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Google Cardboard: Erste Erfahrungen im Cyberspace

Unser Tester Sven Germeroth im Cyberspace-Rausch. Foto: Madeleine Arndt

Unser Tester Sven Germeroth im Cyberspace-Rausch. Foto: Madeleine Arndt

Virtuelle Welten zum Sparpreis – ein Erlebnisbericht

Deutlich komakter (und hübscher) als bisherige Bildschirmbrillen à la "Cinemizer": Die interaktive OLED-Brille soll für den Durchblick in der realen wie der virtuellen Welt sorgen. Abb.: IPMS

Interaktive OLED-Brille von Fraunhofer Dresden. Abb.: IPMS

Dresden/Mountain View, 23. Januar 2015: Wohl jeder wird schon mal wenigstens einmal ein Foto von jenen Hipsters gesehen haben, die mit einer dieser Cyberspace-mäßigen Datenbrillen auf der Nase herumrennen. Die sind mit kleinen Bildschirmen versehen, die dem Träger eine „Virtuelle Realität“ (VR) nicht nur vor Augen führen, sondern es auch möglich machen, sich in diesen Gegenwelten zu drehen und zu wenden, sie in allen Dimensionen zu erkunden. So chic diese VR-Brillen auch sind, so teuer sind sie auch: Entwickler wie Google, Zeiss oder das Fraunhofer Comedd Dresden setzen vierstellige Preise dafür an. Doch warum die schönen Euros aus dem Fenster rauswerfen, wenn es billige Alternativen wie die „Google Card Boxes“ gibt, die nur ein paar Euro kosten? Im Prinzip sind dies nur Papp-Bastelsätze, die man zu einem Brillenkasten zusammenfügt und dann sein iPhone oder Android-Smartphone als mobilen Bildschirm hineinstecken muss, um dann per App (Miniprogramm) die virtuellen Welten zum Sparpreis erwandern kann? Unser Gastautor Sven Germeroth hat’s ausprobiert – hier seine Erfahrungen:

Wie lange sehne ich mich schon danach dreidimensionale, virtuelle Welten zu erkunden. Und da steht sie nun endlich! Meine erste VR-Brille in Form eines Google Cardboards macht diese Reise möglich und das auf eine unverschämt preiswerte Art und Weise.

Enormes Interesse auf Elektronikmesse „CES“

Seit den großen Fortschritten, die das Oculus Rift im Bereich der Virtual Reality in den letzten zweieinhalb Jahren demonstriert hat, ist der Begriff wieder in aller Munde. Doch auch nach dieser langen Entwicklungszeit gab es auf der diesjährigen CES nicht mehr als einen Prototypen zu bestaunen. Trotzdem sprach das Besucherinteresse für sich. Die ersten Demos waren atemberaubend.

Idee entstand beim Gang zur Mülltonne

Die Idee für die Billig-VR-Brillen entstand vor ein paar Monaten im Alltag: Als David Coz mal wieder überflüssige Pappkartons zum Müllcontainer im Hinterhof brachte, war das vielleicht die Geburtsstunde der Cardboards. Ursprünglich nur als Hobbyprojekt und Machbarkeitsstudie gedacht, war die Präsentation auf der 2014er „Entwicklerkonferenz Google I/O“ so erfolgreich, dass die große Nachfrage an dem wenige Dollar teuren Bausatz zu einer unüberschaubaren Zahl an Nachahmern führte. Mittlerweile gibt es neben der einfachen Pappbox auch wertigere Varianten aus Plastik, hinter denen teilweise sogar große Markennamen stehen. Diese dürften jedoch abgesehen von Design und Tragekomfort keine weiteren Vorteile bieten. Die zugrunde liegende Technik bleibt dieselbe. Dafür sind die schicken Varianten wenigstens teuer.

Magnet dient als Steuereinheit

Das Cardboard-Bauset ausgebackt. Foto: Sven Germeroth

Das Cardboard-Bauset ausgepackt. Foto: Sven Germeroth

Das mir vorliegende Exemplar von „Andoer“ ist zur Zeit für 2,99 Euro bei Amazon zu haben. Wie alle Cardboards erinnert auch dieses beim Auspacken erstmal an Verpackungsreste. Die Bauanleitung ist aufgedruckt und bei jedem Anbieter etwas abgewandelt. Damit bleibt es immer wieder ein kleines Abenteuer, das Board zusammenzusetzen. Außerdem sind noch zwei Kunststofflinsen, ein Magnet, ein NFC-Chip in Form eines Aufklebers, ein Gummi und zwei Klettverschlussstückchen in der Sendung enthalten. Der NFC-Chip („Near Field Communication“ = drahtlose Nahkommunikation) soll (theoretisch) die zugehörige App automatisch starten, sobald das Smartphone anliegt. Der Magnet wird an der Brillenseite befestigt und dient als Steuereinheit, während man das Gerät trägt.

Leim hilft

Das zusammengebaute Cardboard. An der vorderen Klappe kann man den NFC-Chip sehen. Foto: Sven Germeroth

Das zusammengebaute Cardboard. An der vorderen Klappe kann man den NFC-Chip sehen. Foto: Sven Germeroth

Nach wenigen Minuten befinden sich Linsen, NFC-Chip und Magnet am rechten Platz und das Cardboard ist zusammengesetzt. Im Normalfall benötigt man dafür keine Hilfsmittel. Sollte doch etwas schief gehen, reichen ein wenig Leim und ein paar „Pappeflicken“ für den zweiten Anlauf.

