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Dresdner Ingenieure suchen nach „perfekter Verpackung“

Der Dresdner IVV-Außenstellenleiter Prof. Jens-Peter Majschak (links) erklärt Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok eine neue Anlage, die Plasteplatten, wie man sie zum Beispiel zum Joghurtbecher-Formen braucht, nur an den Prägekanten erwärmt. Unterm Strich ist dadurch weniger Kunststoffeinsatz für die Verpackung notwendig. Foto: Heiko Weckbrodt

Der Dresdner IVV-Außenstellenleiter Prof. Jens-Peter Majschak (links) erklärt Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok eine neue Anlage, die Plasteplatten, wie man sie zum Beispiel zum Joghurtbecher-Formen braucht, nur an den Prägekanten erwärmt. Unterm Strich ist dadurch weniger Kunststoffeinsatz für die Verpackung notwendig. Foto: Heiko Weckbrodt

Fraunhofer-Institut in Gittersee bekommt neues Technikum

Dresden, 25. Juni 2014: Greifen wir heute ins Supermarktregal, erwarten wir, dass weder der Tetrapack in der Hand platzt noch der Joghurt überquillt. Das erscheint uns selbstverständlich, ist es aber nicht, wie jeder bezeugen kann, der in der DDR aufgewachsen ist und sich an den notorischen Gestank aufgeplatzter Milchbeutel in den Kaufhallen erinnert. Die Zeiten sind gottlob vorbei und Anteil daran haben Dresdner Fraunhofer-Ingenieure: Deren Aninstitut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) tüftelt nun schon seit fast 20 Jahren an immer haltbareren, konsumentfreundlichen und ressourcenschonenden Technologien für den Verpackungsmaschinenbau in ganz Deutschland und im EU-Raum. Weil die Nachfrage nach ihren Erfindungen wächst, haben die Fraunhofer-Forscher gestern im Gewerbegebiet Coschütz-Gittersee ein neues Technikum eingeweiht.

Demografischer Wandel: Leicht zu öffnende Verpackungen für Senioren gefragt

Dort wollen die Ingenieure aber nicht nur an besonders haltbaren Verpackungstechnologien feilen, in zunehmendem Maße beschäftigen sie sich auch mit Folgen des demografischen Wandels, der Überbevölkerung und der weltweiten Müllprobleme, die Laien sonst kaum wahrnehmen. Der Trend zum „Easy Opening“ (leichtes Öffnen) ist so ein Beispiel: „Die Kollegen hier messen genau aus, wieviel Kraft es kostet, eine Verpackung zu öffnen“, erklärte Fraunhofer-Vorstand Prof. Alfred Goßner während der Einweihungsfeier für das Technikum an der Heidelberger Straße. „Darüber macht man sich normalerweise keine Gedanken, aber versuchen sie mal als Senior einen klassischen Schraubverschluss zu öffnen, wenn sie mit Arthrose haben.“

Leitindustrie für Branche geworden

Insofern mag das Dresdner IVV zwar das kleinste Fraunhofer-Institut am größten Standort der Fraunhofergesellschaft, in Dresden, sein, aber es gilt doch als Perle. Seit den zaghaften Anfängen 1995 als bloßes Anwendungszentrum mit drei Mitarbeitern hat sich das IVV einen guten Ruf in der gesamten Branche erarbeitet, gilt inzwischen als eine Leit-Forschungseinrichtung für die Verpackungs- und Lebensmittelindustrie, wie Richard Clemens vom Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) betonte. Mittlerweile hat das IVV rund 50 Mitarbeiter – die Hälfte davon feste – und hat seinen Forschungsetat auf 1,8 Millionen Euro verdreifacht, wie Außenstellen-Leiter Prof. Jens-Peter Majschak berichtete.

Eng mit Industrie vernetzt

Roboter mit Kunststoff- statt Stahlgreifern könnten Obst sortieren, ohne Druckstellen zu hinterlassen. Foto: Heiko Weckbrodt

Roboter mit Kunststoff- statt Stahlgreifern könnten Obst sortieren, ohne Druckstellen zu hinterlassen. Foto: Heiko Weckbrodt

Die starke Vernetzung der Dresdner Tüftler mit der Industrie manifestiert sich übrigens auch im Technikums-Neubau: Der wurde nämlich vom Industriepartner „Knüppel Verpackung GmbH“ für rund 1,8 Millionen Euro errichtet und an das IVV weitervermietet, damit dessen Forschungen mehr Platz bekommen. Insgesamt umfasst der Neubau 1870 Quadratmeter. „Für uns ist Dresden ein ganz wichtiger Standort“, unterstrich Knüppel-Chefd Gerhard Hahn.

Weniger Materialeinsatz

Denn die sächsische Landeshauptstadt hat lange Traditionen in der Verpackungsforschung und auch im Verpackungsmaschinenbau. Und das Know-How der 1995 hinzugekommenen Fraunhofer-Einrichtung sucht bundesweit ihresgleichen. So wissen die Industriepartner zu schätzen, dass die IVV-Ingenieure eben auch Wirtschaftlichkeit und Ökologie zu verbinden wissen, beispielsweise Maschinen entwickeln, die weniger Kunststoffe für die Verpackung brauchen.

60 % der Lebensmittel gehen zwischen Acker und Tisch flöten

Natürlich ist auch den Ingenieuren bewusst, dass Verpackung heute meist mit Müll assoziiert wird. Aber: Um sieben Milliarden Menschen auf de Erde zu ernähren, von denen viele in urbanen Zentren oder in Gegenden wohnen, die eine ausreichende lokale Lebensmittelerzeugung unmöglich machen, sind Transporte von Speisen unabwendbar – und dabei gibt es noch viel zu viele Verluste: Wie Experten schätzen, gehen etwa 60 Prozent der Lebensmittelvolumina zwischen Acker und Tisch verloren. Diese Verluste durch bessere Verpackungen zu minimieren, ist auch ein Forschungsziel im IVV. Das Ziel der Dresdner ist insofern anspruchsvoll: Sie wollen nichts weniger als „die perfekte Verpackung“ ertüfteln. Autor: Heiko Weckbrodt

 

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