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Grünhalm tippt auf die Weltwaage

Schon einmal ist Grünhalm durch eine unversehens geöffnete Tür gegangen - mit tödlichen Folgen. Abb.: EDITIA

Schon einmal ist Grünhalm durch eine unversehens geöffnete Tür gegangen – mit tödlichen Folgen. Abb.: EDITIA

Episodenroman von Henning Wenzel verschränkt Lebenslinien über Eck

Viola verspeist ein Glas voller Fliegen und verliebt sich in den schüchternen Musiker Björn. Der hat eine Schildkröte, die ihn küssen will, doch Björn küsst lieber Ronyas WG-Genossin. Ronya wiederum raunzt den Musikus an, weil er sich nicht die Hände wäscht. Und über all ihnen im alten Mietshaus, ganz oben, wohnt Grünhalm, der sich an ein altes Verbrechen erinnert – und dessen Vergangenheit und Gegenwart mit dem Fatum all der anderen über viele Ecken verwoben ist… In seinem episodischen Roman „Grünhalm oder Vom Glück der Ahnungslosigkeit“ lässt der Dresdner Autor Henning H. Wenzel den Schicksalswürfel rollen, man kann auch sagen: die Dominokette fallen. Und zwar so, dass keiner seiner Protagonisten davon ahnt, dass die Steine nebenan schon fallen und die Ursache-Folge-Welle nach ein paar Kurven auch ihn oder sie erreichen wird.

Kleiner Anstoß, große Wirkung

Henning H. Wenzel. Abb.: EDITIA

Henning H. Wenzel. Abb.: EDITIA

Die Geschichte, die Wenzel hier erzählt, lässt sich nicht in wenigen Worten repetieren, besteht „Grünhalm“ doch aus vielen, vielen Geschichten, die an ihren ausgefransten Ecken oft bizarr miteinander verwoben sind. Das Grundkonzept dahinter, „Kleiner Anstoß – große Wirkung“, erinnert an den guten alten Chaos-Schmetterling, führt uns der Autor doch immer wieder vor Augen, was wir mit unserem oft allzu unbedachten Handeln, das uns vielleicht nur wie eine Rand-Arabeske erscheint, im Leben anderer Menschen anrichten können – bis hin zur tödlichen Folge. Und wie wir auch, wenn wir im richtigen Moment durch eine Tür gehen, ein Welt-Gleichgewicht wieder herstellen können.

Erinnerungs-Konstruktion wie mit der Digi-Cam

Aber „Grünhalm ist auch ein reflektives Buch darüber, wie wir uns selbst konstituieren. Wie wir uns an manche Episoden aus unserer Biografie ganz plastisch erinnern, sie bewusst als prägend für die eingeschlagenen Lebenspfade empfinden, andere wiederum in die letzte und entlegenste Speicherzelle unseres Hirns verbannen. Wie sinniert Grünhalm doch so treffend, als er ein altes Fotoalbum durchblättert und an die modernen Digitalkameras mit ihren riesigen Speicher-Karten denkt? „Draufhalten, draufdrücken, Bild da, fertig. Wenn es was geworden ist, Bild behalten, wenn nicht, Bild löschen. Schön wäre es, wenn er mit der einen oder anderen Erinnerung aus seinem Leben ebenso verfahren könnte.“

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Fazit: fein verkettet

Was gelegentlich in „Grünhalm“ etwas stört, ist Wenzels Abneigung gegen Dialoge: Oft füllen persönliche Bekennnisse und weltanschauliche Monologe Seite auf Seite ohne eine einzige Dialogzeile. Dadurch franst der Erzählfluss gelegentlich etwas ins Langatmige aus. Doch abgesehen davon ist Henning H. Wenzel ein stilistisch wie konstruktiv bemerkenswerter Roman in einer anspruchsvollen Verkettungstechnik gelungen, die dem Leser freilich Aufmerksamkeit abverlangt. Heiko Weckbrodt

Abb.: EDITIA

Abb.: EDITIA

Henning H. Wenzel: „Grünhalm oder Vom Glück der Ahnungslosigkeit“, Dresdner Buchverlag/ EDITIA, Dresden 2015, elf Euro, 172 Seiten, ISBN 978-3-943450-30-9, eine Leseprobe gibt es hier

Autorenlesung:

Am 8. Mai 2015, 20 Uhr, liest Henning H. Wenzel in der Buchhandlung „Buddes Bücher“, in Dresden-Laubegast, Österreicher Straße 23, aus „Grünhalm“ vor.

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