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DVD „Im Keller“: Sexsklaven, Nazi-Fans, Waffennarren

Der Abspritzer und die Devote treffen sich "Im Keller" - Passionen, die beide nur unterirdisch, im Geheimen ausleben. Foto: Stadtkino Filmverleih

Der Abspritzer und die Devote treffen sich „Im Keller“ – Passionen, die beide nur unterirdisch, im Geheimen ausleben. Foto: Stadtkino Filmverleih

Doku über das geheime Kellerleben in Österreich

Ein österreichischer Möchtegern-Westernheld hält sich für einen begnadeten Sänger und schmettert laut und falsch Arien in einem unterirdischen Schießstand. Ein behaarter Dicker putzt nackt die Wohnung und wird dann von seiner Domina als Ehe-Sklave im Sexkeller gefoltert. Ein ergrauter Hobbymusiker bläst in seinem Kellerkabinett ins Horn – gleich neben Führer-Porträt, Hakenkreuz-geschmückten SS-Puppen und Naziordensammlung. Im Alltag, da oben, geben sie sich als ganz normale Menschen, „Im Keller“ offenbaren sie ihre bizarren Seiten – und die hat Ulrich Seidl in seinem gleichnamigen Dokumentarfilm eingefangen. Der ist nun auf DVD erschienen und zeigt dunkle Abgründe hinter Biedermann-Fassaden.

Bizarres Panoptikum

„Das wird denen doch eingeimpft, den Moslems, dass nur ihr Allah denken kann. Die haben’s nicht so mit der Logik“, ereifert sich einer der unterirdischen Schützen im Schießkeller. Die anderen pflichten ihm bei. „Die sind Jahrhunderte zurück.“ In der nächsten Szene sieht man die drei Islam-Vollauskenner mit der Knarre in der Hand auf Zielscheiben im Menschenformat ballern. Was da zum Vorschein kommt, was Seidl aus den dunklen Kellertiefen Österreichs in seiner Doku ans Licht zerrt, lässt die Ohren schlackern: Scheinbar harmlose Normalbürger entpuppen sich im schützenden Kokon eines selbstgebastelen unterirdischen Mikrokosmos als Hitler-Narren, Waffenfetischisten oder SM-Sexsklaven – ein Panoptikum der geheimen Gelüste und Passionen.

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Regisseur führt seine „Fundstücke“ leider meist nur vor, statt zuzuhören

Das fasziniert natürlich in all seiner Bizarrität, hinterlässt aber auch ein ungutes Gefühl: Allzu gestellt wirken viele Szenen, die Seidl wie ein gekünsteltes Erinnerungsfoto arrangiert. Wie entseelte Puppen starren die im Keller Ertappten immer wieder in die Kamera. Die Vermutung liegt nahe, dass Dokumentarfilmer Seidl der Versuchung nicht widerstehen konnte, zu inszenieren statt nur hinzugucken, um eindrucksvollere Arrangements vor die Linse zu bekommen. Nur in einem Fall hört er wirklich mit der Kamera wirklich zu, wenn er eine Masochistin erzählen lässt, wie zu dem Punkt gekommen ist, an dem sie jetzt steht, sehnsüchtig nach Schmerzen. Bei den meisten anderen hat man eher den Eindruck, dass Seidl vorführen will statt zu erkunden.

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Mundartler oft schwer zu verstehen

Ebenfalls kritisch anzumerken: Viele Interviewten sprechen Dialekt und sind teils – auch wegen der oft mäßigen Tonqualität – extrem schwer zu verstehen. Und dies trägt auch nicht gerade dazu bei, ihr Tun und Denken wirklich nachzuvollziehen. Leider stehen auf der DVD auch keine hochdeutschen Untertitel zur Verfügung, um dieses Mako etwas auszugleichen.

In seinem Keller bläst Josef Ochs ins Horn - und genießt den Anblick seiner Lieiblings-Nazi-Devotionalien. Foto: Neue Visionen

In seinem Keller bläst Josef Ochs ins Horn – und genießt den Anblick seiner Lieiblings-Nazi-Devotionalien. Foto: Neue Visionen

Fazit: Faszinierend – aber auch zu inszenatorisch

Foto: Good!Movies

Foto: Good!Movies

„Im Keller“ ist faszinierend, schräg, bizarr – ohne Zweifel. Leider gleitet er der Streifen ob der Freude über diese Fundstücke in einer unterirdischen Parallelwelt allzu oft ins Inszenierende ab und das ist schade. Dennoch: Angucken lohnt. Solche Schattenseiten hinter honorigen Fassaden bekommt man nicht alle Tage zu sehen.

Autor: Heiko Weckbrodt

Im Keller“ (Neue Visionen/Good!Movies), Dokumentarfilm, Österreich 2014 (DVD 2015), Regie:Ulrich Seidl, 82 Minuten, FSK 16