Internet & Web 2.0

Deutschland steuert in eine Empörungs-Demokratie

Ist Deutschland auf der Weg zu einer internetbasierten Empörungsgesellschaft? Foto:  S. Hofschlaeger  / pixelio.de

Ist Deutschland auf der Weg zu einer internetbasierten Empörungsgesellschaft? Foto: S. Hofschlaeger / pixelio.de

Medienforscher Pörksen sieht in den „vernetzten Vielen“ eine 5. Gewalt im Staate reifen

Dresden/Tübingen, 10. Juni 2015. Die deutsche Gesellschaft befindet sich mitten in einem Übergang von einer „Mediendemokratie“ zu einer „Empörungsdemokratie“. Das hat der Tübinger Medienforscher Prof. Bernhard Pörksen gestern Abend während einer öffentlichen Ringvorlesung der TU Dresden im Dresdner Residenzschloss eingeschätzt.

In dieser „Empörungsgesellschaft“, so ist Pörksen überzeugt, agieren nicht mehr (allein) die etablierten Massenmedien als quasi „Vierte Gewalt“ und Korrektiv für Staat und Wirtschaft. Vielmehr werden in ihr viele politische, wirtschaftliche und andere gesellschaftliche Prozesse und Entscheidungsfindungen von den „vielen Vernetzten“ getrieben und beeinflusst: Den Twitterern, Bloggern, „Scheißesturm“-Entfesslern, Netz-Trollen, digitalen Subkulturen und Aktivisten, die den Eliten genauer denn je auf die Finger schauen – und ihre Befunde und Meinungen durch das Internet auch massenwirksam publizieren können. „Hier entsteht eine Fünfte Gewalt“, meint der Medienforscher.

Blogger legen Finger auf Fehltritte, die früher versandet wären

Porksen erinnerte an zahlreiche Fälle der jüngeren Vergangenheit, in der letztlich Einzelne oder kleine Gruppen, die in der Prä-Internet-Ära kaum eine Chance auf Gehör gefunden hätten, die Großen und Mächtigen durch die Multiplikator-Effekte im Netz zu Fall brachten: Ex-Bundespräsident Horst Köhler (CDU) beispielsweise stürzte über eine Bemerkung im Jahr 2010, dass Deutschland seine Wirtschaftsinteressen auch militärisch im Ausland durchsetzen müsse. Diese Interview-Passage sei zunächst ziemlich unbeachtet geblieben, so Porksen, bis ein Student diesen Satz in seinem Blog aufgriff, kritisierte – und eine Lawine lostrat, die letztlich zu Köhlers Rücktritt führte. Früher habe die Reaktion des Publikums auf Skandalberichte in den Massenmedien eher in der Endphase eines Eklats eine Rolle gespielt, meint der Medienforscher. „Jetzt ist das Publikum selber zum Akteur geworden.“

Prof. Bernhard Pörksen. Foto: Uni Tübingen

Prof. Bernhard Pörksen. Foto: Uni Tübingen

Jeder kann zum Opfer eines „Scheiße-Sturms“ werden

Allerdings wirken die Eigendynamik und inneren Gesetze solcher einer „Empörungsdemokratie“ und ihres Hauptinstrumentes Internet nicht allein im positiven, im kontrollierenden und korrigierenden Sinne, bringen laut Porksen nicht nur das Kluge, das Wissen der Vielen zum Vorschein, sondern auch „das Hässliche, Falsche, ja Bestialische“. So verwies er auf das Beispiel einer Südkoreanerin, deren Hund sich in der U-Bahn übergab. Die junge Frau weigerte sich, den Dreck wegzuräumen – und sofort wurde dieses Ereignis von einem Smartphone-bewaffneten Fahrgast in Windeseile über die sogenannten „sozialen“ Netzwerke gestreut. Über der Frau ergoss sich ein Shitstorm (Scheißesturm) ohnegleichen, wohin sie auch ging, machte sie zur Geächteten – ein Beispiel „für die Asymmetrie zwischen vergehen und Strafe“, wie Porksen meint. In der früheren von Massenmedien bestimmten Öffentlichkeits-Konstruktion sei eher selten „der kleine Mann oder die kleine Frau von der Straße“ zum Opfer massiver öffentlicher Erregung geworden, da professionelle Journalisten nach Kriterien wie „Relevanz“ und „Verhältnismäßigkeit“ über das Ob und Wie einer Berichterstattung entscheiden. In der Empörungsgesellschaft könne hingegen jeder zum Opfer werden, da hier nicht „Relevanz“, sondern „Interesse“ zum Hauptkriterium geworden sein.

Auch Falschmeldungen entwickeln Eigendynamik

Ein anderes Beispiel für die hässlichen Seiten der Internetdynamik war Tom Hilfiger, der zum Opfer einer digitalen Rufmord-Kampagne wurde: Über Jahre hinweg verbreiteten Unbekannte mit Massen-E-Mails das Gerücht, der Modedesigner habe sich in einer Talkshow von Oprah Winfrey rassistisch geäußert, gekoppelt mit einem Boykott-Aufruf. Durch die hunderttausendfache Verbreitung und Weiterverbreitung setzte sich diese Geschichte in den Köpfen vieler Menschen fest – doch die Story war von A bis Z erlogen. 15 Jahre habe Hilfiger damit zugebracht, diese Kampagne zu bekämpfen, berichtete Porksen.

Medienforscher warnt vor „Echtzeit-Politik“

Bei aller Sympathie für die Basisdemokratisierung der öffentlichen Meinungsbildung im Internet-Zeitalter dürfe man insofern auch die problematischen Seiten der „Empörungsdemokratie“ nicht übersehen, betonte der Medienforscher: Die Gefahr etwa, dass Politiker nicht mehr an langfristigen Ergebnissen orientiert agieren, sondern in eine Art „Echtzeit-Politik“ verfallen, die sich nur noch daran orientiere, wohin gerade der Wind auf Facebook oder Twitter wehe.

Man bleibt unter sich – und klebt sich Wundpflaster gegen kognitive Dissonanz

Auch leiste das Internet „bizarren Bestätigungs-Subkulturen“ Vorschub, die sich in kleinen vernetzten Grüppchen gegenseitig fast schon fanatisch in Verschwörungstheorien gegen Masern-Impfungen, Außerirdische oder die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes hochschaukeln. Diese Verschwörungstheorien seien für deren Anhänger wie eine Art „Wundpflaster gegen schmerzende kognitive Dissonanz“, meint Porksen.

Gemeint ist: In einer zusehens komplexer werdenden und von Informationen „überbelichteten“ Welt prasselt auf den Einzelnen ein Hagel teils widersprüchlicher Nachrichten ein, die oft nur schwer mit den eigenen vorgefassten Meinungen in Übereinstimmung zu bringen sind. Dieses Phänomen diagnostizierte der US-Sozialpsychologe Leon Festinger bereits im Jahr 1954 – und beschrieb, wie viele Menschen auf diesen unangenehmen Zustand reagieren: mit Vermeidungs-Strategien, indem sie nur noch jene Informationen anhören und verarbeiten, die zu ihrem Weltbild passen. Und diese Vermeidungsstrategien sind heute einfacher denn je: Wer sich in seiner Meinung bestärkt sehen will, ohne sich mit anderen Ansichten auseinander setzen zu müssen, surft eben nur noch durch „seine“ Facebook-Gruppe oder durch „seine“ Hashtag-Gemeinde auf Twitter… Autor: Heiko Weckbrodt