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Das Auge des Arbeiters: Wie Proletarier die Kamera eroberten

Willi Zimmermann (1900-1977): Auftritt der Agitpropgruppe Rote Raketen vor der Geschäftsstelle der Internationalen Arbeiterhilfe Dresden, 1930. Repro: Stadtmuseum Dresden

Willi Zimmermann (1900-1977): Auftritt der Agitpropgruppe Rote Raketen vor der Geschäftsstelle der Internationalen Arbeiterhilfe Dresden, 1930. Repro: Stadtmuseum Dresden

Stadtmuseum Dresden zeigt im März Sonderschau über Arbeiterfotografie der Weimarer Republik

Dresden, 16. Februar 2015: Die Welt ist heute eine Bilderflut: Tagtäglich werden weltweit rund 450 Millionen Fotos auf Facebook hochgeladen, schießen allein die Deutschen um die 100.000 Selfies, auf denen sich die – zumeist jungen – Knipser selbst inszenieren, lächeln, grimassieren, zeigen, wo sie waren, wohin sie wollen. Doch die fotografische Inszenierung der Welt ist keine Erfindung des Digitalzeitalters, sondern fast 100 Jahre alt, wie die Arbeiterfotografie-Ausstellung „Das Auge des Arbeiters“ zeigt, die das Stadtmuseum Dresden Mitte März eröffnen will. „Diese Medienmoderne begann schon in den 1920er Jahren“, meint Kurator Dr. Holger Starke, der die Schau gemeinsam mit Wolfgang Hesse betreut.

Schon die Agitprop-Männer inszenierten sich im Lichtbild

Die jungen Agit-Prop-Männer, die beispielsweise auf einem Foto von Willi Zimmermann aus dem Jahr 1930 vor der Geschäftsstelle der Internationalen Arbeiterhilfe Dresden stehen, haben sich da sichtlich nicht zufällig hingestellt, sondern posieren für den Arbeiterfotografen: Sie haben sich die Münder verbunden, sind uniformiert, schauen herausfordernd auf die Straße, inszenieren sich und ihre rote Agitatoren-Gruppe. Andere Fotografien der Ausstellung zeigen Schnappschüsse aus dem Lebensalltag im proletarischen Milieu: Eine Arbeiterin stanzt konzentriert in einer Maschinenfabrik der Firma Anton Reiche in Dresden-Plauen. Eine Familie sucht vor einer Großmarkthalle nach Essensresten. Zwei Stahlflechter setzen auf einem Dach Armierungen – zu sehen sind nur ihre Beine.

Hans Bresler: An der Stanze, um 1930. Deutsche Fotothek

Hans Bresler: An der Stanze, um 1930. Deutsche Fotothek

Dresdner Kamera-Massenproduktion machte Fotografieren zur Massenkultur

Albert Hennig: Arbeiter beim Flechten von Armierungseisen, um 1930. Kunstsammlungen Zwickau

Albert Hennig: Arbeiter beim Flechten von Armierungseisen,
um 1930. Kunstsammlungen Zwickau

„Nach dem I. Weltkrieg wurden Fotokameras so billig, dass sich auch Arbeiter solche Apparate leisten konnten – sie mussten dafür sparen, aber es war erschwinglich“, erklärt Holger Starke, wie es zur Eroberung des damals noch neuen Mediums „Fotografie“ durch die Arbeiterschaft kam. „Das hat schon im Weltkrieg mit den Front-Knipsen für die Soldaten begonnen. Außerdem fielen für die exportorientierte deutsche Kameraindustrie mit dem Krieg plötzlich die internationalen Absatzmärkte weg und man musste sich auf neue Abnehmer umstellen.“

Dresdner Industrie produzierte jede 3. Kamera im Reich

Dies betraf gerade auch die Ernemann-Werke und viele andere Gerätehersteller in Dresden, die immerhin für ein Drittel der deutschen Kameraproduktion standen – damals eine Hightech-Industrie. Als die Massenproduktion von Kleinbild- und Rollfilm-Kameras einmal angekurbelt war, purzelten auch die Preise. Dadurch wurde Fotografieren zur Massenkultur – ähnlich wie die Preisstürze für Kompaktkameras und Smartphones in unserer Zeit dafür sorgten, dass Videoaugen inzwischen omnipräsent in unserem Alltag sind.

Arbeiterfotografen entwickelten mit politischer Montage eigene Stilform

Albert Hennig: Kinder auf der Suche nach Essbarem bei der Großmarkthalle, Leipzig 1928. Kunstsammlungen Zwickau, Max-Pechstein-Museum

Albert Hennig: Kinder auf der Suche nach Essbarem bei der
Großmarkthalle, Leipzig 1928. Kunstsammlungen Zwickau,
Max-Pechstein-Museum

„Anfangs waren das in der Arbeiterschaft auch eher Hobby-Fotografen, die Motive aus ihrem nächsten Umfeld abgelichtet haben, Bilder von ihrer Familie, von ihrem Alltag, von ihren Zukunftsvorstellungen gemacht haben“, sagt der Ausstellungs-Kurator. „Aber viel von ihnen sind dann auch professionelle Wege gegangen, wurden Fotokünstler oder Pressefotografen für Arbeiterzeitungen.“

Dabei entwickelten diese Lichtbildner mit proletarischem Hintergrund auch eigene Stilmittel. Sehr beliebt wurde unter Arbeiterfotografen beispielsweise die politischen Fotomontagen, man denke nur an John Heartfield.

Tausende Fotos in Archiven zuvor gesichtet

1933 beendete der Machtwechsel hin zu den Nazis diesen eigenen fotokünstlerischen Weg in Deutschland fast schlagartig. „Die Arbeiterfotografie war vor allem ein Phänomen der Weimarer Republik“, schätzt Wolfgang Hesse ein. Um diese Episode der Kunstgeschichte in einer Ausstellung dokumentieren zu können, hatten im Vorfeld Experten Tausende Fotografien von und über Arbeiter in Sachsen gesichtet, vor allem auch in der Deutschen Fotothek in Dresden.

Eröffnet wird die Schau am 21. März 2015 im Stadtmuseum Dresden und ist dann bis Mitte Juli zu sehen. Begleitet wird sie von einem museumspädagogischen Programm, einer wissenschaftlichen Tagung und einem AG-Projekt des riesa efaus, das den fotografischen Bogen von der Weimarer Zeit bis zur Gegenwart schlägt. Autor: Heiko Weckbrodt

„Das Auge des Arbeiters: Erinnerungsfotografie und Bildpropaganda um 1930“, Ausstellung über Arbeiterfotografie im Stadtmuseum Dresden, Wilsdruffer Str. 2, 21.2. bis 12.7.2015, geöffnet täglich (außer montags) 10-18 Uhr, freitags bis 19 Uhr, Eintritt: fünf Euro, ermäßigt vier Euro

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