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DVD Ausgelacht!?: Wenn die Karikatur niemandem mehr beißt, ist sie tot

Wie kontrovers sind Karikaturen heute überhaupt noch? Viel Biss ist durch Selbstzensur verloren gegangen, meinen viele Karikaturisten. Abb.: Chappatte, Absolut Medien

Wie kontrovers sind Karikaturen heute überhaupt noch? Viel Biss ist durch Selbstzensur verloren gegangen, meinen viele Karikaturisten. Abb.: Chappatte, Absolut Medien

Doku spürt Zensur und Selbstzensur der zeichnenden Kommentatoren weltweit nach

Zerstören politische Korrektheit und Terrorangst die Karikatur als Kunst- und Publikationsmittel? Die Dokumentation „Ausgelacht!?“ lässt diesen Verdacht aufkommen: Regisseur Olivier Malvoisin hat in seiner Dokumentation 18 Karikaturisten aus aller Welt über Kunst, äußere Zensur, die Schere im Kopf und die Situation in ihrer Zunft ausgefragt. Und die Antworten fielen meist wenig optimistisch aus.

Werbevideo (Absolut Medien):

Nicht erst seit den „Charlie Hebdo“-Morden schneidet Schere im Kopf immer schärfer

Meist ist es weniger die direkte, klassische Zensur, die den einst so bissigen zeichnerischen Kommentatoren gesellschaftlicher Missstände und der Tagespolitik zu schaffen macht. Nein, es sind vor allem die teils subtilen, teils offensichtlichen Drohkulissen staatlicher wie religiöser Akteure, die die Schere im Kopf mehr denn je schärfen. Genährt durch die Ängste, die den Zeichenstift mal bewusst, mal unbewusst mitlenken: Die Erinnerungen an die gewaltsamen Proteste nach den Mohammed-Karikaturen in Dänemark zu Beispiel, oder, ganz frisch noch, an das Gemetzel, das religiöse Eiferer in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris anrichteten.

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Ständig fühlt sich irgendwer beleidigt – und die Zeitungen sind der Anfeindungen müde

Ständig fühle sich irgendeine politische, ethnische oder religiöse Gruppe über diese oder jene spitze Zeichnung beleidigt, erzählen die Karikaturisten in den Interviews, ständig werden neue Tabus aus Rücksicht auf diese Befindlichkeiten gemauert. Und das Pikanteste daran: Die Anfeindungen und die Gewaltdrohungen höhlen selbst in Ländern diese Kunstform der Pressefreiheit aus, wo direkte Zensur sogar verboten ist, in den USA; in Frankreich, Deutschland oder in Spanien: Die Verleger und Redaktionen der Tageszeitungen sind des Kampfes müde geworden, deklarieren für die zumeist als Auftragsarbeiter tätigen Karikaturisten schließlich von selbst Tabu-Themen.

"Und hier deine Tante, deine Großmutter, deine Cousine..." Vor allem Karikaturen, die religiöse Themen wie hier die Burka-Pflicht aufs Korn nehmen, haben's zunehmend schwer. Abb.: Andre Philippe Cote, Absolut Medien

„Und hier deine Tante, deine Großmutter, deine Cousine…“ Vor allem Karikaturen, die religiöse Themen wie hier die Burka-Pflicht aufs Korn nehmen, haben’s zunehmend schwer. Abb.: Andre Philippe Cote, Absolut Medien

Liegt in der Natur der Karikatur, weh zu tun

Nun kann man sicher darüber streiten, wie geschmackvoll oder geschmacklos manche Karikaturen waren, die in der Vergangenheit Anlass zum ganzen Spektrum der Gegenwehr von erbosten Leserbriefen bis hin zu Gewalt gegen die Zeichner geführt haben, ob manches Stilelement darin vielleicht doch eher klischeehaft, rassistisch oder beleidigend war. Doch andererseits weisen viele der befragten Zeichenkünstler sicher zurecht darauf hin, dass es nun einmal im Wesen der Karikatur liege, zu beißen, zu überspitzen, auch weh zu tun, auch mit Klischees zu arbeiten. Wo sollte man da die Grenze ziehen und: sollte man überhaupt so einen Strich ziehen?

Bonussektion mit Bericht über Zensur-Konferenz

Erschienen ist diese bemerkenswerte Doku nun auf einer DVD, die zudem eine recht umfangreiche Bonussektion enthält. Darin finden wir einen Bericht über eine internationale Zensur-Konferenz der Karikaturisten-Gilde, außerdem 18 Einschätzungen von Karikaturisten, wie es um Pressefreiheit, Zensur und Selbstzensur in ihren Ländern bestellt ist.

Fazit: Doku zeigt Kollateralschäden politischer Korrektheit

Abb.: Absolut Medien

Abb.: Absolut Medien

So ganz abwegig erscheint der Schluss nicht, dass die Karikatur als Stil- und Kommentarform eine aussterbende Gattung sein könnte, zumindest in ihrem originären Sinne. Dazu trägt nicht nur das Zeitungssterben bei, sondern auch die Beobachtung, dass Karikaturen immer mehr zu kleinen lustigen Kritzeleien zu verkommen drohen, die bloß niemandem mehr ernsthaft wehtun sollen. Malvoisins bemerkenswerte Doku legt da schmerzhaft den Finger die wunde Punkte – und zeigt sehr deutlich, welche Nebeneffekte politische Korrektheit zeitigen kann.

Autor: Heiko Weckbrodt

„Ausgelacht!?“ (Absolute Medien/ Arte Edition), Doku über die Karikaturisten-Zunft, Frankreich 2014, Regie: Olivier Malvoisin, 52 Minuten plus 52 Minuten Bonusmaterial, 16 Euro

-> Ergänzend zur Dokumentation hat Arte eine Sonderseite mit aktuellen Infos zum Thema ins Netz gestellt, die hier zu finden ist.