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Dresdner „Bionection“ verkuppelt Tüftler und Risikokapitalisten

Birgt die Biene den Schlüssel für den Kampf gegen multiresistente Keime? Das Leipziger Startup AMP hofft, synthehtisierte Peptide der Imme einsetzen zu können, um Menschen wirkungsvollere Antibiotika verabreichen zu können. Foto: Ricks, Wikipedia, GNU-Lizenz

Birgt die Biene den Schlüssel für den Kampf gegen multiresistente Keime? Das Leipziger Startup AMP hofft, synthehtisierte Peptide der Imme einsetzen zu können, um Menschen wirkungsvollere Antibiotika verabreichen zu können. Foto: Ricks, Wikipedia, GNU-Lizenz

Von Keramikschaum-Knochen bis Bienen-Drogen

Dresden/Leipzig, 9. Oktober 2014: Keramikschäume, die Knochen-Implantate besser zusammenwachsen lassen, neuartige Antibiotika von Bienen oder Automatenlabore, die schnell erkennen, wenn die Milchfabrik verkeimt: Sächsische Forscher sind findig und wollen derzeit auf der Dresdner „Bionection“ die Wirtschaft für ihre Erfindungen begeistern. Rund 200 Risikokapitalisten, Industrievertreter und Tüftler tummeln sich seit heute auf dieser exklusiven Technologietransfer-Messe im „Forschungszentrum für Regenerative Therapien“ (CRTD) an der Fetscherstraße und versuchen, zueinander zu finden. „Die sächsischen Biotech-Forscher hatten sich in einer Befragung ausdrücklich solch eine Plattform gewünscht“, betont Ulrike Gerecke vom Branchenverband „Biosaxony“, der die Messe-Premiere organisiert hat.

Schaumknochen sollen nach OP schneller einwachsen

Matthias Ahlheim vom Fraunhofer IKTS entwickelt Keramikschwämme für bessere Kunstknochen. Foto: Heiko Weckbrodt

Matthias Ahlheim vom Fraunhofer IKTS entwickelt Keramikschwämme für bessere Kunstknochen. Foto: Heiko Weckbrodt

Chemiker Mattias Ahlhelm vom Dresdner Fraunhofer-Keramikinstitut IKTS zum Beispiel entwickelt Kunstknochen aus Keramikschaum, die nach einer Implantation in einen Menschen besonders gut mit dem Körpergewebe zusammenzuwachsen versprechen. Er sucht nun nach Industriepartnern, die dabei helfen, seine Technologie weiterzuentwickeln und serienreif zu machen, so dass möglichst bald OP-Patienten von den neuartigen Ersatzknochen profitieren können.

Porenstruktur wie beim Naturknochen

Unterm Mikroskop wird die den Naturknochen nachempfundene Porenstruktur des Knochenersatzes sichtbar. Abb.: Fraunhofer-IKTS

Unterm Mikroskop wird die den Naturknochen nachempfundene Porenstruktur des Knochenersatzes sichtbar. Abb.: Fraunhofer-IKTS

Das Besondere liegt im Herstellungsverfahren, das zu Strukturen führt, die der Natur abgeguckt sind, verrät Ahlhelm: Bei der sogenannten „Gefrier-Direktschäumung“ nimmt er eine Keramikflüssigkeit, kühlt sie stark ab und senkt kontrolliert den Druck. Dadurch entsteht eine Art Schwamm mit kleinen, mittleren und großen Poren, ähnlich wie in natürlichen menschlichen Knochen. Die großen Poren sind dazu da, dass die Körperzellen in das Implantat gut hineinwachsen können, die kleineren, damit die jungen Zellen untereinander Informationen austauschen können. „Einsetzen kann man dabei verschiedene Materialien, je nachdem, ob man mehr Stabilität will, oder wünscht, dass sich das Stützmaterial später gut von selbst abbaut“, sagt er.

Uni-Automat stereofotografiert Petri-Schalen en masse

Felix Lenk von der TU Dresden konstruiert Laborautomaten. Foto: Heiko Weckbrodt

Felix Lenk von der TU Dresden konstruiert Laborautomaten. Foto: Heiko Weckbrodt

Nicht etwa von den Biologen, sondern von den Maschinenbauern der TU Dresden ist Ingenieur Felix Lenk zur neuen „Bionection“ gekommen: Er und seine Kollegen vom Lehrstuhl für Bioverfahrenstechnik wollen eine Firma gründen, die innovative Laborautomaten herstellt – auf der Messe sucht er nun nach Risikokapitalisten, die die Uni-Ausgründung finanzieren. Ihre „PetriJet“-Geräte können Petri-Schalen mit Zellkulturen oder Keim-Proben automatisch analysieren, Stereo-Fotos anfertigen und weitertransportieren. In Großmolkereien zum Beispiel werden solche Proben tagtäglich zu Hunderten genommen, um Hygiene und Qualität von Joghurt und anderen Milchprodukten zu überprüfen. Setze man zur Analyse die TU-Automaten ein, würden die labor-Mitarbeiter von viel langweiliger und anstrengender Routinearbeit entlastet, ist Lenk überzeugt.

Demo-Video von den PetriJets (TU Dresden):

Konkurrenzlose Labortechnik

„Die Nachfrage nach unserer Technik ist bereits jetzt sehr groß und wir haben kaum Konkurrenz – die Spezialmotoren und anderen Komponenten, die wir hier einbauen, sind erst seit kurzem überhaupt verfügbar“, betont der Ingenieur. Den Zugriff auf diese Spezialbauteile habe man über die Esslinger Technologiefirma „Festo“ erhalten – die übrigens auch mit der Dresdner Supraleit-Ausgründung „Evico“ kooperiert. Wenn Lenk auf der Messe Finanziers findet, könne die Firma rasch aus der TU ausgegründet werden und die Serienproduktion schon 2015 beginnen.

Bienen-Schutz gegen multiresistente Keime

Dr. Marc Henz von der Leipziger AMP. Foto: Heiko Weckbrodt

Dr. Marc Henz von der Leipziger AMP. Foto: Heiko Weckbrodt

Eigens von der Pleiße ist Dr. Marc Henz von der „AMP Therapeutics“ nach Dresden gekommen. Er fahndet auf der „Bionection“ nach Forschungspartnern und Kapitalgebern für Infektionshemmer, die der Leipziger Uni-Professor Ralf Hoffmann in Bienen analysiert hat. Deren Peptide können nun synthetisiert werden und sollen zu innovativen Antibiotika verarbeitet werden, gegen die die legendären „multiresistenten“ Keime in Krankenhäusern nicht ankommen. „Bedenken Sie: Durch die multiresistenten Keime droht uns ein Rückfall in jene Zeit, als unzählige Menschen an einfachen Infektionen starben“, beschwört Henz. Zur Erinnerung: Bevor Penicillin und andere Antibiotika erfunden worden, konnte selbst ein simpler Knochenbruch durch Infektionen zum Tode führen.

Neue Transfermesse soll Kluft zur Serie schließen

Die „bionection“ war vor allem in Konsequenz aus einer „Biosaxony“-Studie geboren worden. Diese Studie hatte die Biotech-Forschungen vor allem in Dresden und Leipzig zwar als vielversprechend eingestuft, aber eine Lücke zwischen Wissenschaft und Industrieeinsatz in Sachsen diagnostiziert. Die neue Transfermesse soll nun jährlich stattfinden und diese Kluft schließen, indem sie Wissenschaftler und Kapitalgeber zusammenbringt. Autor: Heiko Weckbrodt

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