Dresden-Lokales, Geschichte
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Dresdner Miet-Würfel mit einem Hauch von Adelspalais

Dieses Haus an der Wägnerstraße 18 in Blasewitz zeigt, woraus sich der Villen-Nimbus im Dresdner Südosten nährt: Obwohl eigentlich ein Mietsgebäude, wirkt das Haus durch die reistehende und unstandardisierte Bauweise wie eine aristokratische Villa. Foto: Ralph Teckentrup^

Dieses Haus an der Wägnerstraße 18 in Blasewitz zeigt, woraus sich der Villen-Nimbus im Dresdner Südosten nährt: Obwohl eigentlich ein Mietsgebäude, wirkt das Haus durch die reistehende und unstandardisierte Bauweise wie eine aristokratische Villa. Foto: Ralph Teckentrup

Wie sich das Bürgertum in Striesen und Blasewitz in dem Nimbus der Villa hinein-imaginieren konnte

Dresden, 2. Februar 2015: Dresden ist die schönste Stadt der Welt, das weiß jeder Dresdner und jede Dresdnerin. Gut, es fehlen oft etwas die Vergleichsmöglichkeiten, man verspürt als Dresdner eventuell nicht die Notwendigkeit, in der Welt herumzukommen, weil es hier ja so schön ist. Außerdem hat man hier sehr viel Geschichtsbewusstsein und weiß, dass die Stellen Dresdens, die nicht ganz so schön sind, früher einmal schön waren. Der Wiener Platz, die Prager Straße, der größte Teil der Innenstadt, die Johannstadt und so weiter waren früher ganz unglaublich schön und in dieser Gewissheit sieht man, auch wenn man an Plattenbauten und entsetzlich öden Grünanlagen vorbei spaziert, vor seinem inneren Auge barocke und gründerzeitliche Fassaden, Karyatiden und Atlanten. Man kann das für den typischen Dresdner Größenwahn halten, vor allem wenn man mal in einer der vielen anderen schönsten Städte der Welt war, und eine Neigung zum Realitätsverlust zeigt sich ja auch in den teilweise grotesken Vorstellungen gewisser montäglicher Demonstranten. Aber immerhin, so schrieb einmal Peter Richter, haben die Dresdner Grandiositätsfantasien meist eine Art Airbag eingebaut, eine Einschränkung, die den Superlativ im Bereich des Möglichen hält.

Freistehende Mietshäuser mit Luxus-Ambiente

Wohnhaus an der Niederwaldstraße 37. Foto: Ralph Teckentrup

Wohnhaus an der Niederwaldstraße 37. Foto: Ralph Teckentrup

Viele Bereiche Dresdens sind aber auch heute noch oder wieder sehr beeindruckend und damit meine ich nicht nur den großartigen Blick von der Augustusbrücke, den Neumarkt oder eine Fahrt mit der Loschwitzer Schwebebahn. Das muss man natürlich alles gesehen haben, aber fast genauso interessant sind einige Wohngebiete in Dresden, die so in Europa wohl wirklich einmalig sind. Denn in Dresden entstanden seit den 1890er-Jahren große, fast rechtwinklig strukturierte, Viertel freistehender Mietshäuser auf quadratischem Grundriss, die sich von der geschlossenen Bebauung der Pirnaischen Vorstadt oder der Johannstadt stark unterschieden. Während diese geschlossene Blockrandbebauung auch in Berlin, Paris und vielen anderen europäischen Großstädten die typische Form großstädtischen Bauens war, entstanden nur wenig abseits der Dresdner Innenstadt in Striesen und in Löbtau innerhalb weniger Jahre in einem enormen Bauboom streng gerasterte Straßenzüge freistehender Mietshäuser mit gutbürgerlichen, manchmal auch luxuriösen Wohnungen.

Schachbrettmuster mit großzügigem Rastermaß

Im östlich von Dresden gelegenen Dorf Striesen hatten sich im 19. Jahrhundert viele sich zuvor am Rande der Innenstadt befindliche Gärtnereien niedergelassen, darunter auch die berühmte Gärtnerei Hermann Seidel. Aufgrund der schnell wachsenden Bevölkerung Dresdens und des Bedarfs an Wohnraum entstand in der der Pirnaischen Vorstadt und der heutigen Johannstadt innerhalb weniger Jahrzehnte wie in vielen anderen deutschen Städten eine geschlossene Blockrandbebauung. Im direkt angrenzenden Striesen wurde dagegen schon um 1860 ein Bebauungsplan geschaffen, der schachbrettartig strukturierte Straßen und Plätze vorsah, die statt Namen nur Buchstaben und Nummern erhielten. Vorgeschrieben war eine offene Bebauung mit einem Mindestabstand zwischen den Häusern, sodass schon um 1880 – zuerst im Bereich zwischen der heutigen Hutten- und Tittmanstraße – erste Wohnhäuser errichtet wurden.

