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Huxleys „Schöne Neue Welt“ als multimediale Kapitalismuskritik im Schauspiel Dresden

Alpha Bernhard Marx (Benjamin Pauquet, Mitte) ist aus dem Häuschen: "Sein Wilder" beschert ihm Renommee im Kastensystem der "Schönen Neuen Welt". Foto: David Baltzer, Staatsschauspiel Dresden

Alpha Bernhard Marx (Benjamin Pauquet, Mitte) ist aus dem Häuschen: „Sein Wilder“ beschert ihm Renommee im Kastensystem der „Schönen Neuen Welt“. Foto: David Baltzer, Staatsschauspiel Dresden

„Mit Delta-Kindern spiele ich nicht!“

Hat uns „das System“ von Kindesbeinen an auf Konsum und Genusssucht konditioniert? Und zwar in einem Maße, dass wir gar nicht anders können und wollen, als in der uns zugewiesenen, nur scheinbar selbstgewählten Arbeit aufzugehen, in unserer Kaste zu verharren („Mit Delta-Kindern spiele ich nicht!“) und ziellos konsumierend durchs Leben zu irren? Der britische Autor Aldous Huxley warnte davor 1932 in seinem kapitalismus- wie sozialismuskritischen Dystopie-Klassiker „Schöne neue Welt“ sehr bedrückend und nachdrücklich. Und auch die leicht auf unsere Zeit adaptierte Fassung, die nun das Staatsschauspiel Dresden multimedial auf die Bühne gebracht hat, legt diesen Schluss nahe.

Performance aus Schauspiel, Tanz, Video und Live-Musik

Welt-Controller Mustapha Moon (Christian Erdmann, l.) führt John (André Kaczmarczyk) den Liebreiz der Stabilität vor Augen. Foto: David Baltzer, Staatsschauspiel Dresden

Welt-Controller Mustapha Moon (Christian Erdmann, l.) führt John (André Kaczmarczyk) den Liebreiz der Stabilität vor Augen. Foto: David Baltzer, Staatsschauspiel Dresden

Das engagiert agierende Ensemble entrollt auf der Bühne in einer Kombination aus klassischem Schauspiel, Video-Projektionen, Tanz und Live-Musik eine Zukunftswelt, in der Welt-Controller „zur Rettung der Menschheit“ dafür sorgen, dass Menschen schon als Föten durch pränatale und frühkindliche Manipulation und Stromschlag-Konditionierung Bücher, Kunst und intensive Emotionen scheuen. In der sie in Kasten eingeteilt werden, auf dass sie auf Lebenszeit als „Alphas“ die Geschicke der Anderen lenken, als „Betas“, „Gammas“ die niederen administrativen Arbeiten erledigen, oder als analphabetische „Deltas“ oder „Epsilons“ für die anderen den Dreck wegräumen.

Hedonistisch konditionierte Zukunfts-Menschheit

Zum Auftakt gabeln Alpha Bernhard Marx (Benjamin Pauquet) und Beta Lenina (Sonja Beißwenger) in der Wildnis den unkonditionierten freien Menschen John (André Kaczmarczyk) auf, bringen ihn in „die Zivilisation“. Bewundert „der Wilde“ anfangs dieses Cluster immerwährenden Glücks, in der eine kleine Oberschicht keinen Handschlag tun muss, in einer ewigen Party lebt und Propaganda und Drogen erzeugt und konsumiert, so erkennt er doch bald die Schattenseiten dieser (frei nach Shakespeare) „Schönen Neuen Welt“.

Die Welt als Forsche Fließband-Fabrik des „Glücks“

Denn den Menschen wird durch eine Art früher genetischer Manipulation (Huxley kannte die Genetik-Debatten unserer Zeit natürlich nicht und schrieb von fetalen Eingriffen und Konditionierung) jede Kreativität genommen, echte Kunst und Wissenschaft sind verloschen. Die Welt und das Leben sind zu einer riesigen Fließbandfabrik des scheinbaren (?) Glücks nach dem Vorbild des Autoproduzenten Hernry Ford geworden, der hier wie ein Gott verehrt wird. Jeder gehört hier jedem, tiefere Beziehungen sind verpönt, „Kollektivität und Stabilität“ stehen über allen anderen Werten.

