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DVD „Wochenendkrieger“: „Ich wollte doch 16 Uhr längst tot sein!“

Die schüchterne Nicole ist am Wochenende eine mächtige Elbenkönigin. Foto: Neue Visionen

Die schüchterne Nicole ist am Wochenende eine mächtige Elbenkönigin. Foto: Neue Visionen

Doku spürt Motiven und Gegenwelten von Real-Rollenspielern nach

Werktags montiert Sven am Fließband in der VW-Fabrik Motoren. Doch sonnabends wird er zum buckligen, knurrenden Gärtner der öligen Pestillenz – und keiner der edlen Ritter wagt eine Bemerkung über seinen Bauch. In ihrem Dorf kennt man Nicole als schüchternes Mädchen, das gerne schneidert. Am Wochenende ist sie die mächtige Elbenkönigin Lenora. Deutsch-Lehrerin Chris schlüpft derweil in ihr aufwendiges Kostüm und transformiert zur unverwundbaren Herrscherin der Leere… Was sie alle gemeinsam haben, ist die Leidenschaft für Real-Rollenspiele, für Verkleidungen, für einen zweiten biografischen Entwurf, den sie an den Wochenenden durchleben – als Elben, Orks, Zauberer oder Monster in einer dem Tolkienschen „Herr der Ringe“ nachempfundenen Fantasiewelt mit Schlachten, königlichen Empfängen und Rätseln.

Subkultur von innen und außen beleuchtet

Regisseur Andreas Geiger hat diese Subkultur in der Doku „Wochenend-Krieger“ eingefangen und fünf Männer und Frauen befragt und begleitet – bis hin zur großen nachgespielten Zeitalterschlacht in der deutschen Pampa mit ihrer monatelang ausgetüftelten Choreografie auf der einen Seite und den kleinen Pannen am Rande, in denen selbst Chris als Herrscherin der Leere im Wartebereich die Nerven verliert („Ich wollte doch 16 Uhr schon längst tot sein!“).

Werbevideo (Neue Visionen):

„Dieses Hobby zieht Außenseiter an“

Als Grünen-Sekretär muss Dirk immer still sein, als "Fürst des untoten Fleisches" metzelt er am Wochenende. Foto: Neue Visionen

Als Grünen-Sekretär muss Dirk immer still sein, als „Fürst des untoten Fleisches“ metzelt er am Wochenende. Foto: Neue Visionen

In seinem nun auf DVD erschienenen Film macht sich Geiger aber nicht etwa lustig über Spleens und gelegentlich auch etwas gestelzte Dialoge in dieser Parallelwelt. Vielmehr spürt er den tieferen Motiven nach, warum zum Beispiel ein Protokollant der Grünen enorm viel Mühe, Vorbereitung und Geld investiert, um in seiner Freizeit zum bösen Schlachtenführer inmitten von Holzkulissen und Hunderten kostümierter Orks zu mutieren. „Dieses Hobby zieht Außenseiter an, die ihr Leben lang davon träumen, Anführer zu sein, obwohl sie realistischerweise dafür gar nicht geeignet sind“, sinniert dieser „Fürst des untoten Fleisches“ alias Dirk selbstkritisch. „Als Rollenspieler bin ich ein Fürst, dem die Leute ringsum gehören, darf böse sein.“

Fazit: faszinierend

Foto: Neue Visionen

Foto: Neue Visionen

Was auf den ersten Blick wie ein skurriles Hobby anmutet, wird durch diese Dokumentation plötzlich viel verständlicher und nicht etwa lachhaft. „Wochenendkrieger“ zeigt den Alltagsmenschen neben uns, der sich in seiner Freizeit als bunter Schmetterling entpuppt und sich all die Lebensentwürfe erspielt, die dem heutigen Homo urbanus verschlossen sind: als Held, Führerin, Bösewicht oder ätherisch schöne Elbin. Eine sehenswerte Doku, die keine Klischees wiederkäut, sondern gleichermaßen bunt wie nachdenklich ist. Autor: Heiko Weckbrodt

„Wochenendkrieger“ (Neue Visionen), Dokumentation über Live-Rollenspieler, Regie: Andreas Geiger, Deutschland 2012 (DVD 2014), 90 Minuten, FSK 6, ca. 18 Euro

Zum Weiterlesen:

„Der kleine Hobbit 2“: Bilbo beklaut den Drachen

 

 

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