Forschung, Internet & Web 2.0, News
Schreibe einen Kommentar

Was geht ab auf WhatsApp?

Sprachforscher wollen die Dialog-Dynamik in WhatsApp-Beziehungen analyisieren. Abb.: Heiko Weckbrodt

Sprachforscher wollen die Dialog-Dynamik in WhatsApp-Beziehungen analyisieren. Abb.: Heiko Weckbrodt

Dresdner Forscher untersucht Sprachwandel und Freundschafts-Aufbau über Kurznachrichten

Dresden, 3. Dezember 2014:

„Gehört?“

„?“

„Paul & Luise“

         „?!“

„Krass“

„Superkrass“

(rosa Einhorn mit weinendem Auge)

Der Dialog mag erdacht sein, doch nahe an der Art, wie jüngere Teenager über Kurznachrichten-Dienste wie „WhatApp“ schier endlos palavern könnten. Und dies oft im schnellem Wechsel sehr kurzer Sentenzen, Emojis (Emotions-Symbole) und Codes, die für Außenstehende teils schwer entschlüsselbar sind. Nicht nur die lieben Eltern fragen sich da, wozu das eigentlich gut sein soll: Zunehmend rückt die Transformation jugendlicher Sprachwelten von SMS-Kurznachrichten bis hin zu den modernen, multimedial angereicherten App-Dialogen (Chats) auf Smartphones (Computertelefonen) auch ins Visier von Forschern. Die wollen zum Beispiel wissen, ob diese Art der Kommunikation in digitalen Parallelwelten vielleicht irgendwann in unsere Alltags-Gesprächskultur hinüberschwappt.

WhatsApp-Sprachstil rückt in Fokus der Sprachwissenschaften

Prof. Joachim Scharloth. Foto: privat / TUD

Prof. Joachim Scharloth. Foto: privat / TUD

Einer dieser Berufs-Neugierigen ist Prof. Joachim Scharloth von der TU Dresden. Gemeinsam mit Kollegen aus sechs weiteren Unis hat er mit „Whats’s up Deutschland“ eine Dialogsammelmaschine angeworfen. In die können Teenager wie auch Erwachsene freiwillig und anonymisiert ihre über das Miniprogramm „WhatsApp“ geführten Chat-Verläufe einspeisen – damit Linguisten, Dialektforscher und Sozialwissenschaftler daraus schlau werden, was die „Generation Smartphone“ bewegt, wie sie Beziehungen aufbauen, welche ganz eigenen Sprachformen sie dabei generieren.

Der „1. Kontakt“ in Chat-Räumen

„Einige Kollegen wollen zum Beispiel untersuchen, welche Rolle Dialekt-Ausdrücke in WhatsApp-Dialogen verwendet werden“, sagt Scharloth. „Solche Studien gab es bisher nur in der Schweiz und da auch nur mit SMS-Nachrichten.“ Ihn hingegen interessiere „wie wir unsere Identität in diesen WhatsApp-Räumen konstruieren, wie wir uns in diesem Raum inszenieren und wie uns umgekehrt dieser Raum formt“, erklärt der 42-jährige Professor, der selbst auch gelegentlich per WhatsApp mit Kollegen digital plaudert. Besonders haben es ihm die besonderen Eigengesetze des Beziehungsaufbaus per App-Chat angetan: Wie sieht typischerweise der „Erste Kontakt“ in der lakonischen Welt der kurzen Worte aus? Wie entwickelt sich daraus eine Freundschaften, gar ein Flirt oder eine Liebe? „Machen wir uns nichts vor“, meint Scharloth: „Das erste Mal in einer Beziehung, das jedem von uns so einzigartig erscheint, folgt doch immer wieder ähnlichen Mustern.“

Social-Media-Bot soll sich als Frau ausgeben

Ist genug Material ausgewertet, will der Professor noch einen experimentellen Schritt weiter gehen und einen „Social Media Bot“ programmieren. Ein Computerprogramm also, dass sich zum Beispiel als Frau in den digitalen Foren ausgibt und so agiert und chattet, wie es die Forscher als typisch für WhatsApp-Beziehungskonstruktionen herausgearbeitet haben. Abzuwarten bleibt dann freilich, ob echte Gesprächsteilnehmer auf diese getürkte digitale Anbandlerin hereinfallen…

Schon 1,7 „Token“ eingesammelt

Abb.: whatsuo-deutschland.de

Abb.: whatsuo-deutschland.de

Dafür müssen die Forscher freilich noch viele Dialoge-Verläufe sammeln. Immerhin sind schon innerhalb weniger Tage nach dem Projektstart sind schon 1,7 Millionen „Token“ (also Worte, Bilder oder Symbole aus elektronischen Dialogen) zusammengekommen, die auch schon erste statistische Auswertungen möglich machen. Eine Erkenntnis: Zu den beliebtesten „Emoji“ gehören bei WhatsApp ein lachendes Gesicht mit offenem Mund und eine stilisierte Katze mit Freudentränen. Und: Im Schnitt kamen die Teilnehmer auf etwa 6,5 Token pro Nachricht, was in der Regel für vollständige Sätze nicht reicht und wieder ein Hinweis auf die Sprachverkürzung in Chats ist.

„Sprache von unten“ durch Internet sichtbar geworden

Viele Kulturbewahrer sehen in SMS- und App-Chats daher eine Verarmung und Verwilderung der Sprache, weiß der Professor nur zu gut. „Aber wir legt man eigentlich fest, was ,Standardsprache’ ist?“, fragt Scharloth eher rhetorisch, eingedenk der bekannten Tatsache, dass auch die Duden-Redaktion ihre Standard-Nachschlagwerke an den Wandel im öffentlichen Sprachgebrauch ständig anpasst. Er sieht da vor allem eine Wahrnehmungsverschiebung am Werke: Früher haben zum Beispiel Literatur, Presse, Politikerreden unser Bild von Hochsprache geprägt. Doch daneben gab es schon immer die einfachere, verkürzte, nicht immer orthografisch und grammatikalisch korrekte „andere Sprache von unten“ – „und die wird nun durch das Internet, durch Facebook und andere digitale Kommunikationskanäle öffentlich sichtbar“.

Autor: Heiko Weckbrodt

-> Wer den Forschern helfen will, kann seine Chat-Verläufe aus WhatsApp auf der Seite whatsup-deutschland.de zur Verfügung stellen. Dort gibt es auch eine technische Anleitung für den Export. Die Dialoge werden anonymisiert und nur verwendet, wenn alle Gesprächsteilnehmer zustimmen.

 

Zum Weiterlesen:

WhatsApp für deutsche Jugendliche wichtiger als Gespräche

Facebook kauft WhatsApp

Cliquentreff im Internet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.