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„Wir sind jung. Wir sind stark“: Sind die Zigeuner erst mal weg, wird alles gut

Suchen Stärke: Stefan (Jonas Nay) und Jennie: Saskia Rosendahl). Foto: Zorro

Suchen Stärke: Stefan (Jonas Nay) und Jennie: Saskia Rosendahl) im Platten-Ghetto. Foto: Zorro

23 Jahre danach: Kraftvolle filmische Obduktion der ausländerfeindlichen Krawalle von Rostock-Lichtenhagen

Rohe Steine auf der Straße, leere Flaschen, Trümmer. Eine Bürgerkriegs-Stadtlandschaft in Graustufen. Ein Einkaufswagen rattert ins Bild. Kinder sammeln das Leergut auf. Wahrscheinlich, um sich ein paar Kröten Taschengeld zu verdienen. Oder? Ein paar Schritt weiter gammelt eine Clique gelangweilt in einem alten Barkas. Sandro (David Schütter) kommt dazu. Straff weggekämmte Haare, Bomberjacke, ganz der Hilfsnazi. „Morgen um die selbe Zeit ist Rostock ausländerfrei“, tönt er in den Transporter. Der halbwüchsige Stefan (Jonas Nay) ist sich nicht so sicher, ob er da mitmachen will. Doch am Ende verkettet sich alles in der Clique zu einem Gedanken: „Wir sind Jung. Wir sind stark“. In seinem gleichnamigen Spielfilm verarbeitet Regisseur Burhan Qurbani jene ausländerfeindlichen Krawalle in Rostock-Lichtenhagen, deren Bilder 1992 um die Welt gingen: von brennenden Asylheimen in der Platte und dem Mob, der dazu jubelt.

Parteiisch – aber kein Agit-Prop-Schinken

Das hätte ein langweilig-belehrender Agitprop-Streifen werden können. Burhan Qurbani hat den verminten Stoff jedoch formal und erzählerisch brillant aufgerollt – parteiisch zwar, oft auch polemisch, aber nicht platt denunzierend. Statt auf die klassische Lösung, die Opferperspektive zu setzen, stellt er die Jugendclique um Stefan und Sandro in den Mittelpunkt, die letztlich mitwütet, die Brandschatzer gar anführt – obwohl das aus der anfänglichen Plot-Entwicklung heraus zunächst gar nicht so sicher erscheint.

Versucht sich auf Biegen und Brechen zu integrieren: Die junge viernamesische Wäscherin Lien (Trang Le Hong). Foto: Zorro

Versucht sich auf Biegen und Brechen zu integrieren: Die junge vietnamesische Wäscherin Lien (Trang Le Hong). Foto: Zorro

Das Warum verwebt er mit vielen Nebensträngen. Er erzählt von der Vietnamesin Lien (Trang Le Hong), die sich so sehr müht, sich zu „integrieren“, dass sie gar die „Schlitzi“-Beleidigungen der Kinder lächelnd erträgt, die sich Sprüche der deutschen Nachbarn zu eigen macht wie: „Wenn die Zigeuner erst mal weg sind, wird alles wieder gut“ – und doch an jenem Abend vom Pöbel gejagt wird. Von Martin (Devid Striesow), dem Lokalpolitiker, der nicht den Mut aufbringt, das Richtige zu tun, und statt dessen daheim die Stereoanlage aufdreht – um nicht hören zu müssen, was da draußen in „seiner Stadt“ passiert. Oder von dem Polizisten, der tobt, weil seiner Männer von intriganten Politikern vollkommen unzureichend ausgestattet in das Krisenviertel geschickt werden.

Vor allem aber seziert er das Lebensgefühl der Jugend kurz nach der Wende in der DDR, deren Eltern meist gleich Job, Wertekosmos und Selbstwertgefühl auf einen Schlag verloren hatten, die ihre Kinder nicht mehr zügeln konnten oder wollten. Die einen beginnen, im Gestern zu leben, die anderen gehen daran zugrunde. „Scheiß auf früher“, ruft einer aus Stefans Clique, als er zum Molotow-Cocktail greift. „Wir machen einfach alles kaputt!“

Werbevideo (Zorro-Film):

Vitale Kameraführung

Was „Wir sind Jung. Wir sind stark“ aber besonders über das übliche deutsche Fernsehspiel-Niveau heraushebt, ist der filmhandwerkliche Schwung, mit dem Burhan Qurbani und sein Team all dies inszeniert haben. Er lässt die Kamera kreisen und fokussieren, die Musik das ekstatische Finale herbeihämmern, erzeugt und mindert Distanz durch den Einsatz von Schwarzweiß oder Farbe.

