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Die Kunst der Verschwörungstheorie

Titelblatt einer Anti-Freimaurer-Hetzschrift, die Eco im "Friedhof von Prag" einflechtet. Abb.: BSF

Titelblatt einer Anti-Freimaurer-Hetzschrift, die Eco im „Friedhof von Prag“ einflechtet. Abb.: BSF

Im Roman „Friedhof von Prag“ erpuzzelt Umberto Eco die Genese von Hetzschriften gegen Juden und Freimaurer

Die Juden sind an allem schuld – dieser Leitsatz wird dem jungen Simon Simonini schon als Kind vom Großvater in Turin eingebleut. Und diese „Welterklärung“ zieht sich durch das ganz Leben eines Mannes, der vom kleinen Spitzel zum internationalen Spion und gefragten Superfälscher aufsteigt. Italiens Star-Autor Umberto Eco arbeitet an diesem fiktiven, aber nicht erfundenen Lebensweg die Genese des antisemitischen Hetzwerkes „Die Protokolle der Weisen von Zions“ heraus, auf das sich – obwohl schon 1920 als Fälschung enttarnt – Hitler in seinem „Kampf“ berief und das bis heute vor allem in gewissen arabischen Kreisen für echt gehalten wird. Dabei nimmt Eco – wie schon im „Focaultschen Pendel“ – in seinem Roman „Der Friedhof von Prag“ die wirre Welt der Verschwörungstheoretiker aufs Korn.

Fälscher varriiert Protokolle je nach Kunde

Die subsumiert Eco in seinem Bösewicht Simon, der in zahlreichen Verkleidungen auftritt und dabei selbst schizophren wird. Der variiert sein Meisterwerk – eben den „Friedhof von Prag“ – immer wieder und wieder, um es mal an Judenhasser, mal an Freimaurer, dann wieder an Jesuiten oder den Geheimdienst des russischen Zaren verkaufen zu können. Dass er in seinen erdachten Protokollen eines angeblichen Geheimtreffens auf dem Prager Friedhof allerlei Weltunterjochungs-Pläne mal jüdischen Rabbis, mal Freimaurer-Meistern in den Mund legt und dabei fleißig in Plots von Alexandre Dumas und anderen Literaten wildert, ist weder dem Fälscher noch seinen teils ahnungsvollen Kunden auch nur einen Skrupel wert: Man schreibe ja letztlich nur eine tiefere Wahrheit nieder, so das Argument für die zahlreichen verschwörerischen Arabesken, die nach und nach hinzukommen.

Simon sammelt Leichen im Keller

Umberto Eco. Foto. Hanser-Verlag

Umberto Eco. Foto. Hanser-Verlag

Ähnlich skrupellos entledigt sich „Hauptmann Simonini“ alias „Abbé Dalla Piccola“, als der Simon auch oft auftritt, seiner Mitwisser: Um die Spuren seiner Fälschungen zu verwischen, sammelt er über die Jahre hinweg eine ansehnliche Leichenzahl in seinem Keller in Paris. Doch französischer wie russischer Geheimdienst halten still, brauchen sie den Meisterfälscher je nach politischer Wetterlage doch immer wieder, um „belastende Originaldokumente“ gegen den jeweils aktuellen Staatsfeind Nummer 1 zu fabrizieren.

Profunder Kenner von Verschwörungsliteratur

All dies lesend zusammenzupuzzeln, hat einigen intellektuellen Reiz, kann Eco als profunder Kenner der Verschwörungsliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts doch sehr schön zeigen, wie selbst abstruseste Welterklärungs-Muster zustande kamen und soviel Publikum gewannen. Allerdings verlangt der Autor dem Leser auch viel Konzentration ab, erzählt er Simons Lebensweg nicht etwa klassisch linear, sondern springt zwischen mehreren Zeitebenen hin und her, arbeitet mit wechselnden Tagebucheinträgen der schizophrenen Inkarnationen seines Bösewichts.

Video mit Umberto Eco (Hanser-Verlag):

Fazit: Eco belohnt Konzentration

Insofern erreicht der italienische Philosoph längst nicht mehr die Spannung seines Bestsellers „Der Name der Rose“, der noch philosophische Exkurse in einen packenden Mittelalter-Krimi zu packen verstand. „Der Friedhof von Prag“ ist alles andere als leichte Kurs, beginnt sogar furchtbar umständlich und entfaltet seine Faszination erst, wenn man am Ball bleibt, weiterliest – und zumindest ein paar der Plots, die Exo da verbindet, schon kennt. Wem aber Verschwörungstheorien schon immer mundeten, wird eine reich gedeckte Tafel vorfinden: Nicht so wirr und distanzlos zusammengestellt wie in Dan Browns Machwerken und vielleicht nicht so fluffig wie etwa die amüsante Trilogie „Illuminatus!“ von Robert Shea und Robert Wilson, aber dafür umso profunder.

Weg zur „Endlösung“ geebnet

Abb.: Hanser-Verlag

Abb.: Hanser-Verlag

Und er zeigt, wie sich schon vor den Weltkriegen die Vorstellung in weiten Kreisen der europäischen Eliten die Vorstellung festsetzen konnte, dass die Juden wie Metastasen die Gesellschaft zerstören würden, die man durch eine „Endlösung“ auslöschen müsse. Autor: Heiko Weckbrodt

Umberto Eco: „Der Friedhof von Prag“, Carl-Hanser-Verlag, München 2011 (italien. Original: Mailand 2010), Verschwörungs-Krimi, eBuch 12 Euro, ISBN 978-3-446-23829-9, Leseprobe hier

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