Geschichte

Römischer Limes im digitalen Zeitraffer

Rekonstruierter Limes-Abschnitt im Taunus. Foto: Oliver Abels, Wikipedia. GNU-Free-Lizenz

Rekonstruierter Limes-Abschnitt im Taunus. In der neuen digitalen Zeitschrift „Digital Classics Online“ der Uni Leipzig wird u.a. das AIDA-Projekt vorgestellt, das die Veränderungen am Limes in Germanien über die Jahrhunderte hinweg in Form eines interaktiven Atlas‘ visualisieren soll. Foto (freigestellt): Oliver Abels, Wikipedia, GNU-Free-Lizenz

Althistoriker setzen aufs Wikipedia-Prinzip: Uni Leipzig startet eJournal „Digital Classics Online“

Leipzig, 30. Mai 2015. Gemeinhin nimmt man an, der Untergang des weströmischen Reichs im 5. Jahrhundert habe auf Europa wie ein Reset am Computer gewirkt: Der Kontinent versank in der sogenannten „Dunklen Zeit“ und es brauchte Jahrhunderte, bis der Wissenstand der antiken Hochkulturen wieder erreicht war. Tatsächlich aber war dieser „Reset“ gar nicht so hart wie oft kolportiert: Viele Verkehrs- und militärischen Infrastrukturen der Römer wurden nämlich auch in der „Dunklen Zeit“ teils weitergenutzt. Klostergründungen orientierten sich beispielsweise an alten römischen Reichsstraßen oder auch am Limes, dem schier endlos wirkenden Grenzwall der Kaiser gegen die „Barbaren“.

Solche Zusammenhänge herauszuarbeiten, ist auch Teil einer noch jungen Disziplin innerhalb der Geschichtswissenschaften, in der Computertechnologien verwendet werden, um Daten aus alten Quellen massenhaft auszuwerten und neu aufzubereiten. Diese digitalen Ansätze stehen im Mittelpunkt einer neuen elektronischen Zeitschrift „Digital Classics Online“, von der Althistoriker der Universität Leipzig nun die erste Ausgabe im Netz publiziert haben. Sie folgen damit den Prinzipien von „Open Access“ und der Wikipedia.

Daten aus alten Quellen fließen in interaktiven Atlas

Ein Beitrag in der frei und kostenlos zugänglichen Erstausgabe („Open Access“-Prinzip) stellt zum Beispiel das AIDA-Projekt vor: Forscher der Unis Erfurt, Hamburg, Ilmenau, Leipzig, Magdeburg, Trier und Graz, des Fraunhofer-Instituts für digitale Medientechnologie Ilmenau und der FH Erfurt wollen hier gemeinsam aus alten Aufzeichnungen, Münzen, archäologischen Funden und anderen Quellen Daten extrahieren und daraus einen „Adaptiven, Interaktiven, Dynamischen Atlas zur Geschichte“ (AIDA) formen und ins Netz stellen. Dieser Atlas soll nicht nur gesellschaftliche, politische, militärische und geografische Veränderungen in Europa über die Jahrhunderte hinweg visualisieren und damit neue Forschungsansätze ermöglichen, sondern soll auch Wissenschaftler und Laien dazu anregen, diese interaktive Karte ständig zu ergänzen und weiterzuentwickeln.

Römerkastelle und Kultstätten in Zeit und Raum

Eines der Pilotprojekte von AIDA wird ein interaktiver Atlas des erwähnten römischen Grenzwalls Limes im Territorium des heutigen Deutschlands sein. Eingespeist und geografisch wie zeitlich verortet werden dort beispielsweise Grenzburgen, Römerkasernen, Meilensteine, Brücken, stationierte Truppen, Heiligtümer, Häfen, landwirtschaftliche Güter, aber auch der damals andere Verlauf von Flüssen wie etwa des Rheins. Damit, so hoffen die Initiatoren, könnten Historiker dann zum Beispiel per Zeitraffer ermitteln, wie das Christentum „heidnische“ Bräuche verdrängte, wo sich germanische und gallische Kultstätten noch lange hielten und dergleichen mehr.

Virtuelle Museen gibt es zwar schon im Netz, breite Resonanz haben die meisten aber nicht gefunden. Hier zum Beispiel ein Bildschirmfoto der inzwischen deaktivierten "Second Life"-Filiale der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Abb.: BSF / Digital Classics Online

Virtuelle Museen gibt es zwar schon im Netz, breite Resonanz haben die meisten aber nicht gefunden. Hier zum Beispiel ein Bildschirmfoto der inzwischen deaktivierten „Second Life“-Filiale der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Abb.: BSF / Digital Classics Online

Andere Beiträge in der Erstausgabe erörtern unter anderem Möglichkeiten, historische und archäologische Datenbanken in wechselnden virtuellen Museen zu visualisieren, oder wie sich Reisetagebücher früher Orientalisten über ein digitales Interface zusammenfassen lassen.

Uni: Weltweit 1. Zeitschrift ihrer Art

Prof. Charlotte Schubert, Foto: Uni Leipzig

Prof. Charlotte Schubert, Foto: Uni Leipzig

In dem elektronischen Journal „Digital Classics Online“, das die Althistoriker der Universität Leipzig gemeinsam mit der Unibibliothek Heidelberg und der Bayerischen Staatsbibliothek München ins Leben gerufen haben, sind direkte Kommentare und Ergänzungen ausdrücklich erwünscht. Den Herausgebern schwebt dabei eine Art Wikipedia-Prinzip vor. Zudem hoffen sie auch auf Impulse für die gesamte Altertumswissenschaft, da hier – anders als in den Natur- und Ingenieurwissenschaften oder der Medizin – digitalen Ansätze noch eher Neuland sind: „Immerhin ist es die weltweit erste Zeitschrift, die im Bereich der digitalen Geisteswissenschaften den Fokus ganz auf die Digital Humanities in den Altertumswissenschaften legt“, betonte Charlotte Schubert, Professorin für Alte Geschichte an der Universität Leipzig. hw