Hilfsnazi Sandro (David Schütter, rechts) hetzt die Clique auf. Foto: Zorro

Hilfsnazi Sandro (David Schütter, rechts) hetzt die Clique auf. Foto: Zorro

Brandschatzer-Tanz ums Feuer

Schade nur, dass der Regisseur es nicht bei seinem ursprünglich geplanten Finale belassen hat: Drei frisch gebackene Jungradikale., darunter Stefan, tanzen ums selbstgelegte Feuer im fremden Wohnzimmer, tonlos, ekstatisch. Eigentlich ein visueller Kumulationspunkt, der für sich selbst spricht.

Premiere im Dresdner Programmkino Ost

Burhan Qurbani. Foto: Zorro

Burhan Qurbani. Foto: Zorro

Zwar hatte Burhan Qurbani seinen Film längst abgedreht, bevor Pegida in Dresden „gegen die Islamisierung des Abendlandes“ zu wettern begann, wie er bei der Premiere am Donnerstag im Dresdner Programmkino Ost auf Frage des Kulturjournalisten Andreas Körner („Körners Corner“) versicherte. Dennoch hat er im letzten Moment dann doch noch eine allzu plakative Schluss-Sequenz drangepappt. Schade eigentlich. Abgesehen davon: ein ganz starker Film. Autor: Heiko Weckbrodt

„Wir sind jung. Wir sind stark“, Zorro-Film, Regie: Burhan Qurbani, mit Jonas Nay, Trang Le Hong, Devid Striesow, FSK 12, 128 Minuten, sw/Farbe

in Dresden derzeit zu sehen u.a. im Programmkino Ost und in der Schauburg

> Hintergrundmaterial zu den Krawallen in Rostock-Lichtenhagen ist hier im Netz zu finden

5 Kommentare

  1. Sycoraxa sagt

    Ich habe das Drehbuch hier und ich war beim Dreh der Schlussszene dabei. Ich weiß um die vielen Drehbuch- und Schlussvarianten. Burhan Qurbani hat während der Dreharbeiten mehr als einmal betont, wie wichtig ihm das letzte Bild mit dem Kind ist.
    Dass er es so, wie du es beschreibst, gesagt hat, wundert mich. Vielleicht war seine Formulierung nicht ganz eindeutig?

    • Missverständnisse sind natürlich nicht auszuschließen. Er erzählte jedenfalls, er habe sich schließlich wegen der Berichte über die NSU-Terrorgruppe für dieses Ende entschieden.

      • Sycoraxa sagt

        Die NSU- Aktivitäten sind aber nun aber mitnichten aktuell, die fanden einige Jahre vor Drehbeginn statt. Du erwähnst auch in deiner Kritik „Pegida“ als Anlass für die Änderung des Endes.
        Gleichwie, eine im letzten Moment drangepappte Schluss- Sequenz gibt es nachweislich nicht. Die Szene wurde 2013 gedreht und stand so im Drehbuch.
        Es ist einfach nicht fair, Gegenteiliges zu behaupten.

  2. Sycoraxa sagt

    Falsch. Die Schlussszene stand schon vor Beginn der Dreharbeiten im Drehbuch, da wurde nichts „drangepappt“. Schade, dass oft so nachlässig recherchiert wird.

    • Nun, die Aussage des Regisseurs nach der Vorführung im PK Ost war eindeutig eine andere: Dass nämlich die Feuerszene ursprünglich als Schluss vorgesehen war, er aber aus Aktualitätsgründen seine Meinung nachträglich geändert habe. Schade, dass Du so rasch zum Urteil „nachlässige Recherche“ gefunden hast. Aber vielleicht hast Du am Drehbuch mitgeschrieben und hast Informationen aus 1. Hand, dann wäre das natürlich etwas anderes.
      Mal abgesehen davon wirkt der Schluss allein schon deshalb als angedockter Fremdkörper, weil Burhan Qurbani m. E. hier mit seinem sonst im Film verfolgten Ansatz bricht, auf den didaktisch erhobenen Zeigefinger (weitgehend) zu verzichten, sondern seine fiktionale Geschichte aus der Eigendynamik seiner Figuren zu entwickeln.

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