Keine einfachen Antworten

Doch Huxley und die Autoren der Bühnenfassung geben keine einfachen Antworten, indem sie dem naheliegenden Erzählmuster folgen würden, nur schlicht den sich aufbäumenden, Widerstand säenden John zu folgen: Als der nämlich beim Weltcontroller Mustapha Moon (köstlich: Christian Erdmann als abgehalfteter Ex-Physiker, der in Unterhosen in seinem Palast herumlungert und mit seiner Hippie-Perücke etwas an den Lustmörder Bob aus „Twin Peaks“ erinnert) landet, führt der dem „Wilden“ vor Augen, was er zu zerschlagen im Begriff ist: Die Absenz selbstzerstörischer Menschheits-Kriege nämlich, das durch Glücksdrogen beförderte Ende von Völkermord, Folter, Siechtum. Wir erinnern uns: Als Huxley seinen Roman schrieb, war der I. Weltkrieg mit seinen Giftgas-Angriffen noch frisch im kollektiven Gedächtnis, der II. stand kurz vor der Tür…

Starke Performance

Mit klassischen Theaterentwürfen à la Strindberg oder Tschechow hat diese Inszenierung – trotz vieler Shakespeare-Einschübe – nicht wirklich mehr viel zu tun, werden hier doch viele neuere mediale Formen mit eingewoben, wirkt das Stück über weite Strecken eher wie eine Performance. Doch gerade damit wird man den komplexen philosophischen Stoff wohl besser gerecht als mit einer klassischen Umsetzung. Zudem bleibt der Fokus stets auf der – oft sehr intensiven und vielbeklatschten – Performance der Akteure, wobei besonders André Kaczmarczyk als John, Rosa Enskat als Johns Mutter Linda und Christian Erdmann als Welt-Controller Moon hervorzuheben sind.

Huxleys Dystopie nach über 80 Jahren immer noch aktuell

Abb.: Heiko Weckbrodt

Abb.: Heiko Weckbrodt

Zudem findet Regisseur Roger Vontobel eine gute Balance zwischen Aktualisierung und Nähe zum Original-Roman. In den Video-Anrufen des Party-Volkes in der Wildnis beispielsweise mag man die omnipräsenten Smartphones unserer Zeit wiederentdecken. In den „Duftorgeln“ womöglich die duftenden Warenwelten der „West“-Kaufhäuser. Gleichzeitig aber verzichtet Vontobel auf allzu plakativen Modernismus-Schnickschnack.

Die Resonanz des Publikums ist jedenfalls groß: Ausverkaufte Vorstellungen mit Besuchern aller Altersgruppen und minutenlanger Beifall zum Finale legen da ein beredtes Zeugnis ab, dass Huxley – der neben Samjatins „Mir“ und Orwells „1984“ einen der bedeutendsten Dystopie-Romane de 20. Jahrhunderts schrieb – uns auch über 80 Jahre nach der Erstpublikation noch etwas über unsere Welt zu sagen weiß. Autor: Heiko Weckbrodt

Schöne Neue Welt“, dystopisches Multimedia-Bühnenstück nach Aldous Huxley, Regie: Vontobel, mit André Kaczmarczyk, Christian Erdmann und Rosa Enskat, 2,5 h mit einer Pause, Staatsschauspiel Dresden, Theaterstraße 2, Ticket-Infos und Verkauf hier (Achtung: Karten kann man zwar online kaufen, muss sie aber dann an der Theaterkasse abholen, statt sie auszudrucken), nächste Vorstellungen: 20.11., 26.11., 4.12.2014, jew. 19.30 Uhr

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2 Kommentare

  1. Dagmar Gross sagt

    Ich habe das Buch vor Jahren gelesen und war ein wenig skeptisch, aber auch neugierig in Bezug auf die Umsetzung. Aber ich muss sagen, alle Achtung. Mir hat die Aufführung im Schauspielhaus Dresden wirklich sehr gut gefallen.

    • Bei mir war es schon ca. 30 Jahre her, dass ich das Buch gelesen hatte, ich konnte mich daher nur noch an die groben Handlungsstränge erinnern – aber auch daran, dass ich den Stoff für gut verfilmbar, aber schwer fürs Theater umsetzbar gehalten habe. Ich finde, das Staatsschauspiel hat das recht gut gelöst.

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