Bauboom fraß sich gen Osten durch Gärtnereien

Nach 1890 breitete sich die Bebauung rasant nach Osten aus. Im gesamten Gebiet südlich von Blasewitz bis zur heutigen Altenberger Straße entstanden innerhalb von kaum 25 Jahren Hunderte sehr ähnlicher Mietshäuser mit drei Vollgeschossen und Mansarddach auf fast quadratischem Grundriss. Die Gärtnereien verschwanden, vermutlich konnten die Gärtnereibesitzer ihre Grundstücke mit gutem Gewinn verkaufen und sich in weniger dicht bewohnten Gegenden ansiedeln. Dies gilt auch für die oben schon erwähnte Gärtnerei Seidel, die sich in Striesen zuerst ungefähr an der Stelle des heutigen Stresemannplatzes befand, später im Osten Striesens ein großes Areal inmitten eines ehemaligen Wäldchens einnahm und im Zuge des Striesener Baubooms gänzlich aus Striesen verschwand. Übrig blieb der Hermann-Seidel-Park zwischen Pohland- und Ermelstraße.

In Kaiserzeit eine einzige riesige Baustelle

Striesen muss zwischen 1890 und 1914 einer einzigen riesigen Baustelle geglichen haben. Dies gilt für das gesamte, etwa 1,5 Quadratkilometer große Gebiet nördlich der Linie Wormser- / Schandauer Straße zwischen der Fetscher- und der Altenberger Straße. Auch südlich davon wurden teilweise sehr ähnliche und mitunter durchaus luxuriöse Wohnhäuser errichtet, zum Beispiel am Stresemannplatz, in der Wallot- und der Anton-Graff-Straße. Doch gehört dieses Gebiet zur Johannstadt und war daher schon sehr lange ein Teil Dresdens, während Striesen erst 1892 eingemeindet wurde.

Keller und Dach blieben für Witwen und Gesellen

Dresdner Stadtplan 1907. Bearb. vom Vermessungsamt der Stadt Dresden. Gerke, 1:10 000. 21. Aufl. Dresden: Verl. d. Buchdruckerei d. Dr. Güntzschen Stiftung 1906.

Dresdner Stadtplan 1907. Bearb. vom Vermessungsamt der Stadt Dresden. Gerke, 1:10 000. 21. Aufl. Dresden: Verl. d. Buchdruckerei d. Dr. Güntzschen Stiftung 1906.

In Dresden wie auch in anderen Städten waren die Bauherren der neuen Wohnviertel meist Handwerksmeister, die in ihren Betrieben oft mehrere Gewerke vereinten, nach dem Bau der Mietshäuser sehr häufig selbst dort eine Wohnung bezogen und die anderen Wohnungen vermieteten. Die Häuser hatten pro Vollgeschoss üblicherweise drei Wohnungen mit drei oder vier Zimmern und einer Fläche von etwa 85 bis 110 Quadratmetern. Im Souterrain und in den Dachgeschossen befanden (und befinden) sich kleinere Wohnungen. Die Mieter waren fast immer Angehörige des mittleren Bürgertums, also Lehrer, Beamte (auch viele höhere Polizeibeamte), Kaufleute und so weiter. In den Dachgeschossen und Kellerwohnungen lebten Handwerksgesellen, Verkäufer und nicht selten alleinstehende Witwen und Witwer. Solche Viertel mit freistehenden Wohnhäusern entstanden in Dresden auch anderswo, vor allem in Löbtau gibt es viele sehr ähnliche Mietshäuser. Dort stehen die Gebäude etwas enger zusammen, sind etwas kleiner, die Wohnungen haben meist um die 70 Quadratmeter. Auf Luftbildern oder detaillierten Stadtplänen entsteht für Striesen und Teile Löbtaus der Eindruck gleichmäßig verteilter Würfel, weshalb in der Literatur auch die Bezeichnung „Dresdner Würfelhäuser“ anzutreffen ist.

