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Rechnerwolken für Marsreisende

Die Visualisierung zeigt die geplante Landung des Roboters "Curiosity" (Neugier) auf dem Mars. Abb.: NASA

Die Visualisierung zeigt die Landung des Roboters „Curiosity“ (Neugier) auf dem Mars. Die Amazon-Tochter AWS stellte für die Übertragungen die rechenkapazizäten bereit. Abb.: NASA

Dresdner Amazon-Entwickler portionieren Computerkraft für NASA, AirBnB & Co.

Dresden, 16. September 2014: Als die NASA vor zwei Jahren den Roboter-Rover „Curiosity“ („Neugier“) auf dem Mars absetzte, hatte auch Amazon seine Hand im Spiel. Allerdings hatte das US-Internetkaufhaus nicht etwa sein Liefergebiet drastisch erweitert und den neugierigen Rover per Drohne auf unserem Nachbarplaneten eingeschwebt. Was viele nicht wissen: So riesig das Handelsimperium von Amazon erscheinen mag – für das Unternehmen ist es längst nur noch eines von mehreren Geschäftsfeldern.

Vielmehr ist aus der aufwendigen Computer-Infrastruktur, die Amazon für den Warenversand aufgebaut hat, mit „Amazon Web Services“ (AWS) eine Konzerntochter entstanden, die Rechen- und Speicherkapazitäten an Regierungsstellen und Unternehmen rund um den Erdball vermietet – und darüber hinaus, wie das Beispiel „Curiosity“ zeigt: Damit nämlich Millionen Internet-Nutzer die extraterrestrische Landung verfolgen konnten, stellte AWS dafür die Netzkapazitäten bereit. Dass solche Mega-Projekte flutschen – darum kümmert sich auch das AWS-Entwicklungszentrum Dresden, das Amazon im Waldschlösschen-Areal eingerichtet hat.

AMD ging – Amazon schnappte zu

Eröffnet hatte der Internet-Riese aus Seattle dieses Zentrum im Mai 2013, als sich ein echtes „Schnäppchen“ ergab: Weil der Elektronikkonzern AMD sparen musste, zog er sich aus Sachsen zurück und machte sein Dresdner Entwicklungszentrum OSRC dicht. Dort hatte ein 23-köpfiges Team um den Linux-Spezialisten Chris Schläger bis dahin das freie Computer-Betriebssystem „Linux“ für AMD-Prozessoren optimiert. Nach dem Aus übernahm Amazon große Teile der Mannschaft und setzte sie darauf an, riesige Rechenzentren in unzählige virtuelle Computer zu unterteilen, die die Amerikaner dann vermieten können.

Linux-Experte Chris Schläger leitet das Dresdner Entwicklunsgzentrum von Amazon. Foto: AWS

Linux-Experte Chris Schläger leitet das Dresdner Entwicklunsgzentrum von Amazon. Foto: AWS

Startmannschaft verdoppelt, weiterer Ausbau in Dresden

„Seitdem ist unser Zentrum schnell gewachsen und wir suchen ständig neue Leute“, sagt Schläger. Wieviele Mitarbeiter in Dresden tätig sind, darf er wegen der etwas geheimniskrämerischen Unternehmenspolitik bei AWS nicht verraten, nur soviel: Seit der Gründung vor einem reichlichen Jahr habe sich die Startmannschaft verdoppelt. Und noch mal so viele Informatiker, Elektrotechniker, Mathematiker und Physiker sollen bis Ende 2015 in Dresden angeheuert werden.

Milliarden-Umsätze mit Cloud-Diensten

Denn die Nachfrage nach den Internet-„Rechnerwolken“ („Clouds“) von Amazon legt zu: Zwar hält AWS seine Personal- und Umsatzentwicklung geheim, aber in der Branche ist von starkem Wachstum die Rede. Analysten schätzen, dass sich der AWS-Umsatz zwischen 2012 und 2013 auf 3,8 Milliarden Dollar (2,9 Milliarden Euro) fast verdoppelt hat und eine weitere Steigerung auf 8,8 Milliarden Dollar (6,6 Milliarden Euro) für 2015 zu erwarten ist.