Erster Anlauf etwas zähe

Jetzt noch schnell die Cardboardapp aus dem Playstore installiert und ab gehts in den Cyberspace! Dies gestaltet sich beim ersten Anlauf noch etwas zäh. Die App startet natürlich nicht automatisch, was nicht weiter stört, da sie sowieso nur als Übersichtsliste unterstützter, installierter VR-Apps dient. Nachdem ich mein Smartphone in den Pappschieber gesteckt habe, kann ich das Programm gar nicht mehr bedienen. Also wird das Smartphone nochmal schnell ausgepackt. Ich entscheide mich als erstes für die vorinstallierte „Cardboard Demos“ App. Diese hält einige virtuelle Szenarien bereit. Unter anderem eine Kunstausstellung, Google Earth 3D und einen Youtube-Dome.

Zweiter Anlauf berauschend

Der erste Eindruck ist berauschend. Wie lange habe ich darauf gewartet. Ich bin aufgeregt und fühl mich wieder wie ein kleiner Junge an einem Spielautomaten. Es ist alles etwas grobpixlig, aber das könnte auch an meiner Displayschutzfolie liegen. Das Bewegungsgefühl im virtuellen Raum übertrifft meine Erwartungen. Es gibt sogar rudimentäre Möglichkeiten der Interaktion:

– Magnet nach unten ziehen: meistens Enter/Select
– Cardboard um 90° drehen: Exit/Escape

Mittlerweile bekommt man eine ganze Reihe brauchbarer Cardboardapps. Meine Favoriten:

Abb.: Axiomworks

Abb.: Axiomworks

Lanterns for Google Cardboard: erste Schritte in der virtuellen Welt
Lamper for Google Cardboard: in diesem Spiel muss man einen Käfer durch einen Tunnel fliegen
Kaiju Fury: Trailer: ein interaktiver 360° Trailer der stark an Godzilla erinnert

Viele Cardboardapps sind mit einem gut erkennbaren Pappbrillensymbol im Programmlogo gekennzeichnet. Außerdem gibt es eine eigene Kategorie für Cardboard Apps. Leider sind darin nicht alle kompatiblen Apps enthalten.

Brille prägt Adepten-Markierung auf die Stirn

Nach dem ersten Probetragen verbleibt auf der Innenseite der Pappbrille ein charakteristischer Fleck an der Stelle, wo meine Stirn aufsetzt. Dieser beweist, ich gehöre jetzt dazu! Zu den Helden meiner Jugend, zu den Eroberern des Cyberspace – The Lawnmower Man, Tron und Brainscan – lassen grüßen. Das Holodeck gehört mir!

Vorsicht Taumel!

Die ersten Tests verursachten teilweise starke Übelkeitsgefühle, welche dazu noch lange anhielten. Verursacht wurden diese wohl hauptsächlich durch zu hektische Bewegungen und zu schnelle Wechsel zwischen virtueller und realer Welt. Allerdings bekommt man mit der Zeit ein Gefühl dafür und die Ausflüge werden angenehmer. Trotzdem sollte man die Tragedauer nicht übertreiben.

Brillenträger aufgepasst

Das Cardboard und daneben das noch nicht eingeschobene Smartphone, auf dem bereits eine VR-App läuft. Foto: Sven Germeroth

Das Cardboard und daneben das noch nicht eingeschobene Smartphone, auf dem bereits eine VR-App läuft. Foto: Sven Germeroth

Die Cardboards sind in unterschiedlichen Größen erhältlich. Von „Andoer“ gibt es Ausführungen in 4,5 in fünf und in 5.5 Zoll. Mein Samsung-S5-Smartphone hat einen 5,1-Zoll-Bildschirm und die 5″-Variante passt gerade so. Brillenträger sollten auf jeden Fall dafür sorgen, dass ihre Sehhilfen Platz in der Pappe finden.

Das aktuelle Cardboard war das dritte im Test und zufällig groß genug für meine Brille. Der Ausflug in die dritte Dimension ist damit auf Anhieb viel entspannter. Ohne Brille fühlte ich mich stark an die Magic Eye 3D-Bilder aus den 90ern erinnert (dabei musste man sich immer ordentlich die Augen verrenken, um was zu erkenen). Aber zur Beruhigung: Bis jetzt haben sich meine Augen hinterher immer wieder der Ausgangsposition genähert. 🙂

Starker Orientierungsverlust

Sehr interessant ist auch der vollkommene Orientierungsverlust. Meine erste Reise in „Lanterns“ (in einem Stuhl mit Rollen) erinnerte mich stark an einen Aufenthalt im Schwebebad. Schon nach wenigen Minuten eckte ich an diversen Punkten im Raum an, obwohl ich nicht das Gefühl hatte, mich bewegt zu haben.

Fazit: Cooler Gimmick

Von wenige Euro teuren Pappboxen kann man natürlich keine Wunder erwarten. Es ist und bleibt ein Gimmick. Trotzdem und gerade wegen dem niedrigen Preis kann man jedem Technikinteressierten nur raten, es auszuprobieren. Wenn der erste Wow-Effekt schon lange verpufft ist, reicht die Pappbox immer noch aus, um Freunde und Familie bei den nächsten Besuchen in Staunen zu versetzen.
Das Wichtigste ist jedoch, dass mit dem Cardboard virtuelle Realität endlich wieder in greifbare Nähe rückt. Die ersten bezahlbaren Oculus Rift Modelle im Handel werden sicher noch eine Weile auf sich warten lassen, und bis dahin hält mein kleiner Pappkamerad hier die Stellung. Autor: Sven Germeroth

Hinweis: Unser Gastautor Sven Germeroth ist Entwickler in der Multimedia-Softwareschmiede „Magix“, lebt in Dresden und ist Metal-Fan.

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