Fließender Übergang von Villenstil zu typischer Mietshaus-Bebauung

Natürlich machen freistehende Mietshäuser etwas her, insbesondere wenn Fassadenschmuck vorhanden ist. Gerade in der Nähe besonders wohlhabender Stadtteile wie Blasewitz – das allerdings erst 1921 eingemeindet wurde – konnte auf diese Art ein Niveau erreicht werden, das einen fließenden Übergang von einer Villen- und Landhausbebauung zu einem Viertel mit einer sehr viel höheren Bevölkerungsdichte ermöglichte. An dieser Stelle ist anzumerken, dass Striesen Ost die meisten Bewohner pro Quadratkilometer in ganz Dresden hat, mehr als Gorbitz oder Prohlis!

Fassadenschmuck, Springbrunnen und Stuck nährten aristokratischen Nimbus

Echsenschmuck an einer Mietvilla an dert Eisenacher Straße 26. Foto: Ralph Teckentrup

Echsenschmuck an einer Mietvilla an dert Eisenacher Straße 26. Foto: Ralph Teckentrup

Auch in Blasewitz entstanden um 1900 viele Wohnbauten, teilweise in geschlossener Bebauung (um den Schillerplatz), größtenteils aber derselben Art wie in Striesen. Die Gebäude haben meist eine Etage weniger, eine etwas geringere Kantenlänge und sind oft reicher geschmückt. Praktisch jedes Mietshaus der Jahrhundertwende in Striesen und Blasewitz verfügt über einen reichhaltigen Fassadenschmuck, der jeweils zeittypisch von neogotischen bis zu Jugendstilformen reicht. Um den bürgerlichen Bewohnern den Eindruck zu verschaffen, in einem Adelspalais zu wohnen, wurde praktisch jedes der Häuser mit zum Teil reich geschmückten Treppenhäusern ausgestattet. Das reicht von relativ einfach Schablonenmalereien bis hin zu Karyatiden und vergoldeten Stuckrosen. In einem Haus in der Niederwaldstraße befindet sich sogar ein funktionierender Springbrunnen im Parterre des Treppenhauses.

Standardisierung verdrängte Einzelanfertigung

Der beinahe quadratische Grundriss der Würfelhäuser orientiert sich an der „klassischen“ Villa des Andrea Palladio, dem auch Gottfried Semper mit seiner Villa Rosa – beispielgebend für das 19. Jahrhundert – nacheiferte. Während die Villa Rosa natürlich ein künstlerisch überaus wertvolles Einzelstück darstellte und auch in viele Wohnhäuser in Blasewitz ein großes Maß an architektonischer Individualität einfloss, musste der massenhafte Bau von Mietshäusern um die Jahrhundertwende zu standardisierten, massenhaft vorbereiteten und damit billigeren Mitteln greifen. Zwar zeigen auch einige der Striesener Mietshäuser zweifellos individuell angefertigte Elemente wie zum Beispiel zwei große Echsen am Mittelrisalit des Hauses Eisenacher Straße 26, der Großteil des Fassadenschmucks besteht aber aus standardisierten Gesimsen, Rollwerk und Frauenköpfen, in Einzelfällen kommen auch Fassadenmalereien hinzu.

Geschickte Planung sorgte für grünen Eindruck

In nahezu allen Straßen Oststriesens wurden Baumreihen gepflanzt, die sich zum Beispiel in der Pohlandstraße im Laufe der Zeit zu einer wunderschönen Allee entwickelten. In anderen Straßen, in denen die Straßenbäume in früheren Jahrzehnten der Bautätigkeit zum Opfer gefallen waren, wurden seit 1990 viele neue Bäume gepflanzt. Zusammen mit den Vorgärten der Mietshäuser macht daher das ganze Viertel einen überaus grünen Eindruck, obwohl tatsächlich Parkanlagen und Spielplätze eher selten sind. Jedenfalls ist es durch eine geschickte Planung im 19. und frühen 20. Jahrhundert und durch denkmalschützerische Erhaltungsmaßnahmen seit 1990 gelungen, ein stark verdichtetes Wohnviertel mit hoher Lebensqualität zu errichten und zu erhalten, das in Deutschland und Europa seinesgleichen sucht.

Was ist nun eine „Mietvilla“?

