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Zeitzeugen-Streit: Wir brauchen Geschichten wie Essen

Akten, Zeitzeugen-Berichte und andere Quellen fließen in der modernen Geschichtswissenschaft in die Arbeit ein. Repro: Heiko Weckbrodt

Akten, Zeitzeugen-Berichte und andere Quellen fließen in der modernen Geschichtswissenschaft in die Arbeit ein. Repro: Heiko Weckbrodt

Dresden, 3. März 2014: „Der größte Feind des Historikers ist der Zeitzeuge“. Dieser Scherz wird gern und oft in den Geschichtswissenschaften weitergetragen und hat im jüngsten Disput um die Zeitzeugen-Arbeit der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung neue Brisanz gewonnen. Unser Gastautor Frank Richter, Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, meint: „Wir brauchen Geschichten wie ein Lebensmittel“, warnt aber auch davor, Zeitzeugen allein die Deutungshohheit über Geschichte zu überlassen:

Frank Richter, Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Foto: Heiko Weckbrodt

Frank Richter, Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Foto: Heiko Weckbrodt

An eigenen Geschichten entwickeln wir unsere Identität

Wir Menschen erzählen gern Geschichten und hören gern Geschichten. An den eigenen Geschichten entlang entwickeln wir unsere Identität. Wir begreifen, wer wir sind, weil wir gedanklich nachvollziehen, wie wir geworden sind. Durch das Hören auf die Geschichten anderer lernen wir uns zu solidarisieren und uns abzugrenzen. Wir brauchen Geschichten wie ein Lebensmittel.

Zeitzeugen bereichern Geschichtsunterricht – und genießen Aufmerksamkeit

Wenn Zeitzeugen ihre Geschichten im Geschichtsunterricht erzählen, genießen sie meistens große Aufmerksamkeit. Ohne despektierlich zu sein, darf man sagen, dass auch sie diese Aufmerksamkeit genießen. Zeitzeugen bereichern den Geschichtsunterricht ungemein. Die Vorstellung von dem, was sich in der Vergangenheit ereignet hat, gewinnt durch die Begegnung mit ihnen an Farbe, Emotionalität und Menschlichkeit.

Erinnerung verliert an Schärfe

Problematisch wird es, wenn der Eindruck entsteht, Zeitzeugen besäßen die Erklärungs- und Deutungshoheit über die Vergangenheit. Manche sagen: „Ich erzähle euch jetzt mal, wie es wirklich war.“ Aber auch alt und weise gewordene Menschen können sich täuschen. Auch ihre Erinnerung verliert an Schärfe. Und: Sie können uns nur ihre Geschichte erzählen. Diese muss in Beziehung gesetzt werden zu den Geschichten, die andere Zeitzeugen erzählen. Und sie muss verglichen werden mit weiteren Quellen, mit Akten zum Beispiel, mit Zeitungsberichten, mit Fotografien und Dokumenten. Auch Zeitzeugen sind Quellen, denen man mit einem gesunden Maß an nüchterner Distanz begegnen muss. Ich kenne übrigens viele, die auch ihrer eigenen Erinnerung kritisch gegenüber stehen.

Schule soll kein Ort emotionaler Überwältigung sein

Distanz zu bewahren ist nicht möglich, wenn Menschen von erlittenem Unrecht, von Verfolgung, Unterdrückung oder Folter berichten. Anteilnahme, Betroffenheit und Solidarisierung treten in den Vordergrund. Und selbstverständlich sollte auch die Schule ein Ort der emotionalen Anteilnahme sein. Nicht aber ein Ort der emotionalen Überwältigung. Auch die Berichte von Zeitzeugen, die Schlimmes erlebt haben, bedürfen der historisch-politischen Einordnung.

Die Landeszentrale für politische Bildung arbeitet seit ihrer Gründung mit Zeitzeugen zusammen. Daran hat sich seit 2009, seitdem ich diese Einrichtung leite, nichts geändert. Ich bedauere, dass es nicht möglich ist, Veranstaltungen mit allen Zeitzeugen durchzuführen, die sich anbieten. Wir versuchen, möglichst viele und verschiedene Persönlichkeiten aus den Regionen Sachsens einzubinden. Frank Richter*

* Unser Gastautor Frank Richter ist Theologe und Direktor Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Der heute 53-Jährige war 1989 einer der Initiatoren des friedlichen Dialogs zwischen DDR-Staatsmacht und Bürgern während der Wende-Demonstrationen in Dresden und Mitgründer der „Gruppe der 20“. In den vergangenen Jahren war er zudem als Vermittler im Streit um das „richtige“ Gedenken an die Zerstörung Dresdens am 13./14. Februar 1945 tätig.

 

Zeitzeugen-Berichte sind für Historiker wichtige Puzzle-Stücke

SUBNETS soll das Zusammenwirken verschiedener Hirnregionen modellieren. Abb.: DARPA

Abb.: DARPA

Hinter dem oben erwähnten Klassiker vom Zeitzeugen als „Feind“ des Historikers steckt einerseits eine –nicht mehr haltbare – Vorliebe früherer Historiker-Generationen für das Akten, für das Quellenstudium.

Andererseits ist es ein bekanntes Phänomen, dass sich der Rückblick von Beteiligten über die Jahre hinweg im Sinne ihrer eigenen Deutung von Geschichte „begradigt“, oft auch nur von Dritten Gehörtes mit den eigenen Erinnerungen verschmilzt. Und dann passen Forschungsergebnisse und von Zeitzeugen Erinnertes oft nicht mehr zueinander.

Längst haben Historiker und Didaktiker aber auch erkannt, dass „erzählte Geschichte“ wichtige Puzzle-Teile für unser Bild vergangener Ereignisse und Zusammenhänge liefern: über das hinaus, was offizielle Akten vermerken.

Auslöser des jüngsten Zeitzeugen-Disputs war die Kritik des früheren Zwickauer Dompfarrers Edmund Käbisch, Richter erlaube ihm und anderen nicht mehr, als Zeitzeugen in den Schulen aufzutreten. Der Direktor hatte dies zurückgewiesen. Autor: Heiko Weckbrodt

 

2 Kommentare

  1. Henry Krause sagt

    Mir ist unerklärlich, wieso Herr Dr. Käbisch eine Erlaubnis des Direktors der Landeszentrale braucht, um in Schulen oder sonstwo als Zeitzeuge aufzutreten?

    • Weil er Honorar haben will und ein Auftritt vor Schülern natürlich eine andere Wertigkeit hat, wenn er durch die Landeszentrale vermittelt wurde.

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