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Tatort Jugendknast

Jugendstrafvollzug im sächsischen Regis-Breitingen. Foto: Justizministerium Sachsen

Jugendstrafvollzug im sächsischen Regis-Breitingen. Foto: Justizministerium Sachsen

Studie: Mehr als jeder dritte junge Gefangene wird zum Gewaltopfer

Dresden/Köln, 6. Dezember 2014: Über ein Drittel der jungen Insassen im Jugendknast wird durch Mitgefangene geschlagen, getreten oder in anderer Form Opfer körperlicher Gewalt. Das geht aus einer Studie „Gewalt und Suizid im Jugendstrafvollzug“ hervor, aus denen der Kölner Kriminologe Prof. Frank Neubacher am Freitag beim „Dresdner Gesprächskreis Jugendhilfe und Justiz“ erste Zwischenergebnisse vorgestellt hat, und die vor allem auf Fragebögen-Umfragen, Intensiv-Interviews und Personalakten von und mit Jugendgefangenen beruht.

Viele Gefangene verzichten aus Angst auf Hofgang

Prof. Frank Neubacher. Foto: Uni Köln

Prof. Frank Neubacher. Foto: Uni Köln

Demnach gaben – je nach untersuchtem Knast und Zeitpunkt – zwischen 34 und 45 Prozent der Gefangenen an, schon einmal Opfer physischer Gewalt in der Haftanstalt gewesen zu sein. Geprügelt und gedemütigt wird meist in der Zelle oder beim Hofgang. Insofern könne man zwar nicht von ständiger Gewalt im Jugendknast sprechen, betonte Neubacher. Das Problem sei nicht, dass jeder verprügelt werde, sondern dass dieses Bedrohungsszenario ständig über fast jedem Insassen schwebe. „Viele Gefangene verzichten deshalb aus Angst auf Freiräume wie den Hofgang oder lassen sich in abgeschlossenen Abteilungen unterbringen“, sagte der Forscher.

Aus Opfern werden oft schnell Täter

Bemerkenswert sei auch, dass aus vielen Gewaltopfern im Knast nach wenigen Monaten Täter werden, die – als Bewältigungsstrategie – selbst Gewalt ausüben. Denn alternativ Gewalttäter im Knast bei den Wächtern anzuschwärzen, sei nach dem inoffiziellen Knast-Kodex zutiefst verpönt, schätzte Neubacher ein und zitierte aus einem Gefangenen-Interview:

„Sowas klärt man unter sich“

„Wenn einer sieht OK mit dem kann man so machen dann machen das alle dann hacken alle auf einen rum. Man muss sich dann schon ein zwei mal beweisen, dass man seine Ruhe hat … die [Bediensteten] haben mich zum Arzt geschickt und gefragt WER war das? Ähh sagt man nicht … ich so; keine Ahnung wer das war … sowas klärt man unter sich also …. Wer hier verrät, der hat dann noch ein größeres Problem.“ (sic)

Hohe Dunkelziffer: Nur 15 % der Übergriffe werden angezeigt

Gewalt ist im Jugendknast alltäglich. Foto: Heiko Weckbrodt

Gewalt ist im Jugendknast alltäglich. Foto: Heiko Weckbrodt

Dementsprechend werde nur ein kleiner Teil der Übergriffe der Gefängnisleitung bekannt , so Neubacher. Ein Einzelabgleich von Interview-Angaben und Personal- beziehungsweise Krankenakten lasse die Schätzung zu, dass nur jeder sechste Vorfall angezeigt werde.

Wächter stoßen auf Mauer des Schweigens

„Für uns sind solche Übergriffe extrem schwer zu ermitteln“, bestätigte Regierungsdirektor Uwe Hinz, der das sächsische Jugendgefängnis in Regis-Breitingen leitet. „Unter den Gefangenen gilt die Regel: Man scheißt sich nicht untereinander an.“ Wenn Vollzugsbeamte versuchen, solche Körperverletzungen aufzuklären, stoßen sie meist auf eine Mauer des Schweigens, sagte Hinz.

