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Jeder zweite Fettsüchtige steckt im Hänselei-Teufelskreis fest

Ein Adipositas-Patient lässt sich von einem Mediziner in Leipzig beraten. Foto: IFB Adipositas

Ein Adipositas-Patient lässt sich von einem Mediziner in Leipzig beraten. Foto: IFB Adipositas

Leipziger Mediziner entwickeln Therapie gegen Stigma-Falle

Leipzig, 8. Januar 2014: Fast neun Millionen Deutsche stecken in einem Teufelskreis aus starkem Übergewicht und – oft sehr bösartigen – Hänseleien fest, die dazu führen, dass der oder die Betroffene aus Kummer noch mehr isst. Ein Leipziger Nachwuchsteam um die Psychologin Dr. Claudia Sikorski vom „Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum Adipositas-Erkrankungen“ entwickelt nun neue therapeutische Ansätze, um diese Mobbing-Fallen zu brechen.

Ein Viertel der Deutschen leidet unter Adipositas

Dr. Claudia Sikorski will neue Therapien gegen die Stigma-Fallen von Adipositas-Patienten entwickeln. Foto: privat

Dr. Claudia Sikorski will neue Therapien gegen die Stigma-Fallen von Adipositas-Patienten entwickeln. Foto: privat/ IFB Leipzig

Mit Verhaltenstherapien und anderen Methoden wollen sie jenen Menschen helfen, bei denen sich Fettzellen über das normale Maß hinaus vermehren. Umgangssprachlich „Fettsucht“ genannt, sprechen die Mediziner in solchen Fällen von „Adipositas“, abgeleitet vom lateinischen Wort für Fett, „adeps“. Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation „WHO“ beginnt diese Krankheit ab einem „Body-Mass-Index“ (Körpermasse durch Körpergröße im Quadrat) von 30 Kilogramm je Quadratmeter. „Fast ein Viertel der Menschen in Deutschland leidet unter Adipositas“, schätzt Claudia Sikorski. „Und je nach Studie, die man sich ansieht, ist davon auszugehen, dass davon 50 bis 100 Prozent deshalb Diskriminierungen erfahren.“

Ständiges Kichern in der Straßenbahn: die tagtägliche Stigmatisierung

Was Außenstehende als harmlose Sticheleien abtun, ist für die Patienten oft sehr verletzend und führt bei ihnen zu Depressionen, sinkendem Selbstwertgefühl, sozialer Isolation – und in der Folge zum Drang, dies durch noch mehr Essen auszugleichen. „Nehmen Sie eine typische Situation in der Straßenbahn“, skizziert Claudia Sikorski ein Beispiel. „Die Sitze sind – zumindest bei uns in Leipzig – so klein, dass Menschen mit Adipositas Probleme haben, vernünftig zu sitzen, dass sie oft mehr als einen Sitz belegen. Dann zeigen andere Fahrgäste mit Fingern auf sie, tuscheln, kichern.“ Auch treffe diese Krankheit viele Kinder, die sich auf dem Schulhof oder bei Verwandten ständig anhören müssen, sie seien viel zu dick, müssten einfach mehr Sport treiben – und die dickleibigen Kinder fühlen sich dann nur noch mies.

Patienten brauchen mehr Selbstwertgefühl, um abnehmen zu können

Helfen könne man solchen Patienten beispielsweise durch Verhaltenstherapien und Rollenspiele, in denen geübt wird, mit solcher Kritik, solchen Stigmatisierungen klar zu kommen, sich nicht gleich zurückzuziehen, „die Dinge nicht so schwer zu nehmen“, Unterstützung bei Freunden zu finden und ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Denn um dann auch an Gewichtsreduktionsprogrammen teilzunehmen, sei „das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Kräfte unabdingbar“, schätzten die Leipziger Mediziner ein.

Studien ausgewertet, nun ist eine Umfrage geplant

Für ihre Untersuchungen hatte Sikorskis Gruppe zunächst 46 wissenschaftliche Studien ausgewertet, die den Zusammenhanng zwischen der Stigmatisierung von stark übergewichtigen Menschen mit psychischen Belastungen und Störungen untersuchten. Als Nächstes wollen sie gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut „Forsa“ eine Umfrage zum Thema unter 1000 Erwachsenen organisieren, um dann daraus bessere Therapieansätze abzuleiten. Angesiedelt sind diese Forschungen unter dem Dach des „Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) Adipositas-Erkrankungen“, an dem die Universität und das Universitätsklinikum Leipzig beteiligt sind. Autor: Heiko Weckbrodt

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