Sensible Daten werden regional abgelegt

Hintergrund: Die vor acht Jahren gegründete Amazon-Tochter tritt auf dem Markt mit Kampfpreisen und Leistungen an, die es anderen Cloud-Dienstleistern schwer machen mitzuhalten. Durch seinen globalen Versandhandel betreibt das US-Unternehmen ohnehin weltweit zahlreiche Rechenzentren, allein durch diese pure Kapazitätsmasse entstehen Kostenvorteile. Zudem kann es Klienten offerieren, sensible Informationen aus Sicherheitsgründen nur regional zu speichern: Die Chinesen legen ihre Daten im chinesischen Rechenzentrum von AWS ab, die Europäer in Dublin und so weiter.

Dresdner „Hypervisoren“ teilen Rechenkraft zu

Auch kann Amazon durch die Entwicklungen des Dresdner Teams nun das gesamte Kundenspektrum vom Geflügelzüchterverein bis hoch zum Großkonzern abdecken. Das Team um Chris Schläger programmiert nämlich sogenannte „Hypervisoren“, die jedem Unternehmen, jedem Verein, jeder Privatperson stundenaktuell gerade soviel Rechenkapazitäten zuteilen und berechnen, wie sie eben brauchen. „Denken Sie etwa an eine Industriefirma, das eine neue Software einführt und für für ein paar Testwochen 200 Computer braucht“, skizziert Schläger den Ansatz. „Früher hätten die sich ein eigenes Rechenzentrum bauen müssen und nach der Einführungsphase nicht mehr gewusst, wie sie die Computer auslasten sollen.“

Übernachtungs-Portal „AirBnB“ spart sich durch Amzon-Dienste eigene Rechenzentren

Internetportale wie AirBnB vermitteln private Zimmer für Reisende. Abb.: BSF

Internetportale wie AirBnB vermitteln private Zimmer für Reisende. Abb.: BSF

Ein anderes Beispiel ist die globale Internet-Börse „AirBnB“, die Übernachtungen in Privatwohnungen an Touristen vermittelt, die nicht in Hotels absteigen wollen, sondern preiswerte Quartiere und gleichzeitig den Kontakt mit den „Eingeborenen“ an ihrem Reiseziel suchen. Dieser Vermittlungsdienst erfreut sich steigender Belebtheit – „hat aber tagsüber und regional enorme Nachfrageschwankungen“, erklärt Schläger. Statt eigene Rechenzentren aufzubauen, nutzt „AirBnB“ die Cloud-Zentren von AWS. Und die teilen der Börse elastisch gerade soviel Rechenkraft zu, wie im Moment gebraucht wird. Flacht die Nachfrage ab, werden weniger virtuelle PCs zugeteilt und die Plattform muss in dieser Stunde entsprechend weniger bezahlen – was unterm Strich zu enormen Kostenvorteilen gegenüber klassischen Lösungen führt.

Hochspezialisierte Linux-Fachleute in Dresden

Damit dies automatisiert und zuverlässig funktioniert, setzt Amazon in Dresden auf hochspezialisierte Fachleute, die es nur an wenigen Standorten weltweit gibt. Daheim in Seattle hatte der US-Konzern nur ein kleines Experten-Team zusammentrommeln können – und daher sofort zugeschlagen, als AMD sein Dresdner Linux-Entwicklungszentrum auflöste. Zudem habe Amazon hier auch gute Chancen gesehen, dass der Spezialisten-Nachschub nicht versiegt, betont Schläger: „Die TU Dresden gehört nämlich zu den ganz wenigen Unis weltweit, an denen es noch eigene Betriebssystem-Entwicklungen gibt.“ Autor: Heiko Weckbrodt

English Summery:

Because AMD had to save, Amazon has made in East Germany a real bargain: The Internet Department Store took over the coveted Linux specialists of the former AMD development center in Dresden. Now this specialists develop für the Amazon cloud daughter AWS so called „hypervisors“ to allocate computing power worldwide for governments, associations and corporations.

 

Zum Weiterlesen:

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