Geschichte

Wurden Massenvergewaltigungen durch Rote Armee wirklich zentral angeordnet?

Der sowjetische Diktator Joesef Stalin. Foto: ADN, Bundesarchiv, Wikipedia, cc3-Lizenz

Der sowjetische Diktator Joesef Stalin. Foto: ADN, Bundesarchiv, Wikipedia, cc3-Lizenz

Nachwuchs-Historikerin: Taten wurden eher dezentral geplant – und hatten viele Ursachen

Dresden/Leipzig, 19. April 2015. Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen durch Soldaten der Roten Armee gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kann man nicht beziehungsweise nicht allein auf entsprechende Propaganda oder Aufrufe von staatlicher sowjetischer Seite zurückführen, sondern sie hatten viele Motive und „begünstigende“ Faktoren. Dabei spielten zum Beispiel Racheimpulse, die plötzliche Verfügbarkeit von großen Mengen an Alkohol für die Soldaten, kompensierte Minderwertigkeits-Komplexe, „Trophäen“-Denkmuster, Vergeltungsdenken für die kurz zuvor eingenommenen KZs eine Rolle, aber auch – so bizarr das klingen mag – das Ende des Hungers für viele sowjetische Soldaten, was wiederum zu höheren Hormonspiegeln bei vielen sorgte. Diese Befunde haben Forscher und Zeitzeugen heute bei einer Diskussionsveranstaltung im Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT) in Dresden herausgearbeitet.

Ehrenburg-Hetzflugblatt womöglich Fälschung

Nach heutigem Forschungsstand nicht belegbar sei hingegen das oft kolportierte Argument, die Massenvergewaltigungen seien von Stalin beziehungsweise der militärischen Führungsspitze der Roten Armee regelrecht angeordnet worden, schätzte die Leipziger Nachwuchs-Historikerin Stephanie Marks ein, die im HAIT heute ihre Mikrostudie „Sexuelle Gewalt durch sowjetische Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs in Berlin. Eine Ursachenanalyse“ vorstellte. Demnach haben sich zum Beispiel Stalin wie auch Marschall Georgi Schukow mündlich im Jahr 1945 sehr kritisch über die Vergewaltigungen durch Rotarmisten geäußert. Zudem sei nicht auszuschließen, dass das in diesem Zusammenhang oft zitierte (angebliche) Flugblatt des Schriftstellers Ilja Ehrenburg, in dem dieser die Soldaten zur Vergewaltigung der deutschen Frauen aufgerufen haben soll, eine Fälschung aus dem Dunstkreis der Wehrmachtspitze oder von Propagandaminister Joseph Goebbels. Dieses oft als Beleg angeführte Flugblatt ist jedenfalls nirgends überliefert und zudem gilt inzwischen als erwiesen, dass die deutsche Seite auch sowjetische Flugblätter fälschte.

Untere Kommandoebene machte teils mit

Anzunehmen ist wohl vielmehr, dass viele Vergewaltigungen zwar planvoll zu Stande kamen, aber eher auf unterer bis mittlerer Kommando-Ebene in der Roten Armee entschieden oder zumindest geduldet wurden. Zu untersuchen sei aber beispielsweise noch, in welchem Maße örtliche Kommandeure beziehungsweise die Armeeführung die Vergewaltigungen verhindern konnten und wollten, schätzten Diskussionsteilnehmer am HAIT ein. Auch sei zu fragen, ob der unterschiedliche Umgang der Führungsspitzen in Deutschland und in der Sowjetunion mit den sexuellen Bedürfnissen und der zivilen Verankerung der Soldaten Einfluss auf die Häufigkeit von Sexualverbrechen im Krieg gehabt hatte. So bekamen beispielsweise die sowjetischen Soldaten – anders als die deutschen – nur ausnahmsweise Fronturlaub. Auch organisierte die Wehrmacht für ihre Soldaten spezielle Armeebordelle.

Nach heutigen Schätzungen wurden beim Vormarsch der Roten Armee nach Berlin 1944/45 und unmittelbar danach zirka zwei Millionen Frauen und Mädchen vergewaltigt. In der DDR galten diese Taten der „Befreier“ und „Freunde“ als Tabuthema. Auf jeden Fall sei es gut und wichtig, dass sich auch jüngere Historiker-Generationen jetzt wieder mit diesen Ereignissen auseinandersetzen, betonte HAIT-Direktor Prof. Günther Heydemann ein. „Das Thema ist keineswegs durch.“ Autor: Heiko Weckbrodt