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Ifo Dresden: Ost-Wirtschaft hängt Westen 30 Jahre hinterher

Seit der Wende verfallen ganze Betriebe in Ostdeutschland - hier ein Beispiel aus der Lausitz. Foto: Heiko Weckbrodt

Seit der Wende verfallen ganze Betriebe in Ostdeutschland – hier ein Beispiel aus der Lausitz. Eine Reanimation ist vielerorts nicht in Sicht. Foto: Heiko Weckbrodt

Von Aufholjagd Ost kann keine Rede mehr sein

Dresden, 24. September 2014: Von einer wirtschaftlichen Angleichung zwischen Ost- und Westdeutschland kann auch 25 Jahre nach der politischen Wende in der DDR keine Rede sein: Die wirtschaftliche Produktivität in den „neuen“ Bundesländern hinkt der im Westen um 30 Jahre hinterher – und daran wird sich wenigstens bis zum Jahr 2030 auch kaum etwas ändern. Das geht aus neuen Berechnungen und Prognosen von „ifo Dresden“ hervor. „Der Abstand zwischen Ost und West bleibt seit Jahren praktisch konstant, von einem Aufholen auf Westniveau ist kaum eine Spur“, schätzt Autor Prof. Joachim Ragnitz ein.

Produktivität stagniert seit Jahren bei etwa 66 %

Die Produktivität der "neuen" Bundesländer wächst nur noch langsam und hat gerade erst das Noveau der alten BRD um 1984 herum erreicht. Abb.: ifo Dresden

Die Produktivität der „neuen“ Bundesländer wächst nur noch langsam und hat gerade erst das Noveau der alten BRD um 1984 herum erreicht. Abb.: ifo Dresden

Demnach stagniert das „Bruttoinlandsprodukt pro Kopf“ auf dem Gebiet der früheren DDR seit Jahren bei etwa 66 Prozent der ehemaligen Bundesrepublik einschließlich Westberlins. Sachsen liegt mit 68,9 Prozent leicht über dem Durchschnitt. Damit liegt die Produktivität in Ostdeutschland derzeit auf einem Stand, wie in die alte BRD bereits um 1984 herum erreicht hatte.

Entvölkerung und De-Industrialisierung mit üblen Folgen

Als Hauptursachen sieht Ragnitz die Entvölkerung insbesondere ländlicher Teile Ostdeutschlands und die kleinbetriebliche Wirtschaftsstruktur mit nur sehr wenigen Großunternehmen. Auch gebe es nur wenige Wachstumspole wie Dresden, Jena Berlin oder Leipzig in den Neuen Bundesländern. Zudem ist die Deindustrialisierung nach der Wende und dem Zusammenbruch der DDR-Industrie bis heute nicht wettgemacht.

Viele Fortschritte nur rechnerisch

Die Folgen: Seit Mitte der 1990er Jahre wächst die ostdeutsche Wirtschaft nur noch ebenso schnell wie die westdeutsche, was für eine Aufholjagd nicht reicht. Für die nächste Zukunft sagen die ifo-Forscher sogar leicht unterdurchschnittliche Wachstumsraten im Osten voraus. Schon in jüngerer Vergangenheit war ein Teil der Produktivitätsfortschritte eher rechnerisch, nämlich durch die schwindende Bevölkerung bedingt, was natürlich Auswirkungen auf die Berechnung der Wirtschaftsleistung pro Einwohner hat.

Auch schwache Westländer fallen zurück

Allerdings ist all dies kein rein ostdeutsches Phänomen: Auch im Gebiet der alten BRD könne von einer Angleichung der Lebensverhältnisse, einer „Konvergenz“, kaum eine Rede sein, betont Ragnitz. „Strukturschwache westdeutsche Länder fallen in der Tendenz auch zurück.“

Deutschland driftet weiter auseinander

Langfristig rechnet der Ifo-Forscher mit einer „Zunahme regionaler Unterschiede“ in Ost wie West. So dürften im Osten die vergleichsweise wirtschaftsstarken und industrieorientierten Bundesländer wie Sachsen oder Thüringen weiter stärker wachsen als die anderen „neuen“ Bundesländer.

Forscher schlägt indirekt Aufgabe ganzer Regionen vor

Jochaim Ragnitz. Abb.: ifo DD

Jochaim Ragnitz. Abb.: ifo DD

Um gegenzusteuern, seien stärkere „politische Anstrengungen“ für den Aufbau Ost nötig, vor allem durch die Länder und regionale Akteure, folgert Ragnitz. Klassische wirtschaftspolitische Instrumente wie Straßenbau oder Investitionsförderungen dürften nach seiner Ansicht allerdings nur noch wenig helfen. Der Ökonom plädiert daher eher für Innovationsförderung in der Breite statt auf Spitzentechnologien, eine Unterstützung regionaler Stärken, eine Konzentration der Förderung auf Wachstumszentren, eine bessere Betreuung von „Problem-Schülern“, um die Schulabbrecherquote im Osten zu senken und eine Abkehr vom politischen Fokus auf die Sozialpolitik. Auf besondere Gegenwehr dürfte aber wohl ein weiterer Vorschlag von Ragnitz stoßen: Konzentriere man nämlich die Ost-Förderung auf Wachstumspole, sei es erwägenswert, ob man die fortschreitende „Wüstung“ der strukturschwachen Regionen nicht gleich aktiv beschleunige – etwa durch „Umsiedlungshilfen“. Was – deutlicher ausgedrückt – nichts anderes heißt, als dass der Forscher vorschlägt, ganze Regionen in Ostdeutschland aufzugeben. Autor: Heiko Weckbrodt

Zum Weiterlesen:

Sachsens Wirtschaftsminister: Sinkende West-Ost-Transfers bremsen Aufholprozess aus

3 Kommentare

  1. Hans Küntzel, Lübeck sagt

    Habe diese Analyse bei einem Besuch von Freunden in Thüringe im Gespräch wegen der Bundestagswahl erwähnt. Komme selbst aus Lübeck. Das kam an wie eine Kriegserklärung! Zitat: Ich kann das nicht mehr hören, das wir im Osten weniger leisten als der Westen. Hier arbeiten die Leute länger und genauso viel wie im Westen. Und dann noch für weniger Geld. Ich denke aus Sicht eines Menschen der 8 h am Tag arbeitet, und dann so pauschal abgewertet wird ist das nicht gut. Da hilft die Statistik nicht wirklich. Hier muss eine differenzierte Antwort für den einzelnen Menschen danebenstehen. Für alle Bewohner eine Hilfe zur Lösung des Problems.

  2. Schreiber sagt

    Demnach stagniert das „Bruttoinlandsprodukt pro Kopf“ auf dem Gebiet der DDR seit Jahren bei etwa 66 Prozent der ehemaligen Bundesrepublik einschließlich Westberlins.

    Den erstgenannten Staat gibt es, Gott sei dank, nicht mehr bzw. nur noch als „ehemalig“.

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