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Der 1. Weltkrieg in 3D: Stereopuzzle aus der Hölle

Deutsche Soldaten ergeben sich den Engländern - ein zeitgenössisches Stereofoto. Abb.: Neue Visionen

Deutsche Soldaten ergeben sich den Engländern – ein zeitgenössisches Stereofoto. Abb.: Neue Visionen

3D-Bluray zeigt plastisch den Marsch in die Katastrophe

3D gilt vielen als neumodische Erfindung von blauen Kino-Wesen vom Planeten Pandora. Doch tatsächlich wurde die Kunst der Stereobilder schon vor über 150 Jahren erfunden. Und so entstand auch im technik- und kriegsbegeisterten Europa des frühen 20. Jahrhunderts eine große Zahl stereoskopischer Aufnahmen, die im Nachhinein oft von Hand nachcoloriert wurden – und heute Zeitzeugnisse von einzigartiger Dichte und Nähe für uns sind. Eine Auswahl solcher Stereofotos aus den Jahren 1914 bis 1918 hat Regisseur Nikolai Vialkowitsch nun in einem berührenden Dokumentarfilm verarbeitet: Die nun veröffentlichte 3D-Bluray „Im Krieg – Der 1. Weltkrieg in 3D“ komponiert die restaurierten Stereofotos, spätere 3D-Videos von den Kriegsschauplätzen, zeitgenössische 2D-Filmschnipsel, Auszüge aus damaligen Frontbriefen und Tagebüchern und symphonische Musik zu einem einzigartigen visuellen und akustischen Erlebnis.

Traum von Fortschritt und Glorie

Vor allem die Eingangsszenen wirken wie ins Räumliche transformierte Retro-Illustrationen von Jules-Verne-Romanen: Menschenmassen, die sich für die damals so neumodischen Flugzeuge und Zeppeline, für nietengespickte Maschinen, amüsieren sich völkerübergreifend in Badeorten. Stimmen aus dem Off schildern diesen Zeitgeist, dieses Lebensgefühl: Jetzt, da Flugapparate nationale Grenzen so spielerisch überwinden, da die moderne Technik uns allen Wohlstand und Fortschritt sichert – wie sollten sich die Menschen je wieder bekriegen wollen? Und mit genau der selben Begeisterung jubeln diese Menschen – zumindest auf den überlieferten 3D-Fotos – dann den ausziehenden Soldaten zu, wie sie mit bunten Uniformen und Federbüschen und Pickelhauben an die Front ziehen, um den „Erzfeind“ eine Lektion in glorreichen Schlachten zu liefern, träumen eben diese Soldaten von ruhmreichen Reiterattacken und Gefechten „Mann gegen Mann“.

Der Glaube an den Fortschritt ließ noch kurz vor dem Krieg viele Menschen annehmen, es könne unmöglich noch einmal zu einem Völkergemetzel kommen. Welch ein Irrtum! Foto: Neue Visionen

Der Glaube an den Fortschritt ließ noch kurz vor dem Krieg viele Menschen annehmen, es könne unmöglich noch einmal zu einem Völkergemetzel kommen. Welch ein Irrtum! Foto: Neue Visionen

Menschengemachte Marslandschaften in Stereo

Wie anders dieser Krieg, den Zeitgenossen bald den „Große Krieg“ nannten, dann tatsächlich wurde, wissen wir aus den Geschichtsbüchern: Ein maschinelles Gemetzel, ein industriell-technokratisch organisiertes Sich-Gegenseitig-Abschlachten mit Maschinengewehren, Stacheldraht, Giftgasgranaten und jenen Stahlungetümen, die man später „Panzer“ nannte. Und doch ist es etwas ganz anderes, dieses Wissen auch zu sehen, in Stereo, teils auch in nachträglich eingefügter Farbe: Wie deutsches und französisches Sperrdauerfeuer einst anmutige Wälder und Wiesen in trostlose Marslandschaften verwandelten, wie die Soldaten schließlich Gasmasken aufziehen und beginnen, selbst wie Karikaturen von Marsmenschen auszusehen.

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Tagebücher und Briefe erzählen die Schicksale zu den Bildern

Und was dazu rezitiert wird, rückt all dies noch näher an den Zuschauer und Zuhörer heran: Tagebuchaufzeichnungen von deutschen, französischen und deutschen Soldaten, hin- und her gerissen zwischen Mitleid und Abstumpfung, Feldpost-Briefe verzweifelter Ehefrauen und Mütter, Notizen berühmter Zeitgenossen wie Stefan Zweig genauso wie von Front-Krankenschwestern, die sich angesichts der zerstörten Leiber verbieten, sich noch als Frauen zu fühlen.

Werbevideo (Neue Visionen):
 

Symbolische Transformation: Von der Pickelhaube zum Stahlhelm

Besonders einprägsam ist aber eine Transformation, die erst in der Gesamtschau auffällt: Hier die pickel- und püschelhaubigen deutschen Soldaten, die stolz für Kaiser und Vaterland gen Westen ziehen – da die kaltgesichtigen Krieger, die aus der Hölle zurückkehren, in Habitus, Uniform und M1916-Stahlhelm schon so ähnlich den Wehrmachts-Soldaten, die 20 Jahre später in den nächsten großen Krieg ziehen sollten…

Fazit: So furchtbar eindrucksvoll wie ein Dix-Triptychon

Abb.: good!movies

Abb.: good!movies

Auch wenn diese 103-minütige Doku punktuell dramaturgische Täler hat und man manchen Stereofotos doch schon etwas ihr Alter und die technologischen Schwächen der damaligen 3D-Methodik ansieht: Als Ganzes ist „Der 1. Weltkrieg in 3D“ ein sehr intensives und bisher singuläres Erlebnis, ein bedrückendes Stereopuzzle einer menschengemachten Hölle. Denn hier werden nicht nur eben mal ein paar gefundene alte Fotos in 3D abgespult, sondern ein Bild des Kriegsgrauens zusammengefügt, das an manchen Stellen furchtbar eindrucksvoll an die legendären Weltkriegs-Gemälde eines Otto Dix erinnert. Autor: Heiko Weckbrodt

„Im Krieg – Der 1. Weltkrieg in 3D“ (Neue Visionen/good!movies), 3D-Dokumentation, Regie: Nikolai Vialkowitsch, Deutschland 2014, 103 Minuten, sw und Farbe, 3D-Bluray (auch in 2D abspielbar): 20 Euro, FSK 12

Die Kriegsmaschinen nach dem Sieg. Foto: Neue Visionen

Die Kriegsmaschinen nach dem Sieg. Foto: Neue Visionen

Zum Weiterlesen:

Der Weltkrieg in Stummfilm-Dokumenten