durch die DDR „oben ohne“ kreuzen konnte. Heute sind diese Modelle beliebte Sammlerstücke.

Produktionsstart für diese seltene Sondervariante war 1965 im Karosseriewerk Dresden – 50 Jahre später kehren die schicken Oldtimer zu einem Schautreffen an ihren „Geburtstort“ zurück: An diesem Samstag von 14 bis 17 Uhr sind 85 dieser Sonderwartburgs auf dem Postplatz und auf dem Wirtschaftshof des Verkehrsmuseums Dresden zu besichtigen.

Dresden galt lange als Wiege edler automobiler Sonderausführungen

Generell galt die DDR ja nicht unbedingt als Land, das richtig tolle Autos hervorbrachte: Als der SED-Staat 1989 unterging, hinkten die ostdeutschen Trabants und Wartburgs der internationalen Automobilentwicklung um Jahrzehnte hinterher. Aber noch in den 1950er und 1960er Jahren war das etwas anders – und dazu trugen Dresdner Autobauer nicht unwesentlich bei. Die großen Massenfabriken standen zwar in Eisenach und Zwickau, edle Sonderausführungen wurden aber an der Elbe gefertigt. Dazu gehörte einerseits der einzige echte DDR-Sportwagen mit Straßenzulassung, der Melkus RS 1000, und eben auch die Cabrio- beziehungsweise Roadster-Ausführungen der Wartburg-Reihen 311, 312 und 313.

Am 18. Juli sind 185 der Oben-Ohne-Wartburgs auch in Dresden zu besichtigen.  Foto: Jürgen Haink

Am 18. Juli sind 85 der Oben-Ohne-Wartburgs auch in Dresden zu besichtigen. Foto: Jürgen Haink

Wurzeln bis zu den Gläser-Werken der Kaiserzeit

Diese Edelautomobil-Tradition hatte damals schon lange Traditionen in der sächsischen Hauptstadt: 1864 gründete Carl Heinrich Gläser hier ein Kutschwagen-Unternehmen, das zu Kaisers Zeiten edle Limousinen und Cabrios herstellte. Nach dem Krieg wurden die Gläser-Fabriken als VEB Karosseriewerk Dresden verstaatlicht. Als die Karosserieproduktion für den IFA F 8 und den DKW auslief, motzte das Karosseriewerk an der Arnoldstraße in Dresden Johannstadt – ausgehend von den in Eisenach produzierten Basismodellen Wartburgs zu „Oben ohne“-Varianten auf, zog spezielle Motorhauben und Kühlergrille ein, die dem damals noch „rundgelutschten“ Wartburg auch ein eleganteres, sportlichers Design verliehen. Dazu gehörte 1959/60 die größtenteils exportierte Roadster-Variante Wartburg 313.

Gutbetuchte der DDR legten sich Wartburg-Roadster zu

Ab 1965 folgte dann der Wartburg 311/312 300 HT. Insgesamt 709 dieser Autos wurden in Dresden bis Ende 1966 produziert. „Verkauft wurden die meist im Inland an gut Betuchte wie Bäckermeister oder Kapitäne“, hat Jürgen Haink, der ein deutschlandweites Register über diesen Fahrzeugtyp führt, ermittelt. 18.500 DDR-Mark musste man damals für solch ein sportliches Automobil hinlegen – plus 1300 Mark für ein optionales Sommerverdeck.

Großbrand setzte Autobau in der Johannstadt ein Ende

Als auch dieses Cabrio- bzw. Roadster-Produktion auslief, spezialisierte sich das Karosseriewerk auf die Produktion einer Kombi-Variante, auf den „Wartburg 353 Tourist“, bis ein Großfeuer 1986 das Werk an der Arnoldstraße zerstörte. Danach konzentrierten sich die Aktivitäten des VEBs auf die Außenstelle in Radeberg. Deren Nachfolger „Dresdner Karosseriewerke GmbH“ existiert noch heute und presst in Radeberg inzwischen Karosserieteile für Nobelmarken wie Mercedes und Audi.

Heute nur noch 310 Roadster-Wartburgs erhalten

Vom Glanzmodell der Dresdner, dem „Wartburg 311/312 300 HT“, existieren heute noch etwa 310 Stück, schätzt Jürgen Haink. „Ich selbst habe seit 1986 einen davon, ein Modell in Saturngelb, das 2002 von Grund auf restauriert wurde“, sagt er. Zwar sei immer mal wieder etwas daran zu reparieren und zu basteln. „Aber außer Schweißen mache ich das alles selber.“

Und als Vorsitzender des Oldtimer-Clubs Hoyerswerda hat er sich mit Gleichgesinnten zusammengetan: Gemeinsam mit Hartmut Hinze organisiert er seit 2006 alle zwei Jahre Treffen von Besitzern der wenigen verbliebenen „Oben ohne“-Wartburgs am Knappensee bei Hoyerswerda. Zum 50. „Geburtstag“ des „Wartburg 311/312 300 HT“ kehren 85 dieser Oldtimer nun für einen Tag nach Dresden zurück. Autor: Heiko Weckbrodt