Geschichte, News
Schreibe einen Kommentar

Mit dem Moped nach Paris

André Kiesewalter mit der SR-2, auf der er und ein Kumpel 1990 nach Paris fuhren - die erste große Westreise war rund 2000 km lang und dauerte mit dem Moped 2 Wochen. Foto: Heiko Weckbrodt

André Kiesewalter mit der SR-2, auf der er und ein Kumpel 1990 nach Paris fuhren – die erste große Westreise war rund 2000 km lang und dauerte mit dem Moped 2 Wochen. Foto: Heiko Weckbrodt

Sonderschau im Verkehrsmuseum Dresden erzählt Geschichten über die neue Reisefreiheit der Ostdeutschen 1989/90

Dresden, 7. November 2014. Wohl niemals vorher oder nachher liefen ostdeutsche Zweittakt-Motoren so heiß wie kurz nach dem Mauerfall am 9. November 1989: In ungezählten Scharen fielen die Ostdeutschen über den Westen her, warfen ihre Trabbis, Wartburgs, MZs und Simpsons an und machten sich auf den Weg nach Westberlin, Hessen oder gar Paris oder die USA. 25 Jahre nach dem Mauerfall hat das Verkehrsmuseum Dresden 20 dieser ungewöhnlichen Geschichten gesammelt und zu einer Sonderausstellung „Reisefreiheit!“ zusammengefasst, die ab morgen im ersten Obergeschoss zu sehen ist.

Video von der Sonderschau (hw):

Mit Oldtimer kurz vor dem Mauerfall über den Osten nach Westen

Franz-Josef Strathausen steigt noch mal in sein "Fluchtfahrzeug" ein, einen „Hillman Minx“. Foto: Heiko Weckbrodt

Franz-Josef Strathausen steigt noch mal in sein „Fluchtfahrzeug“ ein, einen „Hillman Minx“. Foto: Heiko Weckbrodt

Franz-Josef Strathausen aus dem thüringischen Heiligenstadt zum Beispiel war einer der letzten, die noch vor der Grenzöffnung – also „illegal“ – per Auto via CSSR gen Westen flüchteten. Er kaufte sich aber nicht irgendeinen Wagen als Fluchtfahrzeug, sondern für 10.000 Ost-Mark einen Oldtimer, den er später im Westen als Startkapital zu verkaufen hoffte: einen britischen „Hillman Minx“, den die DDR in den 1960er Jahren in kleinen Stückzahlen importiert hatte. „Das Zeit begann zu drängen, weil ich plötzlich auch noch einen Einberufungsbefehl bekommen hatte“, erinnert er sich. Und so machte er sich noch am 4 November mit der ganzen Familie auf den Weg über Bad Schandau erst nach Tschechien und dann weiter nach Bayern. Eine abenteuerliche Reise sollte es werden mit stundenlangen Staus, Übernachtungen in Notaufnahmelagern – doch schließlich kam er bei Verwandten in Westfalen an – erst 1991 kehrte er wieder nach Thüringen zurück. Den „Hillmann“ hatte er da schon gegen einen Opel Kadett getauscht.

2000 km nach Paris und zurück – mit einer „SR 2“

Man beachte die schönen 80er-Jahre-Frisuren... Foto: Heiko Weckbrodt

Man beachte die schönen 80er-Jahre-Frisuren… Foto: Heiko Weckbrodt

Noch strapaziöser war die erste große Westreise für den Dresdner André Kiesewalter: Während andere ihre Trabbis starteten, schwang sich der Instandhaltungsmechaniker der Elbe-Flugzeugwerft am Abend des 2. August 1990 auf ein altes Simpson-Moped „SR 2“, um endlich einmal den Eiffelturm von Nahem zu sehen. „Es gab viele Kollegen die haben uns gesagt: ,Ihr seid doch blöd, das schafft Ihr nie!’“, erzählt er. Doch die Kollegen iirten: 14 Tage brauchten die beiden, um die rund 2000 Kilometer nach Paris und wieder zurück nach Dresden zurückzulegen. Unterwegs übernachteten sie teils in Jugendherbergen und auf freiem Felde. Aber sie schafften es – und hatten hinterher einzigartige Erlebnisse zu erzählen.

Stories und Hunnis

Diese und weitere Geschichten sind in Text, Bild und historischen Exponaten nun in der neuen, nicht allzu großen, aber interessanten Schau des Verkehrsmuseums zu finden. Aufgestellt sind dort zum Beispiel Kiesewalters „SR 2“, der alte „Hillman Minx“ von Strathausen, aber auch ein paar Begrüßungs-„Hunnis“, die die Ostdeutschen damals noch im Westen ausgezahlt bekamen, alte DDR-Pässe und andere anekdotische Kuriositäten.

Verkehrsmuseum erwartet neuen Besucher-Rekord

Das Verkehrsmuseum hat zum Thema Reisefreiheit auch allerlei zeitgenössische Exponate zusammengetragen. Foto: Heiko Weckbrodt

Das Verkehrsmuseum hat zum Thema Reisefreiheit auch allerlei zeitgenössische Exponate zusammengetragen. Foto: Heiko Weckbrodt

Verkehrsmuseums-Direktor Joachim Breuninger selbst findet die Sonderschau ungemein faszinierend, zeigen die wiederentdeckten Geschichten rund um die neue Reisefreiheit nach seiner Meinung doch sehr einprägsam die Aufbruchstimmung jener Zeit, den Enthusiasmus der Ostdeutschen über die neuen Möglichkeiten, die sich ihnen plötzlich mit dem Mauerfall auftaten. Und der Direktor rechnet damit, dass die Schau zu einem Meilenstein beitragen wird: „Bis zum Jahresende kommen wir diesmal wahrscheinlich auf eine Viertelmillion Besucher und damit auf einen neuen Rekord für unser Museum.“ Autor: Heiko Weckbrodt

-> Sonderschau „Reisefreiheit! – 25 Jahre Mauerfall“, 8. November 2014 bis 12. April 2015, geöffnet dienstags bis sonntags jew. 10 bis 18 Uhr, mehr Infos hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.