Schon zur Erbauungszeit wurden die Häuser als „Zinsvillen“ beworben, also als Mietvillen, um der potentiellen Käufer- oder Mieterschaft zu vermitteln, dass es sich um gehobene Wohnbauten für anspruchsvolle Kunden handelte. Dabei wurde der Begriff Villa ähnlich kreativ eingesetzt wie heute, wenn etwa ein kleiner Saunabereich in einem Hotel als „Spa“ beworben wird. Gerne wurde so aus dem zweifellos gutbürgerlichen Striesen ein „Villenviertel“, die heutigen Bewohner dieser Häuser imaginieren nicht selten herrschaftliche Vormieter mit Dienerschaft, die in den schönen Wohnungen residiert haben könnten. Natürlich sind Mietshäuser für mehr als zehn Parteien keine Villen und sie werden auch nicht von Fürsten bewohnt, so sehr sie auch durch Fassadenschmuck und Treppenhausmalereien den Anschein erwecken wollen. Der Begriff Villa – der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Landhaus“ – bezeichnet ein freistehendes, üblicherweise von einer Familie und ihrem Personal bewohntes repräsentatives Haus entweder auf dem Land oder in einem wohlhabenden Viertel einer Stadt.

Vermarktet als „Stadtvilla“

Als Mietvilla wird üblicherweise eine Villa bezeichnet, die durch einen zusätzlichen Eingang und durch Abtrennung eines Teils des Wohnbereichs eine zweite Wohnung erhalten hat, die beispielsweise von den älter gewordenen Eigentümern des Hauses vermietet wird. Ein Beispiel ist wohl die Villa in der Niederwaldstraße 2. Das dicht an der Grenze zu Blasewitz stehende und etwa 1887 erbaute Wohnhaus des Striesener Gärtnereibesitzers Emil Gerhard Liebig. 1894 wurde das Haus noch von seiner Witwe bewohnt, der erste Stock war an den Regierungsrat Paul Koettig (1856–1933) vermietet, der 1904 Polizeipräsident von Dresden wurde. Er kaufte später das Haus und lebte dort mit seiner Familie. Später wohnten in der schönen Villa meist zwei Mietparteien, heute befindet sich dort ein Kindergarten. Der Begriff Mietvilla wird aber aus den genannten Prestigegründen auch heute noch gerne für größere freistehende Mietshäuser verwendet, obwohl sich die Bezeichnung „Stadtvilla“ seit einigen Jahren für derartige Häuser durchzusetzen scheint.

Zu DDR-Zeiten verschmäht, nach der Wende begehrt

Vielleicht ist es interessant, sich noch einmal die heutige Perspektive auf das Striesener Wohnviertel anzuschauen. Tatsächlich sind die Häuser, nicht nur verglichen mit den grässlichen Waschbeton-Plattenbauten der 70er- und 80er-Jahre, wirklich schön und meist bereitet schon das Betreten des Treppenhauses Freude. Wenn man aber den häufig verwahrlosten Zustand dieser Häuser während der DDR noch kennt, der vor allem dadurch verursacht war, dass private Hauseigentümer keine ausreichende Miete verlangen durften und es ohnehin keine Baumaterialien gab, die eine Instandhaltung des Hauses ermöglicht hätten, und wenn man sich an die DDR-Propaganda erinnert, die das sozialistische Wohnen in den modernen Plattenbausiedlungen zum Ideal erhob, während in den bürgerlichen Altbauten die Konterrevolution gewissermaßen Stein geworden war, dann kann man sich auch vorstellen, dass mancher gelernte DDR-Bürger erst nach einer Weile merkte , dass das Wohnen in diesen Altbauten schöner und komfortabler sein kann als in der „Platte“. Das Bild vom reichen Bonzen mit dem in der Abstellkammer schlafenden Dienstmädchen ist dann genau so nah, wie die irgendwie verlockende Idee, dass man als heutiger Bewohner ja eigentlich hochherrschaftlich in einer Villa wohne. Wenn es auch nur eine ganz normale Mietwohnung ist. Autor: Ralph Teckentrup

Links:
Liste der Kulturdenkmale in Striesen bei Wikipedia
Striesen bei dresdner-stadtteile.de

Literatur:
Mathias Donath, Jörg Blobelt: Engel im Hausflur. Dekorationskunst in Dresdner Wohnhäusern. edition Sächsische Zeitung, Dresden 2009

-> Unser Gastautor Ralph Teckentrup ist studierter Germanist und ausgebildeter Programmierer. Er wohnt in einem Altbau in Dresden-Striesen.

2 Kommentare

  1. Johanna sagt

    Hihi.
    „Gut, es fehlen oft etwas die Vergleichsmöglichkeiten, man verspürt als Dresdner eventuell nicht die Notwendigkeit, in der Welt herumzukommen, weil es hier ja so schön ist.“
    Gut auf den Punkt gebracht…

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