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„Geschichtsbilder“: Buch zeigt deutsche Geschichte im Spiegel der Kunst

In seinem Gemälde "Eisenwalzwerk (Moderne Zyklopen)" (1872-75) begründete Adolph Menzel die Ikonografie der industriellen Revolution mit. Repro: Heiko Weckbrodt

In seinem Gemälde „Eisenwalzwerk (Moderne Zyklopen)“ (1872-75) begründete Adolph Menzel die Ikonografie der industriellen Revolution mit. Repro: Heiko Weckbrodt

Reich bebilderter Band schlägt Bogen von der Malerei der industriellen Revolution bis zur Wiedervereinigung

In den offiziellen Heeres-Bulletins und Propaganda-Filmen oder Ernst Jüngers veröffentlichten Tagebüchern war der I. Weltkrieg eine Abfolge patriotischer Heldentaten – in Otto Dix’ Gemälden und Erich Maria Remarques Büchern dagegen ein Inferno aus Schmerz, Hunger und zerfetzten Leibern. Jenseits offizieller Chroniken oder Pressepublikation haben Künstler eben zu allen Zeiten den Lebensalltag der Menschen um sie herum auf ihre ganze besondere, meist auch sehr subjektive Weise in ihren Werken reflektiert. Der westfälische Kunsthistoriker Klaus Kösters hat diese Perspektiven in einem reich bebilderten und eindrücklichen Überblicksband „Geschichtsbilder – Deutsche Geschichte im Spiegel der Kunst“ Revue passieren lassen.

Darin beginnt Kösters allerdings nicht mit dem germanischen Urschleim, sondern setzt mit der frühen Industrialisierung in deutschen Landen ein und schlägt den Bogen dann über den die rurale Retrobewegung, expressionistischem Taumel und Nazi-Ikonografie bis hin zur deutschen Teilung und Wiedervereinigung.

Menzels Zyklopen sind schuftende Industriearbeiter

An den Anfang stellt der Autor das „Eisenwalzwerk“ von Adolph Menzel. In diesem ab 1872 entstandenen Gemälde formt aus den Bildern der klassischen Antikmalerei eine Vergöttlichung des „modernen“ industriellen Arbeiters. Dabei scheint seine Kritik an den Arbeitsbedingungen in den damals noch jungen schlesischen Fabriken gleichermaßen durch wie die Überhöhung des „einfachen Menschen“ – damals noch ein neuer Topos – zum modernen Zyklopen. Die düster-feurige Szenarie atmet bereits die Konflikte, die Deutschland in den folgenden Jahrzehnten dramatisch verändern sollten: die Auflösung althergebrachter „patriarchalischer Bindungen“ und wachsende neue Klassengegensätze.

Nazi-Propagandakunst von Hans Schmitz-Wiederbrück: Wer im "Triptychon Arbeiter, Bauern und Soldaten" (1941?) im Mittelpunkt der Gesellschaft steht, ist offensichtlich. Repro: Heiko Weckbrodt

Nazi-Propagandakunst von Hans Schmitz-Wiederbrück: Wer im „Triptychon Arbeiter, Bauern und Soldaten“ (1941?) im Mittelpunkt der Gesellschaft steht, ist offensichtlich. Repro: Heiko Weckbrodt

Nazi-Kunst neben expressionistischer Revolte

Indes reflektiert das Buch staatstragende, teils propagandistische wie kritische Kunst gleichermaßen: Die das Landleben idealisierenden Bauernbilder eines – von den Nazis später vereinnahmten – Fritz Mackensen wie die Revolte von Expressionisten wie Ernst Luwdig Kirchner und Ludwig Meidner gegen die Auswüchse der turbokapitalistischen Großstadt und der reaktionären Eliten. Der gasmasken-vermummte Soldat inmitten verwesender Leichenberge steht neben dem heroischen Siegfried-Muskelprotz des späteren NS-Staatsbildhauers Arno Breker. Die Werktätigen-Glorienbilder systemnaher DDR-Künstler neben den chriffreartigen Höhlenmalereien“ eines kritischen A.R. Penck.

Fazit: Prägnante Tour d’Horizon

Das Titelbild zeigt Jörg Immendorffs "Café Deutschland" (1978), Abb.: Aschendorff-Verlag

Das Titelbild zeigt Jörg Immendorffs „Café Deutschland“ (1978), Abb.: Aschendorff-Verlag

Was diese vielgesichtige „Tour d’Horizon“ so empfehlenswert macht, ist ihre Prägnanz: Wo man angesichts des komplexen Themas den Leser mit einem mehrbändigen Werk hätte erschlagen können, versteht es Kösters auf gerade mal 166 Seiten, mit jeweils wenigen Sätzen den Wesenskern der ausgewählten Gemälde, Drucke, Skulpturen, Gedichte oder Romane herauszuarbeiten und sie ihn ihren historischen Kontext einzuordnen. Zu kritisieren ist allein, dass die Werke fast immer zu klein reproduziert sind, so dass man viele angesprochene Details nur mühsam finden kann. Dankenswerterweise gefiel das Buch auch den Lektoren der Zentralen für politische Bildung, so dass man es dort auch gratis bekommen kann.

Autor: Heiko Weckbrodt

Klaus Kösters: „Geschichtsbilder – Deutsche Geschichte im Spiegel der Kunst“, Aschendorff-Verlag, Münster 2014, ISBN: 978-3402130476, 166 Seiten, 22,80 Euro, bei der Landeszentrale für politische Bildung: gratis

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