Geschichte

KPD-Fischer 1923: Hängt die jüdischen Kapitalisten auf!

KPD-Logo: R-41, Wikipedia, Montage: hw, CC3-Lizenz

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Historiker: Teile der KPD gingen schon früh auf Schmusekurs mit Antisemiten

Dresden/Hamburg, 17. April 2015: Um nationalistische Wähler auf ihre Seite zu ziehen, haben KPD-Spitzenfunktionäre bereits 1923 völkische und antisemitische Propaganda-Töne angeschlagen – und zwar aus eigener Initiative und nicht auf Geheiß von Moskau. Darauf hat der Hamburger Historiker Olaf Kistenmacher in seinem Vortrag „Nationalismus und Antisemitismus in der KPD zur Zeit der Weimarer Republik“ gestern Abend im „AZ Conni“ in Dresden hingewiesen. Dieser zeitweise verfolgte Kuschelkurs mit nationalistischen Gruppierungen habe sich für die Kommunisten aber nicht messbar ausgezahlt. Im Gegenteil: Unterm Strich seien mehr Kommunisten später zur NSDAP gewechselt als umgekehrt.

Kooperation von KPD und Nazis 1932 hatte lange Vorgeschichte

In den Historikerdebatten über den Untergang der Weimarer Republik wird als klassisches Beispiel für Zweckbündnisse der eigentlich als Urfeinde geltenden Kommunisten und Nationalsozialisten meist nur auf den Berliner Verkehrsbetriebe-Streik 1932 verwiesen, bei dem KPD und NSDAP zusammenarbeiteten. Tatsächlich gabe es aber bereit weit früher auch von kommunistischer Seite Versuche, „national gesinnte“ Wähler zum Beispiel durch anti-jüdische Polemik an sich zu binden, wie Olaf Kistenmacher in seiner Dissertation herausgearbeitet hat.

Gemeinsames Feindbild: der jüdische Kapitalist

Ruth Fischer beispielsweise, die Schwester des Komponisten Hanns Eisler, und zeitweise eine der Chefideologinnen der KPD, versuchte in einer Rede 1923, Verbindendes mit völkischen Gruppierungen zu betonen: Wer gegen die jüdischen Kapitalisten kämpfe, sei auch schon ein Klassenkämpfer im kommunistischen Sinne argumentierte sie und forderte: „Tretet die jüdischen Kapitalisten nieder, hängt sie an die Laternen, zertrampelt sie!“

Obwohl selbst einer jüdischen Familie entstammend, hielt Karl Radek (1885-1939) zeitweise einen "patriotischen" KPD-Kurs für sinnvoll - auch wenn der den Antisemiten in die Hände spielen konnte. Fotograf unbekannt, Quelle: Wikipedia, Publik Domain

Obwohl selbst einer jüdischen Familie entstammend, hielt Karl Radek (1885-1939) zeitweise einen „patriotischen“ KPD-Kurs für sinnvoll – auch wenn der den Antisemiten in die Hände spielen konnte. Fotograf unbekannt, Quelle: Wikipedia, Publik Domain

Symapthien für Nazi-Ikone Schlageter

Auch die deutsche Komintern-Vertreter Karl Radek schlug im selben Jahr Töne an, die heute nur verwundern mögen: In einer Rede bekundete er Sympathien für die spätere Märtyrer-Ikone der Nazis, Leo Schlageter, den er als zwar ziellos, aber doch als nationalen Vorkämpfer würdigte. Zudem erschienen im KPD-Zentralorgan, der „Roten Fahne“, in der Folgezeit wiederholt Texte und Karikaturen mit stark antisemitischer Tönung, die die – unbewiesene – Behauptung kolportierten, die Nazi-Führer würden von jüdischen Kapitalisten bezahlt. Auch traten KP-Funktionäre wie der späterere SED-Chef Walter Ulbricht mehrfach gemeinsam mit Nazi-Spitzen wie Joseph Goebbels auf Veranstaltungen auf, so Kistenmacher.

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Funktionäre hofften, Nazis-Basis an sich zu binden

Dass einige führende Kommunisten der Weimarer Republik zeitweise mit einem völkisch-antisemitischen Kurs liebäugelten, war nach Einschätzung des Hamburger Historikers durchaus in den eigenen Reihen als Gedanke gewachsen, um – letztlich erfolglos – Nazi-Sympathisanten von deren Führern zu isolieren und auf die Seite der KPD zu ziehen. Später sei dies durch die zunehmende Stalinisierung der KPD noch befördert worden, die dazu führte, dass die deutschen Kommunisten auf Geheiß Moskaus die Sozialdemokraten als „Sozialfaschisten“ und als viel ernsteren Feind als die Nazis einstuften. Als sich Stalin das wieder anders überlegte und die KPD auf eine Einheitsfront mit der SPD gegen die NSDAP einschwor, war es dann zu spät – und eine Annäherung an die Sozialdemokraten verbaut. Autor: Heiko Weckbrodt