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Schwedenkrimi „Der Turm der toten Seelen“: Schuld hat hier jeder

Ein Wasserturm in einem Stockholmer Vorstadt-Ghettor ist "Der Turm der toten Seelen", wo alles anfängt und alles endet. Foto: PW, Montage: hw

Ein Wasserturm in einem Stockholmer Vorstadt-Ghettor ist „Der Turm der toten Seelen“, wo alles anfängt und alles endet. Foto: PW, Montage: hw

Nachwuchsautor Christoffer Carlsson fasziniert mit einem tragischen Puzzlespiel aus Stockholms Vorstadt-Ghettos

In drei Ebenen erzählt Schwedens neuer Krimi-Star Christoffer Carlsson in seinem neuen Buch „Der Turm der verlorenen Seelen“, warum eine Hure in einem Stockholmer Asyl sterben musste. Dramaturgisch raffiniert legt er Schale für Schale das Motiv hinter dem scheinbar sinnlosen Mord frei – und offenbart eine aus vielen Hundert Gliedern geschmiedete Kette aus Schuld, Fehlentscheidungen und Rache.

Der gerade erst 28-jährige Autor breitet diese Geschichte aus der Perspektive des suspendierten schwedischen Polizisten Leo Junker aus. Nach einem missratenen Einsatz, bei dem er versehentlich einen Kollegen erschoss, ist Leo ständig vollgepumpt mit Angsthemmern, gefangen in einem Grübelkreislauf. Eines nachts wecken ihn die Blaulichter eines Streifenwagens vor der Tür: Eine Prostituierte wurde im Obdachlosenasyl im Erdgeschoss mit einem Kopfschuss getötet, keinerlei Motiv ist erkennbar, der Täter spurlos verschwunden. Zurückgelassen hat er in der Hand des Opfers eine kleine Kette.

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Und die erkennt Leo sofort: Der Anhänger seiner vor 15 Jahren gestorbenen Liebe Julia spült Erinnerungen an seine Jugend in einem Vorstadt-Ghetto von Stockholm hoch, in der erbarmungslose Hackordnungen herrschten. Die Gedächtnismaschine im Kopf beginnt zu rattern, erinnert ihn daran, wie er damals Opfer war und auch Täter, wie er sich mit seinem Kumpel Grim immer wieder im Wasserturm des Ghettos traf – und wie sich die Wege beider Freunde dann abrupt trennten. Leo beginnt zu ermitteln, zieht an einem langen Faden, der tief in seine Vergangenheit führt…

Christoffer Carlsson grüßt seine deutschen Leser (Video:Random House)

Psycho-Puzzle statt beinharte Action

Christoffer Carlsson. Foto: Anna-Lena Ahlström

Christoffer Carlsson. Foto: Anna-Lena Ahlström

Eines sei gleich gesagt: „Der Turm der toten Seelen“ ist kein Thriller im herkömmlichen Sinne. Spannend sicher, aber weniger durch knallharte Action oder das in vielen Schwedenkrimis übliche ermittlerische Puzzle. Letzteres setzt sich vor allem im Kopf zusammen, den Christoffer Carlsson häppchenweise mit entscheidenden Informationen füttert, indem er mal in Leos und Grims Jugend kramt, mal aus einem mysteriösen – und zunächst verwirrenden – Tagebuch zitiert, dann wieder zu den Recherchen des suspendierten Polizisten in der Gegenwart springt.

Viele Hundert Schritt führen zur Bluttat

Was er uns so kredenzt, lässt den Leser durch Reflexion schier verzweifeln an der menschlichen Natur, dürfte viele auch an eigene Schulzeiten erinnern, in denen man mal ganz schnell Opfer wurde und im nächsten Moment Täter. Heute würde man das vielleicht eine Mobbing-Spirale nennen, die in vielen Hundert Schritten tragische Folgen hat. Alle verraten hier alle, jeder legt die Schnüre selbst aus, die ihm letztlich selbst die Luft abschnürten. Und vor allem fällt es während der Lektüre immer schwerer zu entscheiden, wer hier eigentlich „schuld ist“ – denn Schuld haben sich rings um den „Turm der toten Seelen“ fast alle auf sich geladen.

Abb.: Bertelsmann

Abb.: Bertelsmann

Fazit: Bitte mehr!

Ein toller Krimi aus Schweden. Christoffer Carlsson versteht es, mit sparsamer Sprache raffiniert zu erzählen und die psychischen Abgründe seiner Protagonisten zu sezieren. Das macht Appetit auf mehr. Und laut Verlagsangaben soll demnächst auch tatsächlich noch mehr über Leo Junker aus der Feder dieses aufstrebenden nördlichen Krimi-Sterns folgen. Autor: Heiko Weckbrodt

Christoffer Carlsson „Der Turm der toten Seelen“, dt. Übersetzung: C.Bertelsmann-Verlag, München 2015 15 Euro, ISBN: 978-3-570-10232-9, eBuch 12 Euro, ISBN 978-3-641-14784-6, Leseprobe hier