Vergewaltigung in der Knast-Dusche ist eher ein Film-Klischee

Zugleich räumte Neubacher mit dem – vor allem durch Film und Fernsehen genährten – Knast-Klischee der Vergewaltigungen im Duschraum auf: Nur ein bis drei Prozent der Jugendgefangenen gaben nämlich an, schon einmal Opfer oder Täter sexueller Gewalt in der Vollzugsanstalt gewesen zu sein. „Wir haben im Team lange diskutiert, ob das stimmen kann“, räumte der Kriminologe ein. Immerhin gelte es unter jungen Männern als Tabuthema und Schade, Sex-Opfer oder -Täter zu sein und dieser Umstand könne zu verzerrten Antworten geführt haben. Letztlich seien die Wissenschaftler aber zu dem Schluss gekommen, dass die Angaben weitgehend korrekt sein – auch bestärkt durch jüngere Untersuchungen in US-Gefängnissen, die dort zu dem Ergebnis gekommen seien, dass etwa drei Prozent der Insassen im Knast vergewaltigt oder anderweitig sexuell genötigt worden seien. Zudem wurden auch in der deutschen Studie die Duschräume generell nur selten als Tatort von Übergriffen jeglicher Art genannt.

Gerechte Wächter können Gewaltneigung mindern

Der Kölner Forscher hatte aber nicht nur Befunde, sondern auch Lösungsvorschläge parat: Bei seinen Untersuchungen zeigte sich nämlich ein deutlicher Zusammenhang zwischen „Vollzugsgerechtigkeit“ und Gewaltbereitschaft der Gefangenen: „Wer sich von den Bediensteten fair behandelt fühlt, neigt weniger zu Gewalt“, berichtete Neubacher. Dies sehe er als Ansatzpunkt, um die Gewalt im Jugendknast zu mindern. Von technischen Vorkehrungen wie etwa überall installierten Videokameras halte er dagegen wenig: „Die Insassen finden immer eine Möglichkeit, ihre Abrechnungen auszutragen – selbst, wenn sie wissen, dass sie von einer Kamera gesehen werden.“

In Sachsens Jugendknast inzwischen fast alle Insassen in Einzelzellen

Man habe auch zeitweise mit mehr Freiräumen für jugendliche Gefangene experimentiert, dies sei aber gescheitert, sagte Knast-Leiter Hinz. Statt dessen seien inzwischen 90 Prozent der Insassen in Regis-Breitingen in Einzelzellen untergebracht, die andere Gefangene nur auf Antrag besuchen dürfen. Wo aus medizinischen oder anderen Gründen keine Einzelunterbringung möglich sei, habe er angeordnet, von der Dreier- auf einer Zweierbelegung in den Zellen herunterzugehen. Und: „Wir führen die Gefangenen auch regelmäßig dem Arzt vor, damit der schaut, ob jemand blaue Flecken hat oder Spuren ausgedrückter Zigaretten.“

Jeder zweite Jugend-Knasti ohne Schulabschluss

Für die Studie, die von der „Deutschen Forschungsgemeinschaft“ (DFG) mit einer halben Million Euro finanziert wird, hatten die Forscher des Instituts für Kriminologie der Uni Köln eine sehr aufwändige Methodik gewählt, um zu zuverlässigen Ergebnissen zu kommen. Sie hatten 882 Gefangene in Jugend-Vollzugsanstalten in Thüringen und Nordrhein-Westfalen zunächst Fragebögen über Gewalt, Erpressungen, Ungerechtigkeiten und dergleichen im Gefängnis ausfüllen lassen. Die Befragten waren zwischen 15 und 24 Jahre alt. Über die Hälfte hatte keinen Schulabschluss, rund 70 Prozent waren wegen Gewaltdelikten verurteilt. Knapp die Hälfte (48 %) waren Ausländer oder kamen aus Einwandererfamilien,

Aufwändiges Studien-Design

Einen Teil der Gefangenen luden sie dann zu Intensiv-Interviews ein, um die Befunde aus den Fragebögen zu vertiefen. Außerdem glichen sie diese vertraulichen Angaben mit den offiziellen Personalakten der Insassen ab. Um die Bereitschaft der männlichen Knastis zu erhöhen, in ihrer Freizeit an der Studie teilzunehmen, wurde das Team so zusammengestellt, dass auch weibliche Forscherinnen und Studentinnen dabei waren – „um ein bisschen Normalität von draußen hereinzubringen“, wie es Neubacher euphemistisch formulierte. Die Befragungen wurden im Abstand von einigen Monaten dreimal wiederholt, um den Einfluss zufälliger Ereignisse im Knast zu minimieren. Neubacher selbst war zeitweise auch an der TU Dresden tätig und leitet heute das Institut für Kriminologie an der Uni Köln. Autor: Heiko Weckbrodt

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