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Kind 44 im Kino: Düsterer Thriller in der Stalin-Ära

Nachdem er in die Provinz strafversetzt wurde, muss Ex-Geheimdienstler Leo Demidow (Tom Hardy, links) unter dem Nesterow (Gary Oldman) dienen - und den misstrauischen General überzeugen, an der Kindermord-Serie weiter zu ermitteln. Foto: Concorde

Nachdem er in die Provinz strafversetzt wurde, muss Ex-Geheimdienstler Leo Demidow (Tom Hardy, links) unter dem Nesterow (Gary Oldman) dienen – und den misstrauischen General überzeugen, an der Kindermord-Serie weiter zu ermitteln. Foto: Concorde

Geheimdienstler ermittelt gegen Serienmörder im Sowjetparadies

Leo Demidow (Tom Hardy, „The Drop“, „Mad Max“) ist ein gefeierter Kriegsheld: Er hisste die rote Flagge auf dem Reichstag in Berlin. In der Sowjetunion der Nachkriegszeit unter Stalin steigt er als Geheimdienst-Ermittler in der Nomenklatura auf. Er angelt sich mit Raisa (Noomi Rapace, „Verblendung“, „Prometheus“) eine hübsche Frau, bekommt eine für sowjetische Verhältnisse luxuriöse Wohnung in Moskau zugeteilt, macht „Staatsfeinde“ ausfindig. Doch dann fällt der Sohn eines Kollegen einem sadistischen Serienmörder zum Opfer. Die Hierarchie versucht, den Tod des Kleinen als Unfall darzustellen, da es im Sowjetparadies Mord als ausgestorben deklariert wurde. Doch der Spürhund ist geweckt. Statt den Fall zu den Akten zu legen, wie befohlen, ermittelt Leo weiter – und gerät selbst in die Mühlen von Stalins Terrormaschine.

Seit er die Sowjetfahne 1945 auf dem Reichstag in Berlin gehisst hat, gilt Leo Demidow (Tom Hardy) als Kriegsheld. Foto: Concorde

Seit er die Sowjetfahne 1945 auf dem Reichstag in Berlin gehisst hat, gilt Leo Demidow (Tom Hardy) als Kriegsheld. Foto: Concorde

Großer Terror auf Nachkriegszeit projiziert

Ein bisschen erinnert das Grundsujet von Daniel Espinosas Thriller „Kind 44“ an den Klassiker „Gorki Park“, entwickelt sich aber dann in eine ganz andere Richtung: Die europäisch-amerikanische Ko-Produktion konzentriert sich zwar auch sehr auf die Ermittlungen, aber auch auf die Repressionsmethoden der Stalin-Ära, den direkten Terror, aber auch das Privilegiensystem, die abgestuften Bestrafungen für Unbotmäßige. Allerdings ist der Film in dieser Hinsicht auch anachronistisch, da sich die Unterdrückungsmaschine in der Sowjetunion zwischen Kriegsende und Stalins Tod zwar fleißig weiter drehte, aber längst nicht mehr zu den Methoden griff, die in „Kind 44“ zu sehen sind und die den „Großen Terror“ der 1930er Jahre geprägt hatten. Schon allein deshalb wirkt hier manches Dilemma im Film etwas konstruiert.

Werbevideo (Concorde):
 

Romanvorlage basiert auf Rostower Mordserie

Apropos Anachronismus: Der Film beruht auf einem 2008 veröffentlichten Roman von Tom Rob Smith und der wiederum einem wahren Fall, nämlich dem Serienmörder von Rostow, der allerdings nicht in der Nachkriegszeit, sondern in den 1970er und 80ern sein Unwesen trieb.

Starke Besetzung

Hat man diese beiden Punkte im Hinterkopf und verwechselt Fiktion nicht mit einem realistischen Abbild der Nachkriegs-Sowjetunion, kann man „Kind 44“ als spannenden und düsteren Thriller in Top-Besetzung genießen. Neben Tom Hardy und Noomi Rapace setzt beispielsweise Gary Oldman („Leon der Profi“, „Planet der Affen„) als ruppiger Provinz-Milizgeneral Nesterow für Glanzpunkte. Auch Charles Dance, der kürzlich in „Game of Thrones“ als Tywin Lannister den Klo-Tod starb, ist in einer kleinen Nebenrolle zu sehen.

Stalin steht stetig im Hintergrund. Foto: Concorde

Stalin wacht stetig im Hintergrund. Foto: Concorde

Fazit: Düster und spannend, aber viel Potenzial verschenkt

„Kind 44“ ist ungeachtet einiger logischer Haken spannend und bedrückend. Was diese Produktion, an der auch Ridley Scott („Alien“, „Blade Runner“) mitwirkte, allerdings vergeigt, ist das Potenzial seines Grundthemas: Wie kann es in einem totalitären Staat mit einem gewaltigen Repressionsapparat, der von sich behauptete, einen neuen, besseren Menschen zu formen, Serienmörder von solch absurder Brutalität wie den Killer von Rostow geben – der zudem auch noch jahrelang unentdeckt blieb? Diese eigentlich besonders reizvolle Divergenz lotet der Film leider kaum aus, konzentriert sich zu sehr auf die Krimi-Schiene und darauf, ein düsteres Bild der Stalin-Zeit zu malen. Schade eigentlich. Autor: Heiko Weckbrodt

„Kind 44“ (Concorde), historischer Thriller, Regie: Daniél Espinosa, mit Tom Hardy, Gary Oldman, Noomi Rapace, USA/ UK/ Tschechien/ Rumänien 2015, 137 Minuten, FSK 16

-> In Dresden ab heute u.a. im Rundkino, UCI und Ufa-Kristallpalast